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17. Juni 2013

Freundschaften, die die Welt veränderten

Erst als Ronald Reagan und Michail Gorbatschow sich anfreundeten, wurde eine Annäherung von West und Ost möglich. Und dies war nicht das einzige Mal, dass eine Freundschaft den Lauf der Welt veränderte.

US-Präsident Ronald Reagan (links) und das sowjetische Staatsoberhaupt Michail Gorbatschow im Gespräch
Der Beginn ihrer Freundschaft war 
der Anfang vom Ende des Kalten Kriegs: 
US-Präsident Ronald Reagan (links) und das sowjetische Staatsoberhaupt Michail Gorbatschow. (Bild: AP Images)

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der nördliche Globus zweigeteilt. Auf der einen Seite das Atlantische Bündnis (Nato), bestehend aus Nordamerika und Westeuropa, auf der anderen der Warschauer Pakt mit Osteuropa und der damaligen Sowjetunion. Getrennt waren Kapitalisten und Kommunisten durch den Eisernen Vorhang, der quer durch Europa verlief. Beide Blöcke schenkten sich nichts. Freies Reisen war nur innerhalb der eigenen Zone möglich. Kriegsgeheul, Säbelrasseln und eine gigantische Propagandamaschinerie begleiteten das wahnwitzige militärische Aufrüsten hüben und drüben.

Beide Seiten sassen auf einem Atomwaffenarsenal, das den Planeten x-fach in Staub und Asche hätte zerbomben können. Zwei Generationen wuchsen im Bewusstsein auf, dass der Atomkrieg jederzeit ausbrechen konnte.

Michail Gorbatschows Facebook-Profil
Täuschen echt: Michail Gorbatschows Facebook-Profil.


GLASNOST AUF FACEBOOK
Ausserdem zum Thema: Stellen Sie sich vor, Michail Sergejewitsch Gorbatschow hätte in den 80er-Jahren Facebook genutzt. Wie hätten Politiker aus der ganzen Welt kommuniziert? Ihre Ideen sind gefragt! Migrosmagazin.ch hat ein mögliches Facebook-Profil des Politikers nachgebaut und erste Kontakte geknüpft..
Zum Profil und den Kommentaren

40 Jahre hatte dieses «Gleichgewicht des Schreckens» gedauert. Dann ging alles plötzlich ganz schnell. Nicht zuletzt, weil die beiden mächtigsten Männer der Welt sich mochten. Als im März 1985 ein gewisser Michail Sergejewitsch Gorbatschow Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) wurde, lernte die westliche Welt zwei neue Worte: Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umstrukturierung). Im November des gleichen Jahres traf Gorbatschow in Genf zum ersten Mal seinen imperialistischen Klassenfeind: Ronald Wilson Reagan, Präsident der USA. Es war der Beginn einer wunderbaren Männerfreundschaft und das Ende des Kalten Krieges.

Das Eis schmolz wegen eines Witzes von Ronald Reagan

Historisch verbürgt ist, dass Präsident Reagen beim ersten Treffen einen Witz riss, der Gorbatschow laut auflachen liess. Humor verbindet — und reichte offenbar, um den Kalten Krieg zu beenden. Am 12. Juni 1987 sprach Reagan am Brandenburger Tor die historischen Worte: «Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor, reissen Sie diese Mauer nieder.» Zwei Jahre später geschah das Unfassbare: Die Berliner Mauer fiel.

Konrad Adenauer und Charles de Gaulle geben sich die Hand
Versöhnliche Geste nach dem Zweiten Weltkrieg: Der deutsche Kanzler Konrad Adenauer (links) und der französische Präsident Charles de Gaulle. (Bild: Keystone)

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg galt es aber zunächst, die beiden Erzfeinde Deutschland und Frankreich auszusöhnen. Das war der grosse Moment für Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Im deutschen Bad Kreuznach trafen die Kriegsgegner erstmals persönlich aufeinander, auf Druck des deutschen Bundeskanzlers Adenauer. Er wollte die Verständigung, brauchte sie zwingend für den Wiederaufbau Westdeutschlands. Aber er war Kanzler eines Volkes, das den Zweiten Weltkrieg nicht nur angezettelt, sondern auch verloren hatte. Nicht die besten Voraussetzungen um mit dem Präsidenten der Grande Nation zu verhandeln. Zumal Adenauer keinen guten Eindruck von de Gaulle hatte. Entsprechend misstrauisch ging er an das Treffen. Es kam dann anders.

«Adenauer ging mit Bauchschmerzen hin, und kam mit einem Freund zurück», berichtete der damalige Dolmetscher, Hermann Kusterer. Die zwei seien sich von Anfang an sympathisch gewesen, geradezu seelenverwandt, und sie hätten vor allem das gleiche Ziel angestrebt: die Aussöhnung. «Wir sind wie die Finger von zwei Händen, wir gehören zusammen», proklamierte de Gaulle. Und tatsächlich: Am 22. Januar 1963 unterzeichneten beide Länder im Pariser Élysée-Palast den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Er gilt bis heute.

Helene Wessel, Helene Weber, Friederike Nadig und Elisabeth Selbert
Vier Frauen, drei Parteien, eine Mission: Helene Wessel, Helene Weber, Friederike Nadig und Elisabeth Selbert (von links) verankerten die Gleichberechtigung im deutschen Gesetz. (Bild: Bestand Erna Wagner-Hehmke, Haus der Geschichte, Bonn)

Dass Frauen in der Politik etwas zu sagen haben, verdanken sie in Deutschland den beiden SPD-Frauen und Freundinnen Elisabeth Selbert und Friederike «Frieda» Nadig. Unterstützt von Helene Wessel (Zentrumspartei) und Helene Weber (CDU) setzten sie 1948 als Abgeordnete des Parlamentarischen Rates gegen heftigen Widerstand auch aus den eigenen Reihen durch, dass im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ein kleiner, aber entscheidender Satz stand. «Männer und Frauen sind gleichberechtigt», heisst es in Artikel 3 Absatz 2. Die vier Frauen gelten seither als «Mütter des Grundgesetzes».

Den Weg für die Gleichberechtigung der Frauen hatten 100 Jahre früher vor allem Engländerinnen und Französinnen zu ebnen begonnen. Und zwei Amerikanerinnen: Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton. Ohne diese beiden Pionierinnen der Frauenrechtsbewegung wäre die Gleichberechtigung in den USA wohl nie so schnell und so heftig in die Gänge gekommen. Susan B. Anthony liess sich 1872 als erste Frau bei einer Präsidentschaftswahl als Wählerin registrieren und gab tatsächlich ihre Stimme ab. Im Juni 1873 wurde sie deswegen in einem spektakulären Prozess wegen unrechtmässiger Wahlbeeinflussung verurteilt. Sie wurde mit einer Strafe von 100 Dollar gebüsst. Ein halbes Vermögen in der damaligen Zeit. Sie starb 1906 und erlebte die Einführung des Frauenwahlrechts in den USA 1920 nicht mehr. Auch ihre Freundin Elizabeth Cady Stanton konnte die Früchte ihrer Arbeit nicht mehr geniessen. Sie starb 1902. Stanton war Verfasserin unzähliger Streitschriften und Reden der Frauenrechtsbewegung und Miturheberin der 1848 verfassten Women’s Rights Convention, in der zum ersten Mal Frauen und Männer als «equal», als gleichberechtigt, erklärt wurden. Elizabeth Cady Stanton war mit einem Rechtsanwalt verheiratet, hatte acht Kinder und war ihrer späteren Freundin Susan B. Anthony 1852 auf der Strasse in Seneca Falls im Bundesstaat New York von einer gemeinsamen Bekannten vorgestellt worden. Es war der Beginn einer Frauenfreundschaft, die ein Leben lang hielt.

Selbst Jesus hatte einen «Best Buddy»: Johannes

Freunde sind wichtig. Jeder braucht einen besten Freund. Sogar Jesus hatte einen, den Apostel Johannes, der in den Evangelien als «der, den Jesus liebte» bezeichnet wird. Lieblingsjünger heisst das im heutigen Kirchenjargon. Und auch amerikanische Präsidenten sind vor Freundschaft nicht gefeit. Vielleicht wäre die Sklaverei in Amerika nie abgeschafft worden, hätte Abraham Lincoln das Problem nicht immer und immer wieder mit seinem Best Buddy Joshua Fry Speed durchdiskutieren können. Der Farmer und Immobilieninvestor aus Kentucky, heisst es, sei einer der ganz wenigen Menschen gewesen, mit denen Präsident Lincoln frei und ungehemmt sprechen konnte. Seine Sympathie brachte Lincoln in einem oft zitierten Brief an Speed zum Ausdruck: «Du weisst, mein Wunsch, mit dir befreundet zu sein, währt ewig. Ich werde nie damit aufhören.»

J.R. Tolkien
J.R. Tolkien (links) und sein langjähriger Freund Clive Staples Lewis schufen die grandiosen Fantasy-Welten «Herr der Ringe» und «Chroniken von Narnia». (Bild: Keystone)
Clive Staples Lewis (Bild: Keystone)
Clive Staples Lewis (Bild: Keystone)

Nicht nur die Politik verändert die Welt. Ideen verändern eine Gesellschaft, was wiederum die Welt beeinflusst. Einige schufen sich gleich ihr eigenes Universum. Ewig — zumindest bis an ihr beider Lebensende — hatte die Freundschaft zwischen zwei Schriftstellern gedauert, deren Werke mehr als nur die Welt der Literatur auf den Kopf stellten. Clive Staples Lewis, Autor der «Chroniken von Narnia», und sein bester Freund J.R. Tolkien, Erschaffer der Epen «Herr der Ringe» und «Der Hobbit». Der Brite Tolkien und der gebürtige Nordire Lewis teilten nicht nur die Liebe zu Mythen und mystischen Welten, beide waren auch ausserordentlich religiös. Allerdings dauerte bei C. S. Lewis die Entwicklung vom Atheisten zum bekennenden Christen eine Weile. Erst nach einer langen nächtlichen Diskussion mit Tolkien liess er sich 1931 schliesslich bekehren. Zum Leidwesen des überzeugten Katholiken Tolkien wandte sich Lewis allerdings der anglikanischen Kirche zu.

Grosse Fans der Fantasy-Literatur waren Steven Spielberg und sein Kumpel George Lucas. Als Regisseure, Produzenten und Drehbuchautoren begeisterten sie mit ihren Traumwelten ein Millionenpublikum. Epochale Werke wie «E.T.» (Spielberg), «Star Wars» (Lucas) sowie die «Indiana Jones»-Reihe (Regisseur Spielberg, Produzent Lucas) veränderten die Filmwelt.

Drehbuchautorin Callie Khouri (links) und Hollywood-Schauspielerin Sandra Bullock (Mitte) gelten als die wahren Thelma und Louise. (Bild: Corbis)
Drehbuchautorin Callie Khouri (links) und Hollywood-Schauspielerin Sandra Bullock (Mitte) gelten als die wahren Thelma und Louise. (Bild: Corbis)

Von der Erfindung des Kinos 1893 bis zum Moment, in dem eine Frauenfreundschaft zentrales Thema in einem Hollywood-Blockbuster wurde, dauerte es 100 Jahre. 1991 war es so weit: «Thelma & Louise». Für viele Frauen weltweit ein Erweckungsmoment. Es heisst, Callie Khouri (55), die das Originaldrehbuch schrieb, sei von ihrer eigenen engen Freundschaft mit Hollywood-Star Sandra Bullock (48) inspiriert worden. Bullock und Khouri lernten sich durch gemeinsame Freunde auf einer Ferienreise kennen. Die beiden sind Teil eines Freundinnenkreises, der den vier Damen aus «Sex and the City» in nichts nachsteht — ausser dass sie zu fünft sind. «Wenn eine von uns Geburtstag hat, treffen wir uns. Egal, wo und wann das ist», sagte Bullock in einem Interview. Und sind alle in der gleichen Stadt, wird selbstverständlich ein Restauranttisch gebucht. «Wir erzählen uns alles, sind immer füreinander da, und das ist das Grossartigste, das es gibt auf der Welt», schwärmte Bullock.

Apple Computer: Steve Jobs (links) und sein Freund und Kompagnon Steve Wozniak legten 1976 den Grundstein für eine schöne neue Cyberwelt. (Bild: Keystone)
Apple Computer: Steve Jobs (links) und sein Freund und Kompagnon Steve Wozniak legten 1976 den Grundstein für eine schöne neue Cyberwelt. (Bild: Keystone)

Dass die weltweite Kommunikation so einwandfrei funktioniert, verdanken Bullock und ihre Freundinnen zwei Lümmeln, die 1976 in einer Garage in Kalifornien eine Firma namens Apple gründeten: Steve Jobs und sein Kompagnon Steve Wozniak. Wenige Jahre später war die Welt, einmal mehr, nicht mehr dieselbe.

Autor: Ruth Brüderlin