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29. Mai 2012

Frische Luft und heisse Beats

Schweizer sind ein einig Volk von Open-Air-Fans. In keinem anderen Land gibt es eine grössere Auswahl an Musikfestivals unter freiem Himmel. Fünf Enthusiasten verraten, warum sie dieses Jahr an einen bestimmten Anlass gehen und was sie dort tun werden.

Open Air St. Gallen: Der Schlamm ist Stammgast im Sittertobel. Die Besucher sind entsprechend gerüstet und feiern erst recht. (Bild: (Keystone/Ennio Leanza)

Die Schweiz – das Land des Käses und der Uhren? Sicher. Vor allem aber haben wir die höchste Dichte an Open-Air-Festivals weltweit. Zwischen Boden- und Genfersee finden dieses Jahr 122 Musikevents unter freiem Himmel statt. Zum Vergleich: In den Weiten der USA sind es bloss 13, in Kanada magere 3. Dürftig sieht es auch auf der anderen Seite der Erdkugel aus. Im riesigen Russland gibt es nur ein einziges Open Air. Immerhin: Spanien hat 23, England 25 und Deutschland sogar 66. Das grösste Problem hiesiger Musikfans ist also weniger ob, sondern an welches Open Air sie gehen sollen.

Welches ist «mein» Open Air?

Die sechs Festivalbesucher, ihre passenden Open-Air-Ziele und praktische Tipps.


Open Air St. Gallen: 28. Juni bis 1. Juli 2012

Der Budget-Engel

Simone Göllner (23), Bern, Studentin, M-Budget-Helferin in St. Gallen

Simone Göllner (23), Bern, Studentin, M-Budget-Helferin in St. Gallen. (Bild: Severin Nowacki)
Simone Göllner (23), Bern, Studentin, M-Budget-Helferin in St. Gallen. (Bild: Severin Nowacki)

«Ich freue mich darauf, ein Festival mal aus einer anderen Perspektive zu erleben. Seit Jahren gehe ich treu auf den Gurten. Als ich das Line-up von St. Gallen sah, wollte ich da unbedingt auch hin. Als arme Studentin – ich schliesse im Sommer ab und bin dann Primarlehrerin – kann ich mir zwei Festivals aber nicht leisten. Darum bewarb ich mich als M-Budget-Helferin und muss am Donnerstag sechs Stunden lang andere Festivalbesucher unterstützen: beim Gepäckschleppen oder Aufstellen der Zelte. Als ehemalige Pfadfinderin weiss ich, wie das geht. Als Gegenleistung bekomme ich einen Vier-Tage-Pass. Ich freue mich speziell auf die Indie-Band The Kooks. Und natürlich auf Kuno Lauener von Züri West. Die spielen zwar auch auf dem Gurten, aber Kuno kann man gar nicht oft genug sehen. Ich bin gespannt, wie das wird, Züri West inmitten von St. Gallern, Zürchern, und Thurgauern zu erleben.»


Open Air Frauenfeld: 6.–8. Juli 2012

Der Veteran

Kurt Haag (59), Frauenfeld, Festivalbesucher

Kurt Haag (59), Frauenfeld, Festivalbesucher (Bild: Daniel Fontana)
Kurt Haag (59), Frauenfeld, Festivalbesucher. (Bild: Daniel Fontana)

«Der Festival-Sonntag fällt genau auf meinen 60. Geburtstag. Richtig gross feiere ich aber schon am Samstagabend mit Freunden ausserhalb des Festgeländes. Mal schauen, ob ich dann am Sonntag überhaupt noch anstossen mag oder einen schweren Kopf mit mir herumtragen muss. Zum ersten Mal darf dieses Jahr auch mein 16-jähriger Sohn Alexander mit. Es ist Ehrensache, an einem Open Air im Zelt zu übernachten. Wenn es dunkel wird, geht die Party schliesslich erst richtig los. Mein Sohn übernachtet aber mit seinen Kollegen. So ein Junger will ja nicht den ganzen Tag seinen Bäppel im Rücken haben, der aufpasst. Das müsste ich also auch nicht haben. Er weiss selber, was er zu tun hat. Ich muss mir jedes Jahr Sprüche von Teenies anhören, die sich wundern, was so ein Alter an einem Open Air will. Als Alt-68er stehe ich da drüber, das ist mir wurst. Wir klopften früher ja auch Sprüche. Ich bin mit den Stones aufgewachsen. Sie live in Frauenfeld zu sehen, war ein Highlight. Ich weiss noch, dass sie an einem Donnerstag spielten und mein Chef mich am nächsten Morgen um elf Uhr mit seinem Anruf weckte. Ein anderes Mal wachten wir völlig verkatert am Sonntagmorgen auf, weil eine Band mit Reggae loslegte. Das ganze Volk schleppte sich aus den Zelten und latschte im Reggae-Schritt Richtung Bühne. Das war, glaube ich, der allerschönste Moment.»


Open Air Gampel: 16.–19. August 2012

Der Veranstalter

Mike Schälchli (38), Kloten ZH, Geschäftsführer des Open Airs Gampel

Mike Schälchli (38), Kloten ZH, Geschäftsführer des Open Airs Gampel (Bild: © Ueli Christoffel)
Mike Schälchli (38), Kloten ZH, Geschäftsführer des Open Airs Gampel (Bild: © Ueli Christoffel)

«Gampel ist berühmt für seine spezielle Atmosphäre, seinen Spirit. Dem Publikum ist die Party drum herum genauso wichtig wie die grossen Namen. Darum heisst der Slogan auch ‹iischi Party›. Das Wallis assoziiert man sowieso mit Ferien und Feiern – und schöner Bergkulisse. Das führt allerdings immer wieder zu Verwirrung. Gerade aus der Westschweiz kommen oft Fragen, ob man Bergschuhe tragen müsse oder eine Seilbahn fahre. Da kann ich beruhigen. Gampel liegt nicht auf dem Matterhorn, sondern in einer Talsohle, ist erschlossen und zivilisiert, wenn auch nicht ganz gebändigt. Das Publikum ist viel offener als an anderen Festivals, auch gegenüber anderen Musiksparten. Selbst jene, die wegen Deichkind kommen, haben auch Party, wenn dann ein Rapper wie Stress auf der Bühne steht. Etliche Cliquen aus der ganzen Schweiz treffen sich regelmässig bei uns. Die Innerschweizer sind gut vertreten, vor allem die Urner, die mobilisieren mit ihrer Walterli-Bar jedes Jahr 300 bis 400 Leute. Das grosse Highlight dieses Jahr auf der Hauptbühne sind die Foo Fighters. Ausser für mich. Ich freue mich auf Cypress Hill und Eagles of Death Metal. Aus rein persönlichen Geschmacksgründen.»


Heitere Open Air Zofingen: 10.–12. August 2012

Die Zentrale

Eliane Bill(45), ruhender Pol, und Christoph (41), Chef des Heitere

Eliane Bill(45), ruhender Pol, und Christoph (41), Chef des Heitere (Bild: Daniel Fontana)
Eliane Bill(45), ruhender Pol, und Christoph (41), Chef des Heitere. (Bild: Daniel Fontana)

«Wir warten seit Jahren nicht mehr mit dem Nachtessen auf meinen Mann. Je näher das Festival rückt, desto intensiver arbeitet er, und es reicht oft nicht für den Familientisch. Aber ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, als ich ihn kennenlernte. Deshalb ist das Wallholz noch nie zum Einsatz gekommen. Selber bin ich auch mit dem Heitere-Virus infiziert und seit der zweiten Auflage dabei. Anfangs im Büro und der Künstlerbetreuung. Später reduzierte ich mein Engagement den Kindern zuliebe. Während des Open Airs bin ich immer noch vor Ort – und zwar mittendrin im Backoffice als Ansprechpartnerin für Künstler, Mitarbeiter und Lieferanten. Ich picke mir immer einige Rosinen aus dem Programm und versuche trotz Funkgerät am Ohr vom Backstage Eingang aus wenigstens einige Songs zu geniessen. Dieses Jahr spekuliere ich auf Taio Cruz und die britische Popband Hurts.»


Gurtenfestival: 12.–15. Juli 2012

Der Bühnenbauer

Jürg Guidon (41), Bern, Chef der Firma «Röck-’n’-Röll-Krew»

Jürg Guidon (41), Bern, Chef der Firma «Röck-’n’-Röll-Krew». (Bild: Severin Nowacki)
Jürg Guidon (41), Bern, Chef der Firma «Röck-’n’-Röll-Krew». (Bild: Severin Nowacki)

«Wir sorgen dafür, dass Ton, Licht und vor allem die Bühnen rechtzeitig stehen – und bis zum letzten Ton stehen bleiben. Ich bin seit 1996 dabei. Im Unterschied zu den Anfangszeiten sehe ich heute die Dinge gelassener. Mir ist wichtig, dass wir alles nach Zeitplan managen, es keine Unfälle gibt und die Bands Freude am Gurten haben. Wenn wir wegen Sonderwünschen eines Stars alles umbauen müssen, kann das alles über den Haufen werfen. Das kostet Nerven. Internationale Bands sind gewohnt, mit Sattelschleppern direkt hinter die Bühne zu fahren. Auf dem Gurten können sie das nicht, da muss man alles in Kleinlastern den Berg hoch karren. Das verlangt Flexibilität von allen Seiten. Wir werken zwar manchmal noch auf der Bühne herum, wenn die Stars rauskommen. Man spricht sie aber nicht an und fragt auch nicht nach einem Autogramm, das ist tabu. Dieses Jahr freue ich mich besonders auf die Leningrad Cowboys am Sonntagabend mit ihren überlangen Stirntollen und Stiefeln. Das ist tipptopp.»

Autor: Ruth Brüderlin