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30. November 2015

Fridolin und die sieben Schwestern

Als Wirtschaftsförderer machte Fridolin Schwitter Karriere. Dann suchte er nach einem neuen Sinn im Leben und trat auf Zeit dem Kapuzinerorden bei. Das geistliche Dasein liess ihn nicht mehr los: Nun versucht er sein Glück im Kloster Notkersegg in St. Gallen – bei sieben Ordensschwestern.

Ist ab Frühjahr 2016 im Frauenkloster Notkersegg zu Hause: Bruder Fridolin.
Ist ab Frühjahr 2016 im Frauenkloster Notkersegg zu Hause: Bruder Fridolin.

Bruder des Kapuzinerordens zu sein, hat für Fridolin Schwitter (55) nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Vorteile. Auf Zugfahrten geniesst er gelegentlich im Speisewagen ein Glas Fendant. Dabei macht er mit seiner braunen Kapuzinerkutte offenbar Eindruck, zahlen musste er jedenfalls bislang nicht oft. «Einmal bat mich das Servicepersonal, als Gegenleistung den Speisewagen zu segnen. Das war kein Problem: Eine Segnung ist kein Sakrament. Also konnte ich das auch als Laienbruder tun», sagt Schwitter.

Zu wenig Welt im Kloster

Schwitter sitzt an einem alten Holztisch in einem der vielen Räume des Klosters Wesemlin in Luzern. Er trägt seine braune Kapuzinerkutte. Darunter lugt der Kragen eines Businesshemds hervor. Seinen Job als Wirtschaftsförderer der Stadt Luzern gab er vor sechs Jahren auf, um als «Bruder auf Zeit» in den Kapuzinerorden einzutreten. «Ich war damals 49. Mir war bewusst, dass ich mehr als die erste Hälfte meines Lebens hinter mir hatte. Ich wollte umsteigen, etwas anderes machen.»

Schon als Manager hatte er sich Auszeiten gegönnt und sich monatelang auf Reisen begeben. Eine solche Reise sollte seinen weiteren Lebensweg bestimmen. «In Laos war ich zu Besuch in einem Kloster. Ich sah, wie wichtig solche Einrichtungen in diesem Land sind. Das interessierte mich.» Er begann, sich auch in Europa mit Klosterorden zu befassen. «Die Kapuziner sind ein sehr weltoffener Orden. Ich fand das Angebot gut, als Bruder auf Zeit eintreten zu können, bevor ich mich definitiv verpflichten musste.»

Als bekannt wurde, dass der Wirtschaftsförderer Schwitter Bruder Fridolin wird, war der Rummel um seine Person gross. «Es gab einige Vorurteile. Viele meinten, dass man quasi eingesperrt sei, wenn man ins Kloster gehe. Das ist nicht der Fall», sagt Schwitter, er habe seine Zeit im Kloster frei gestalten können. Er lebte in den Kapuzinerklöstern Brig, Rapperswil, Fribourg und Luzern. Bei Letzterem leitete er die Spendenkampagne zur Sanierung des Klosters Wesemlin. Schwitter nahm also ein bisschen von seinem alten Leben mit ins Kloster.

Der Tag der Entscheidung, ob er nach der Zeitbruderschaft definitiv ins Kloster eintreten will, kam; Schwitter entschied sich dagegen. «Im Herzen hätte ich mir einen Eintritt eigentlich gewünscht. Die Ordensausbildung bei den Kapuzinern ist in meinen Augen aber leider nicht auf der Höhe der Zeit», begründet er seinen Entschluss. «Orden, die bekanntlich von der Kirche unabhängig sind, müssten sich zwingend mit gesellschaftsrelevanten Fragen befassen und ihre Tätigkeit und Ausrichtung, auch in der Ausbildung, an diesen orientieren.» Damit meint Schwitter beispielsweise die Frage nach dem Verhältnis des Christentums zu den anderen vier Weltreligionen. Oder auch wie in der Kirche mit Geschiedenen und gleichgeschlechtlichen Paaren umgegangen werden soll.

Trotzdem wird Fridolin Schwitter dem Klosterleben nicht den Rücken kehren. Er wird ab Frühjahr 2016 im Kapuzinerinnenkloster Notkersegg in St. Gallen zu Hause sein. «Natürlich kann ich aus kirchenrechtlicher Sicht dort nicht in den Orden ein­treten. Aber ich werde die Klosterschwestern im Alltag als Frater Familiaris zum Beispiel im Garten oder bei sonstigen handwerklichen Tätigkeiten und auch bei administrativen Arbeiten ­unterstützen.» Er wolle mithelfen, dass solche Institutionen die Gegenwart bewältigen können, um so die Zukunft zu gestalten.

Mit den Schwestern in die Pensionierung

Ursprünglich waren im Kloster Notkersegg 40 Schwestern zu Hause. Heute sind es noch 7, «mit einem hohen Durchschnittsalter», wie Schwitter sagt. «Die Schwestern leben ein sehr einfaches Leben. Das hat mich beeindruckt. Finanziell ist die Entlöhnung daher eher gering, die Lebensqualität demgegenüber aber sehr hoch.»

Ein kommerzieller Job sei für ihn nicht mehr infrage gekommen, sagt Schwitter. «Ich mache mir keine Illusionen. Auf einen 55-Jährigen hat niemand gewartet.» Im Frauenkloster könne er sogar über das Pensionsalter hinaus bleiben. «Das ist ein Thema, mit dem ich als Kapuzinerbruder des Öfteren konfrontiert wurde. «Manche Menschen wissen nach der Pensionierung nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, und suchen Rat», sagt Schwitter. «Viele sind mit ihrem Beruf verheiratet.» Er selber hatte vor sechs ­Jahren den Mut, sich aus dieser ­beruflichen Ehe scheiden zu lassen. «Bereut habe ich dies bis heute nicht.

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Herbert Zimmermann