Archiv
20. Februar 2017

Fremde Welt, ganz nah

normierte Schachtdeckel
Über die Landesgrenzen normierte Schachtdeckel, und doch sieht jede Hausecke anders aus ...

«Wenn McDonald’s seine erste Filiale in Havanna eröffnet hat – will ich dann noch mal nach Kuba?», höre ich mich schon posaunen, «nein, danke!» Aber ich verkneife mir die Bemerkung noch gerade. Unsere Tochter will reisen, die Welt entdecken, wie alle jungen Menschen es wollen. Wozu ihr Ratschläge erteilen? À la: «Es sieht ja ohnehin überall gleich aus, dieselben standardisierten Cafés, Filialen des ewig gleichen Möbelhauses, dieselben Kleiderläden …»

Es war das unglaubliche Privileg unserer Generation, dass wir reisen konnten wie keine vor uns. Flugreisen wurden erschwinglich, Fernreisen in früher versagte Länder möglich. Wir waren unterwegs von Bangkok bis Bamako, beschnupperten fremde Kulturen, blieben aber Voyeure. Fremdenverkehr hiess, dass man fremd war und insgeheim ahnte, etwas Verkehrtes zu tun. Aber es hört sich gut an, heute: «Weisst du noch, in Vietnam? Als der Highway Nummer eins noch ein löchriger, sumpfiger Feldweg war …?»

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) war unterwegs.

Vorige Woche ging ich durch ein winterliches Dorf, wie ich es noch nie gesehen hatte, mystisch und farbenleer auf einer Anhöhe thronend, und mir kam es nicht vor, als wäre ich eine Fahrstunde von zu Hause entfernt, sondern Welten. Doch ich war in Trogen, Appenzell-Ausserrhoden. Einmalig. Anderntags, unterwegs im St. Galler Rheintal. Überall im Land hingen Abstimmungsparolen, nur hier hingen entlang der Überlandstrassen fromme Sprüche, gelb auf blauem Grund, im Weltformat: «Vertraue auf Gott. Die Bibel.»

In der Abenddämmerung desselben Tages dann taucht zwischen Worb und Grosshöchstetten, kurz vor Schlosswil, das Schild «Willkommen im Emmental» auf. Dünner Schnee liegt auf brachen Äckern, Dunstschwaden steigen aus den Wäldern auf, und im «Regionaljournal» am Radio läuft ein neuer Song von Züri West, «Schatteboxe». Entrückt wie eine Schwarzweissfotografie ist die Szenerie, und doch anheimelnd. Dreimal dieses Land, dreimal anders, dreimal eigen.

Wie wollte ich den Abgeklärten geben, meiner Tochter erzählen, die Welt sei ohnehin ein grosses Einerlei geworden, sie brauche nirgends mehr hinzureisen? Unsinn. Sie wird Vielfalt erleben. Sie soll reisen, die Welt entdecken, ihre Welt. Die wird nirgends mehr so aussehen, wie wir sie vor dreissig, fünfunddreissig Jahren vorgefunden haben, aber immer noch voller Eigenheiten sein.

Selber wieder mal nach Kuba? Das wäre schon eine Idee. Aber wenn es im Emmental hinter Schlosswil in die Höger hinaufgeht, und aus den Wäldern steigen leise Nebelchen auf, das ist auch schön. Sehr sogar. 

Bänz Friedli live: 27. Februar, Basel, Kulturhaus Bider & Tanner (CD-Taufe)

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
Abonnieren: Hörkolumnen mit RSS-Client
Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli