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16. April 2012

Friede den Hütten!

Ich habs wieder getan—Schulleitbilder gegoogelt. Ich gebs zu.Wie kann sich einer über gedrechselte Leerformeln aufhalten, werden Sie fragen, wenn er Gescheiteres zu tun hätte; zum Beispiel den Kühlschrank zu enteisen. Aber die luden mich ein, an ihrer Fortbildung zu referieren, die Lehrkörperinnen und -körper — oder wie hiess das gleich? — von Herzogenbuchsee. Also las ich: «In der Balance liegt die Chance.» Wow, Poesie! «Wir geben uns Spielregeln. Kreativität und Individualität sind uns wichtig.» Stirnrunzeln. Ob allzu viele Spielregeln nicht die Kreativität des Individuums bremsen? Dann kams! Schulhaus Mittelholz. Mein Lieblingssatz, seit ich in Schulleitbildern nach hohlen Schlagworten fahnde. Zum Kugeln: «Wir streben an, dass die Kinder selber denken lernen.»

Mittwoch, gegen 15 Uhr. Anna Luna ruft aus dem Wohnzimmer: «Vati, was haben die Kinder früher getan,wenn sie eine Aufgabe nicht lösen konnten?» — «Sie haben sie gelöst.» (Doofe Antwort, aber die erste, die mir einfiel.) «Wie lautet denn die Frage?», hake ich nach. Anna Luna liest vor: «Wie kann sich das Buschwindröschen ausser durch Samen sonst noch weitervermehren?» Schon ist sie im Internet und gibt den Suchbegriff «Buschwindröschen» ein.

«Wie hat man früher Ferien geplant?»
«Wie hat man früher Ferien geplant?»

Blödes Internet. Weiss lauter Dinge, die wir eh schon wussten. Wenn ich meine Maschine aufstarte und sie mich —«Gefällt dir!»—daran erinnert,dass ich den Songwriter Justin Townes Earle mag, denke ich, dass ich das auch so gewusst hätte. Handkehrum… Als die Liebste und ich unlängst eine Vorstellung von «Woyzeck» besuchten und ich im Tram mit meinem Halbwissen schwadronierte, wäre es ja schon irgendwie gäbig gewesen,man hätte es genauer gewusst. «Der Dings…äähm…Büchner starb sehr jung», wusste ich über den Autor. (Georg Büchner, stünde im Internet, starb 23-jährig. Und liegt in Zürich begraben!) «Den‹Woyzeck› hinterliess er nur als Fragment…» (Treffer!) «Und überhaupt hat er ausser ‹Leonce und Lena› glaubs kaum etwas nachgelassen.» (Falsch. Ich vergass «Lenz» und «Dantons Tod».) «War ein Revoluzzer, irgendwie…» (Genauer: Er rief die Landbevölkerung mit der Streitschrift «Der hessische Landbote» zum Widerstand auf. Las ich später im Web nach. Und ich Löli hatte gemeint, die Parole «Friede den Hütten, Krieg den Palästen!» sei von Brecht.)

Schlaues Internet. Ist es nicht wunderschön, dass die Sommerferien schon im Januar begannen? Wir besichtigen vorfreudig Wasserfälle und Hotelzimmer, prüfen und verwerfen Routen, wir buchen und buchen um… «Wie hat man eigentlich früher Ferien geplant?», will Anna Luna wissen. «Poah! Man las halt Bücher. Kannte vielleicht jemanden,der schon mal dort war. Man war aufs Reisebüro angewiesen», sage ich. «Es war aber alles viel umständlicher, viel unsicherer.» Wo waren wir stehen geblieben? Wie sich das Buschwindröschen vermehre… «Vati, ich weiss es eigentlich schon, aber…», sagt sie. «Was heisst ‹Ich weiss es eigentlich,aber…›?» — «…Aber ich will rasch nachschauen, ob es wirklich so ist, dass sie so Wurzeln haben, die… Dings… runtergehen und dann wieder raufwachsen.» Wurzelsprosse! Sie weiss es. Und googelt es trotzdem.

Ob das vielleicht ein gar nicht so stupider Leitsatz war: «Wir streben an, dass die Kinder selber denken lernen»?

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Seine Internetseite: www.derhausmann.ch
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli