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08. Februar 2016

Frieren für den modischen Auftritt

Wer etwas auf sich hält, trägt im Moment nackte Knöchel, pelzbesetzte Kapuzen und als Mann Haare im Gesicht. Die Tage des Hipsterbartes sind allerdings schon bald gezählt – ein Dilemma für Modebewusste.

Popstar Rihanna
Pelzkragen und nackte Knöchel: Popstar Rihanna,

Auf der Strasse, im Tram und auch im tiefsten Winter: Ein Blick auf die Füsse Jugendlicher lässt einen erschaudern. Denn viele der unteren Extremitäten stecken zurzeit in dünnsohligen Turnschuhen. Etwa eine Handbreit darüber beginnt das Hosenbein. Dazwischen: Nacktheit. Anders siehts am oberen Ende aus: Da werden riesige Kapuzen spazieren geführt, gern dekoriert mit einem überdimensionalen Kunstpelz.

Ausgedient hat dafür bald eine andere Art von Fell: Der Hipsterbart. Kaum hat sich die Gesichtsbehaarung in der Masse durchgesetzt, steht sie bereits wieder zur Diskussion. Stilexperte Jeroen van Rooijen (45) sprach kürzlich im Pendlerblatt «20 Minuten» von einem echten Dilemma für Hardcore-Fashionistas, weil der Bart Mainstream-Qualität erreicht hat: Soll der Bart wirklich genau dann weg, wenn er nicht mehr in ist?, laute die Frage der Hipster.

Etwas entspannter hats der durchschnittlich modebewusste Jugendliche. Er will in erster Linie gleich aussehen wie seine Freunde. Auffallend dabei: Die Outfits von Mädchen und Jungen haben sich stark angenähert. Manchmal erkennt man das Geschlecht erst an der Haarlänge. Stilexpertin Luisa Rossi freut sich vor allem über das Stilbewusstsein junger Männer: «Sie sind mutiger geworden und kommen gepflegter daher als noch vor ein paar Jahren.» Ihr Tipp an alle Stilbewussten: in qualitativ gute Schuhe investieren; zehn Paar für den Sommer, zehn für den Winter. Hier lohne es sich, etwas mehr Geld auszugeben.

Luisa Rossi (52) ist Stilberaterin und Fashion-Moderatorin am TV und bei Shows
Luisa Rossi (52) ist Stilberaterin und Fashion-Moderatorin am TV und bei Shows. (Bild zVg)

STIL-EXPERTIN LUISA ROSSI

«Mit diesem Style haben die Jugendlichen wenigstens oben warm»

Luisa Rossi, warum frieren sich Jugendliche lieber die Füsse ab, als «anständige» Schuhe und Socken zu tragen?
Das richtige Styling ist halt wichtig in dem Alter. Jetzt gerade sind Sneakers in, aber man darf keine Socken sehen. Darum trägt man diese winzigen, fast unsichtbaren Söckchen. Dazu krempelt man die Hosenbeine hoch.

Und friert.
Die Frauen wahrscheinlich schon. Aber die sind knallhart, nach dem Motto «Never compromise on style». Mein Sohn ist 23 und kleidet sich auch so. Ich sag ihm regelmässig: «Es ist kalt draussen!». Aber ich glaube, Männer frieren kaum.

Zu den nackten Knöcheln gesellen sich zurzeit pelzbesetzte Kapuzen.
Genau, und dicke Schals. Immerhin: So haben sie wenigstens oben warm. Es sieht aber auch gut aus und ein wenig unisex. Ich würde mich über mehr Individualität freuen. Aber ich weiss auch: Jugendliche wollen eine Einheit bilden.

Lieber, als sich von der Masse abzuheben?
Ja, für viele Teenager ist es wichtig, das gleiche Outfit zu tragen wie ihre Freunde. Damit signalisieren sie Zugehörigkeit zur Gruppe.

Welche Labels müssen sie zurzeit haben, um dabei zu sein?
Labels sind nicht so wichtig wie auch schon. Wenn die Optik stimmt, kann ein Parka auch von H&M sein. Das ist das Schöne: Es macht Mode erschwinglich. Als ich jung war, gabs Jeans von Marcel Scheiner und den Rest kaufte man in der EPA. Lässige Sachen von «Fruit of the Loom» oder Designerware konnten sich Junge nicht leisten.

Wer setzt die Trends?
Zum Teil Modeblogger, aber meist Musikstars. David Bowie war so ein Trendsetter. Heute ist es Rihanna oder Justin Timberlake. Nur leben die in wärmeren Gefilden, daher etwa die blutten Knöchel.

Eine andere Mode soll bald Vergangenheit sein, der Hipsterbart.
Ja, im Sommer werden wohl die ersten Haare fliegen. Schade! Jetzt haben sich Frauenaugen und -haut gerade daran gewöhnt. Als Bärte vor etwa fünf Jahren zum ersten Mal auftauchten, schrien alle: Wäggi! Heute weiss man: Einige Männer sehen einfach geiler aus mit einem gepflegten Bart. Und er macht aus einem Bubi sofort einen Mann. Einige ehemalige Schulkollegen meines Sohns hab ich mit Bart fast nicht mehr erkannt.

Welcher Modeerscheinung werden Sie weniger nachtrauern?
Den synthetischen Klamotten. Diese waren schon in den 1980ern eine Plage. Wäre man jemandem mit einem Zündholz zu nahe gekommen, wären die ganzen Kunstfasern sofort in Flammen aufgegangen.

Wie sahen Sie damals aus?
Schrecklich! Schulterpolster waren angesagt: mal in der Bluse, mal in der Jacke. Man hatte riesige Schultern, ich auch. Damit man überhaupt noch einen Kopf sah, musste ich Dauerwellen tragen. Ich bekomme Schreikrämpfe, wenn ich daran denke. Schlimm waren auch die Bügelfaltenhosen, die direkt unter der Brust endeten. Man sah aus wie ein Sugus.

Ausser der Jugend kleiden sich die meisten lieber praktisch als trendy.
Das täuscht. Auch für ältere Menschen ist es ein Thema, aber aus Unsicherheit greifen sie zu langweiligen Teilen. Dabei braucht es nicht viel: Eine weisse Bluse, eine gute Jeans und ein Blazer machen schon viel her.

Was kommt modisch auf uns zu?
Auf den Sommer hin werden die Kleider luftiger und bequemer. Und der Metallic-Look kommt, also Metallverzierungen und glänzende Aufdrucke. Das kündigt sich, wie jeder Trend, bei den Accessoires an. 

Strassenumfrage: Ist Ihnen Mode wichtig?

Bilder: Yvette Hettinger

Autor: Yvette Hettinger