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22. September 2014

Frischer Wind in den Schweizer «Jugis»

Premiere: Am 5. September eröffnete in Saas-Fee die weltweit erste Wellness-Jugendherberge. Sie steht für den Wandel bei den «Jugis», die den Mief vergangener Tage abgelegt haben. Die modischen Hostels sind eine Antwort des Tourismusstandorts Schweiz auf die oft kritisierten hohen Preise.

Jugis
Ein Restaurant, modernes Design und viel Licht: Das Angebot der gut zwei Jahre alten Jugendherberge in Interlaken unterscheidet sich optisch nicht mehr stark von einem Hotel.

Indisches Pouletcurry mit Saisongemüse und Parfümreis, Spargel-Tomatenrisotto mit Rucola und gebratenem Broccoli oder Rindsfiletstreifen Teriyaki mit Ingwer und marktfrischem Gemüse: Die Menüauswahl – notabene zu Preisen zwischen 12.50 und 26.50 Franken – gehört nicht zu einer Trendbeiz in einer Schweizer Grossstadt. Sie ist Teil des kulinarischen Angebots der Jugendherberge Interlaken BE, die vom interna­tionalen Jugendherbergen-Netzwerk Hostelling International als «Best Hostel 2013» ausgezeichnet wurde.

Viele asiatische Touristen in der Jugendherberge von Interlaken

Beim Besuch an einem Montagabend ist das Restaurant etwas verwaist. Eine Handvoll Asiaten spielt mit ihren Smartphones. Ein junges Paar aus Fernost hat eine Nudelsuppe im Plastikbecher mitgebracht. Während sich an der Rezeption abends um 20 Uhr eine Schlange fürs Check-in bildet, lesen die auf­fallend jungen Gäste in der Lounge gleich daneben dank kostenlosem Wi-Fi Mails auf ihren Tablets.

Die Doppelzimmer mit Dusche/WC und Aussicht auf die Aare und den Interlakner Hausberg Harder sind nur mit dem Nötigsten eingerichtet: zwei relativ schmale Betten, zwei Nachttische, zwei Lampen, ein kleiner, viereckiger Schreibtisch mit einem Hocker, ein Kleiderschrank. Wer im «Jugi»-Zimmer einen Fernseher oder eine Minibar erwartet, sollte ins Hotel wechseln. Das saubere Holzparkett sorgt für ein behagliches Wohngefühl. Die Doppelzimmer sind beliebt, Massenschläge in «Jugis» weit weniger. Das bestätigt Ueli Zürcher (48), Betriebsleiter in Interlaken: «Gefragt sind kleinere Zimmereinheiten. Die Doppelzimmer sind immer zuerst ausgebucht. Uns besuchen auch Familien, die sich ein Vier-Sterne-Hotel leisten könnten, aber lieber bei uns übernachten, weil hier die Kinder herumrennen dürfen.» Zum Angebot gehören sogar Zimmer mit einer grosszügigen Privatterrasse. Interlaken ist eine von 52 Schweizer Jugendherbergen, die sich in die Kategorien «Simple», «Classic» und «Top» unterteilen. «Top» heisst: moderne Architektur und private Zimmer. Auch «Top» ist Gstaad BE, die als 52. «Jugi» Anfang Juni mit 158 Betten eröffnete – als moderne Interpretation klassischer Saanenländer Chalets. Wie der Neubau in Interlaken erfüllt der jüngste «Jugi»-Zuwachs die höchsten ökologischen Minergie-Standards.

Eine Weltpremiere in Saas Fee: erstes Wellness-Hostel

In diesem für die Non-Profit-Organisation speziellen Jahr 2014 feiern die Schweizer Jugendherbergen ihren 90. Geburtstag – erfolgte mit der Eröffnung des Wellness-Hostels in Saas-Fee VS ein weiterer Meilenstein. Es ist das erste Hostel weltweit, das über ein eigenes Sport- und Wellnesszentrum verfügt. 168 Betten stehen zur Auswahl.

Die neuesten Schweizer «Jugis» sind exemplarisch für die Entwicklung: Der Mief vergangener Tage ist weg. Heute weht ein moderner Zeitgeist durch die Unterkünfte. Das zeigen auch die stark variierenden Preise. In St. Moritz beispielsweise, das wie Saas-Fee ebenfalls «Top» klassifiziert ist, kostet eine Nacht im Doppelzimmer mit Dusche/WC im Winter 97 Franken pro Person. Betriebsleiter Roland Fischer (48) sagt: «Die neue Generation unserer Familienzimmer entspricht einem Drei-Sterne-Hotel. Unser Preis-Leistungs-Verhältnis ist für St. Moritz extrem gut.»

Die «Jugi» gehört mit ihren 306 Betten zu den grössten Anbietern im Engadin und ist – im Gegensatz zu den meisten Betrieben vor Ort – das ganze Jahr geöffnet. In der Lobby steht ein Fernseher neben einer Bar und einer Lounge. Im Cheminée lodert ein Feuer. Die Materialien erinnern an ein Designhotel. Ein Speisesaal wurde letztes Jahr zum Fondue- und Raclettestübli umfunktioniert. Das Prinzip der Jugendherbergen gilt auch hier: Die Zimmer sind zum Übernachten, in den Aufenthaltsräumen trifft man sich zum Diskutieren, Tischtennisspielen oder Surfen im Internet. «Gerade im Sommer übernachten bei uns viele Sportler. Hier fühlen sich Gäste wohl, die es gern unkomplizierter als in einem Hotel haben», sagt Fischer.

Der Betriebsleiter wohnt während der Saison in der «Jugi»

Zu «Classic» (günstig und gut) zählt der Standort Richterswil am Zürichsee. Dort bezahlt man für ein Bett im Viererzimmer 37 Franken pro Nacht. «Classic» heisst aber auch: Dusche und WC befinden sich auf der Etage und nicht im Zimmer. «Wir ermöglichen Ferien für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen», sagt Betriebsleiter Daniel Walser (40), der während der Saison selbst in der «Jugi» wohnt.

In Richterswil übernachten viele Familien, Angehörige von Behindertenheimen, da das Haus rollstuhlgängig ist, aber auch Einzelreisende oder Handwerker, die für eine Arbeit gleich mehrere Tage eine Bleibe suchen. Die ehemalige Seidenfabrik steht nur ein paar Meter vom See und der öffentlichen Badi entfernt. Das Beizli im grosszügigen Park bietet saisonale Gerichte, Glace und Getränke an. Da kommt schnell Ferienstimmung auf.

Industriechic in Interlaken BE

Die Jugendherberge Interlaken beim Bahnhof Ost hat am 5. Mai 2014 ihr zweijähriges Bestehen gefeiert.

Zimmer: 60, davon 18 Doppelzimmer. Maximal 220 Gäste.

Preise: Ab 37.30 Franken pro Person im Sechsbett­zimmer mit Etagendusche inklusive Frühstücksbuffet, Bettwäsche und Taxen. Zweibettzimmer mit Dusche/WC 128.60 Franken pro Person.

Tipp: Doppelzimmer mit Terrasse buchen. Sie sind nur 4 Franken teurer.

Besonderes: Viele asiatische Gäste, Rucksacktouristen, aber auch solche mit Rollkoffer.

Infos: www.youthhostel.ch/de/hostels/interlaken

Riesiger Holzbau in den Alpen

Etwas versteckt am Waldrand, am südlichen Ufer des St. Moritzersees befindet sich die «Jugi» von St. Moritz-Bad GR.

Zimmer: 306 Betten.

Preise: Ab 36 Franken pro Person im Vierbettzimmer.

Ein Doppelzimmer mit Dusche/WC kostet ab 77 Franken pro Person.

Tipp: Nur 400 Meter von der «Jugi» entfernt ist das neue Bad von St. Moritz.

Besonderes: Dach mit Solaranlage. Ganzjahresbetrieb. Stilvolle Lobby mit TV, Bar und Lounge.

Infos: www.youthhostel.ch/de/hostels/st-moritz

Historisches Haus am Zürichsee

Die Jugendherberge Richterswil ZH befindet sich in einer ehemaligen Seidenfabrik, direkt am Zürichsee und ist umgeben von einem grossen Park.

Zimmer: 15 Zweibett-, 11 Vierbett- und ein Sechsbettzimmer.

Preise: Ab 37 Franken pro Person im Mehrbettzimmer, ab 99 Franken pro Person im Doppelzimmer inklusive Frühstücksbuffet.

Tipp: Abendessen ab 17.50 Franken. Besonderes: Rollstuhlgängiges Gebäude.

Infos: www.youthhostel.ch/richterswil

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Michael Sieber