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30. Juli 2012

Fröhliches Kinderzimmer

Bänz Friedli ordnet das Chaos.

Erzählten Freunde, die schon vor uns Eltern geworden waren, von den vermüllten Puffzimmern ihrer Teenies, dachte ich stets: Das wird uns nie passieren. Nun ist mir auch klar, weshalb es uns lange Zeit nicht passiert ist. Weil ich die Ermahnungen meiner Frau — «Du musst ihnen nicht immer alles aufräumen, sonst lernen sie es nie!» — in den Wind schlug und meist allen Kinderkram selber aufräumte, nachdem die Kinder ihrerseits meine Ermahnungen ignoriert hatten, sie sollten aufräumen. Ich bin halt der Henä. (Sie kennen die Band Stiller Has nicht? Der Henä ist ein Abwart aus einem Lied, das bei uns längst in den Familienjargon übergegangen ist: «We s dr Henä nid macht, de machts ja wieder kenä.») Haben sie etwas verlegt, blaffen sie mich an: «Henä, wo ist mein Geo-Dreieck?»

Okay, es gab Versuche, den Henä zu entlasten. Hans etwa überredete uns, die «Aufräumliste» einzuführen, die er bei Bekannten gesehen hatte: Wenn das Kind selber aufräumt, erhält es einen Punkt. Sind, sagen wir mal, 20 Punkte erreicht, gibts eine vorher ausgehandelte Prämie. Bei Hans war das dann jeweils die Einrichtung für ein Zimmer des Playmobil-Hauses. Was dazu führte, dass er, sehnte er zum Beispiel die Möbel der Packung «Fröhliches Kinderzimmer» herbei (Bestellnummer 5333), an einem Nachmittag bis zu vier Mal selber «aufräumte» und entsprechende Honorierung heischte. Seine Schwester gewöhnte sich gar von sich aus an, ihr Zimmer sonntags jeweils wieder einigermassen begehbar zu machen. Die Ordnung hielt dann zwar meist nur bis Montagmittag, aber immerhin.

«Henä, wo ist mein Geo-Dreieck?»
«Henä, wo ist mein Geo-Dreieck?»

Inzwischen weiss ich aus eigener Anschauung, wie ein Teeniezimmer aussieht, in das man sich als Vater kaum mehr einen Fuss zu setzen getraut beziehungsweise gar keinen Fuss mehr setzen kann, so verstellt ist es. Im letzten Quartal war Anna Luna so eingespannt, dass sie über Wochen alles genau dort liegen liess, wo sie es hingeschmissen hatte: Fussballtrikots, Schulbücher, Unterhosen, Zettel, Zmittagböxli, Taschen mit nassen Badetüchern … Und als ich beim Anblick des Chaos fassungslos ausrief: «Anna Luna, wie sieht es denn bei dir aus?», lachte sie entwaffnend: «Vati, das isch dänk es Stilläbe.» Wie immer musste ich lachen, statt zu schimpfen. Die Sauerei war also ein Stillleben! Wollte sie dafür vielleicht auch noch einen Kunstpreis?

«Henä, wo ist mein Geo-Dreieck?»

Es geht nichts über schlagfertige Kinder. Eine Christa erzählt, am Geburtstagszvieri des zwölfjährigen Göttibuben sei Schwarztee serviert worden. Das Geburtstagskind sagte: «Chan ich na d Milch haa?» Darauf sein Vater, der das Wort «bitte» vermisste: «Es fählt na öppis!» Der Junge prompt: «De Zucker!» Hans frotzelte neulich, als wir auf unseren Velos doch tatsächlich von einem Rolls überholt wurden und unseren Augen kaum trauten: «Gäu, Vati, der Rolls-Royce ist so etwas wie der Rolls-Royce unter den Autos?» Es war eine Spitze gegen mich, der ich mich oft mit keiner besseren Metapher zu behelfen weiss und Dinge sage wie: «Safran ist so etwas wie der Rolls-Royce unter den Gewürzen.»

Als sie den Spruch mit dem «Stilläbe» gelandet hatte, sagte Anna Luna übrigens nach kurzer Pause — und sie sagte es zum allerersten Mal in all den Jahren —: «Den bringst du in der Zeitung, gäu?» Aber, nein, doch. So etwas würde ich nie tun!


Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.
Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli