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04. Februar 2013

Fritz, der Märchenonkel

Als Gschichtefritz erzählt und vertreibt Andri Krämer Geschichten für Kinder. Seine Kunden entscheiden selbst, ob und wie viel sie für die Abenteuer vom blauen Dino und vom Roboter Beni bezahlen möchten. Hören Sie oben Ausschnitte aus Andi Krämers Erzählungen.

Andri Krämer ist zurückhaltend: Beim Gschichtefritz sollen Geschichten im Vordergrund stehen und nicht seine Person.
Andri Krämer ist zurückhaltend: Beim Gschichtefritz sollen Geschichten im Vordergrund stehen und nicht seine Person.

Andri Krämer (39) alias Gschichtefritz ist ein geduldiger Mann. Wenn aber jemand Monat für Monat bei ihm Geschichten bestellt, ohne auch nur je einen Franken zu überweisen, dann setzt sich der dreifache Vater schon mal hin und schreibt besagter Person freundlich-resolut, dass es nett wäre, zumindest für Porto und Material einen kleinen Zustupf zu erhalten. «Denn auch wenn ich für meine Geschichten keinen Preis nenne», sagt der Softwareentwickler aus Zürich, «hat doch jede ihren Wert.»

Das Konzept von Krämers Kindergeschichtendienst ist so überraschend wie simpel. Wer auf www.gschichtefritz.ch eine CD oder ein MP3-File mit den Abenteuern vom blauen Dino oder vom Roboter Beni bestellt, erhält mit seiner Lieferung einen leeren Einzahlungsschein. Der Kunde entscheidet dann selber, was ihm die Geschichte wert ist. «Viele zahlen zwischen 15 und 20 Franken. Andere wiederum schicken einen Fünfliber», erzählt Andri Krämer. Er wisse aber auch von alleinerziehenden Müttern, die sich selbst diesen kleinen Betrag nicht leisten könnten: «Da will ich dann natürlich keinen Schtutz.»

Auch wenn ich für meine Geschichten keinen Preis nenne, hat doch jede ihren Wert.

Das Projekt «Gschichtefritz» nahm 2006, mit dem anstehenden dritten Geburtstag von Krämers Neffen Fabian, seinen Anfang. Onkel Andri, als Informatikingenieur und Musiker mit eigener Band mit dem nötigen Know-how ausgestattet, nahm in Eigenregie eine erste Geschichte von einem blauen Dino auf, der für sein Leben gern mit Araldit und Cementit klebt. Zu Fabians viertem Geburtstag dachte er sich dann den Roboter Beni aus, der zusammen mit einem Mädchen und einem Buben diverse Abenteuer erlebt. Als immer mehr Kinder eine CD-Kopie wollten und der Ruf nach weiteren Geschichten laut wurde, war die Idee vom Gschichtefritz geboren.

Heute arbeitet Andri Krämer drei Tage pro Woche als Softwareentwickler, einen Tag kümmert er sich um Haushalt und seine drei Kinder, und einen Tag ist er der Gschichtefritz. Dann zieht er sich in sein Tonstudio, einen Luftschutzkeller, zurück und tüftelt an neuen Geschichten, «fröhliche und spannende, so wie ich sie als Kind auch gern gehört hätte». Erste Testhörer sind jeweils seine beiden grossen Buben — zwei- und vierjährig — sowie seine Frau, eine Handarbeitslehrerin.

Jeden Monat verschickt Krämer um die 1000 Geschichten auf CD

Andri Krämer möchte mit seinen Geschichten möglichst vielen Kindern Freude machen, ohne finanziell draufzulegen. Dass er dazu auf ein sehr fragiles Geschäftsmodell setzt, gibt er unumwunden zu: «Wenn ich von Knauseris oder Geiz-ist-geil-Typen überrannt würde, hätte ich ein echtes Problem», sagt er. Bereits musste er eine Bestellgrenze von drei Geschichten pro Monat einführen, da «einige Leute mit dem Begriff gratis schlecht umgehen können».

Von Grafiker Reto Lamprecht stammen die Illustrationen der CDs.
Von Grafiker Reto Lamprecht stammen die Illustrationen der CDs.

Wenigstens könne er es sich seither leisten, seinen Freund Reto ab und zu auf einen feinen Zmittag einzuladen. Von Grafiker Reto Lamprecht stammen die Illustrationen der CDs. Der Gschichtefritz macht keine Werbung, sondern setzt auf Mundpropaganda: «Finden die Leute cool, was ich mache, dann erzählen sie es eh weiter.» Das Konzept scheint aufzugehen: Rund 1000 Geschichten auf CDs bringt Krämer pro Monat zur Post, jede versehen mit einer persönlichen Widmung für das jeweilige Kind, ein Spezialservice, auf den Krämer besonders stolz ist. Bestellungen von MP3-Dateien stammen häufig von Auslandschweizern: In Frankreich, Kanada, selbst in Hongkong und Vietnam freuen sich Kinder über die Mundartstücke.

Für den Fototermin mit dem Migros-Magazin ist Andri Krämer in seine Gschichtefritz-Kluft geschlüpft, als Tarnung sozusagen. «Beim Gschichtefritz stehen die Geschichten im Vordergrund und nicht meine Person», sagt er, «daher möchte ich auch nicht auf der Strasse erkannt werden.» Und sowieso: «Wie die Brüder Grimm ausgesehen haben, interessiert ja auch keinen.»

Wie lang er diese Tarnung noch aufrechterhalten kann, ist eine andere Frage: Seine Geschichte «De Beni im Fotiautomat» wurde nämlich für den Wettbewerb des dritten Hörspielfestivals SonOhr nominiert, das Anfang Februar in Bern über die Bühne geht.

www.gschichtefritz.ch

Autor: Almut Berger

Fotograf: Reto Lamprecht (Illustrationen), Geri Krischker