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17. November 2014

Früh reif: Tipps zur Pubertät

Schamhaare mit acht, Busen mit neun, die Pubertät beginnt immer früher. Woran liegt das? Und wie sollen Eltern darauf reagieren? Der renommierte Pädagoge und Buchautor Allan Guggenbühl rät Müttern und Vätern zur Gelassenheit.

Junges Mädchen schminkt sich.
Holpriger Abschied von der Kindheit: Die Pubertät irritiert oft das Umfeld genauso wie die Jugendlichen selbst (Plainpicture).

Der Umbruch vom Kindes- zum Erwachsenenalter beginnt immer früher. Das verunsichert viele Eltern. Und führt zur Frage: Ist das noch normal? Die Verschiebung der Pubertät nach vorn ist vor allem seit dem 19. Jahrhundert markant. Damals bekamen Mädchen im Schnitt zwischen dem 15. und dem 17. Lebensjahr zum ersten Mal ihre Periode. Ursache für das späte Einsetzen der Geschlechtsreife waren die schlechteren Lebensbedingungen, wie fehlende Hygiene oder Mangelernährung. Diese verbesserten sich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 60er- und 70er-Jahren setzte das Brustwachstum bei Mädchen zwischen dem 8. und dem 13. Lebensjahr ein, im Schnitt mit 10 Jahren; das Hodenwachstum bei Jungen zwischen 9 und 14 Jahren, im Schnitt mit 12.

Der Startschuss für die Geschlechtsreife fällt im Kopf

«In den letzten Jahren hat sich dieses Durchschnittsalter nun bei Mädchen wie bei Buben um rund ein weiteres Jahr nach vorn verschoben», sagt Christa Flück (47), Leitende Ärztin an der Universitätsklinik für Kinderheilkunde Bern. Einen Grund zur Beunruhigung sieht die Hormonexpertin darin aber nicht: «Bisher verschiebt sich das Pubertätseintrittsalter nicht unter die Grenze von acht beziehungsweise neun Jahren.» Nur wenn die Pubertät noch früher eintritt, muss die Medizinerin davon ausgehen, dass etwas nicht stimmen könnte. Den genauen Mechanismus, der die Pubertät auslöst, kennt man nicht. Eins ist jedoch klar: Der Startschuss fällt im Kopf.

Schamhaare, Brüste oder eine tiefere Stimme

Im Kindesalter ist die Pubertät blockiert. Mit der Pubertät wird diese Blockade aufgehoben und veranlasst durch Freisetzen des Hormons Gonadoliberin die Hirnanhangdrüse zur Ausschüttung ihrer Signalstoffe. Diese wiederum stimulieren Hoden und Eierstöcke, Sexualhormone zu produzieren – jene Signalstoffe, die als hauptverantwortlich für die körperliche und psychische Veränderung in der Pubertät gelten: Ein Wachstumsschub setzt ein, die Scham- und andere Haare am Körper spriessen, bei den Mädchen wächst die Brust, zwei bis drei Jahre später bekommen sie das erste Mal ihre Periode. Bei Jungen wächst der Kehlkopf, irgendwann wird die Stimme tiefer.

Überernährung führt zu einer früheren Pubertät

Stress, Ernährung, die zunehmende Verstädterung: Was genau dazu führt, dass diese Blockade immer früher fällt, ist noch nicht ganz geklärt. «Was man weiss: Überernährung führt zu einem früheren Pubertätsbeginn», sagt Christa Flück. Bei einer Magersucht ist es umgekehrt. Bekommt der Körper nicht mehr genügend Energie, stellt er als eine der ersten Sparmassnahmen die körperliche und sexuelle Reifung ein, Frauen haben dann keinen Zyklus mehr. Und auch chemische Substanzen kommen als Ursache in Frage, besonders Plastikbestandteile wie Bisphenol A. Diese Weichmacher, die in vielen Haushaltsstoffen enthalten sind und zum Teil das Wasser und die Nahrung belasten, wirken Östrogen-ähnlich und können dem Körper das Signal vermitteln, mit dem Pubertätsschub zu beginnen.

Aus schulischer Sicht ist die Pubertät ein Störfaktor

Auch wenn es medizinisch gesehen nicht bedenklich ist, mit neun Jahren in die Pubertät zu kommen, kann das aus pädagogischer Sicht doch zu Problemen führen. Dann nämlich, wenn der Kopf erst später dem Körper folgt. Auch der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl (62) gibt zu bedenken: «Kommt ein Kind sehr früh in die Pubertät, führt das nicht selten zu einer Diskrepanz zwischen körperlicher und geistiger Entwicklung. Denn oft ist es geistig noch nicht in der Lage, die körperlichen Veränderungen zu verstehen.» Und ist ein Mädchen das einzige in seiner Klasse, dem schon Brüste wachsen, führt das nicht selten zur Entfremdung von den Kolleginnen, die noch mehr Kind sind. Auch aus schulischer Sicht können sich Eltern freuen, wenn es ein bisschen später losgeht. Allan Guggenbühl: «Die Pubertät kann zu einem Störfaktor in der Schulkarriere werden. Gerade im Alter von zehn, elf Jahren stehen wichtige Entscheidungen wie die Art der weiterführenden Schule an. Ablenkungen und Unsicherheiten senken die Lernbereitschaft.»

Die Gefahr, dass früh pubertierende Mädchen auch gleichzeitig sexuell aktiv werden, schätzt der Psychologe als gering ein. «Sexualität muss auch mental als Thema entdeckt werden, es muss darüber geredet und fantasiert werden, bevor man aktiv wird. Geschlechtsreife allein genügt nicht.» Generell rät der Experte den Eltern erst einmal zur Gelassenheit in Sachen Pubertät, ob sie nun früh oder später beginnt.

Autor: Evelin Hartmann