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22. Juli 2013

Fremde in der eigenen Wohnung

Haustauschferien boomen wie nie zuvor. Die Familie Landaal hat ihre 7-Zimmer-Wohnung in der St. Galler Altstadt gegen eine Wohnung in Amsterdam gewechselt und war überwältigt.

Das Paar plant mit der Tochter die nächsten Ferien
Das Paar plant mit der Tochter die nächsten Ferien. (Bilder Renate Wernli)

Eduard Landaal (47), seine Frau Judith Scheffer (45) und die Kinder Bald (7) und Juliette (10) wohnen traumhaft. Am Rande der St. Galler Altstadt, in der Nähe der Stiftsbibliothek, mieten sie seit gut sechs Jahren im ersten Stock über dem städtischen Kindergarten eine 7-Zimmer-Wohnung mit einem Garten. Und seit über zwei Jahren ist die holländische Familie Mitglied bei Haustauschferien. Im Sommer verreiste sie für drei Wochen nach Amsterdam und wohnte dort im Haus der Familie von Lex Kater, während die Katers Schweizer Ferien in der Wohnung der Landaals verbrachten.

Oranje-Seligkeit vor dem getauschten (zeitlichen) Heim in Amsterdam
Oranje-Seligkeit vor dem getauschten (zeitlichen) Heim in Amsterdam. (Bild zVg)

Judith Scheffer, die im Süden von Holland aufgewachsen ist, erinnert sich gerne an ihre Sommerferien: «Anfangs beschlich mich ein eigenartiges Gefühl, als wir bei den Nachbarn der Katers den Hausschlüssel abholten und einfach so in ein fremdes Haus eintraten. Ich fühlte mich jedoch schon nach kurzer Zeit wie zu Hause.» Dank der Einrichtung der Wohnung und der Lage steige man wie in ein anderes Leben ein. «So zu reisen, ist nicht touristisch, sehr wohl aber authentisch. Wir haben am Alltag der Amsterdamer teilgenommen», ergänzt ihr Ehemann.

Die Landaals kauften bei einem Fahrradhändler vier alte Velos und pedalten vom Stadtteil Oud-Zuid ins Zentrum, in Stadtpärke oder ans Meer. Die Familie aus St. Gallen hat mit den Katers eben fast alles getauscht: das Haus, die Betten, das Auto. «Die Velos tauschten wir nicht. Die haben in Holland etwas Heiliges», begründet Eduard Landaal, der 1996 in die Schweiz eingewandert ist. Dafür hüteten sie gleich noch die beiden Katzen der Katers.

Eine grosszügige Veranda gehört zur temporären Bleibe
Eine grosszügige Veranda gehört zur temporären holländischen Bleibe. (Bild zVg)

So begeistert, wie die Landaals sich von Amsterdam zeigten, urteilten die Katers über ihre Ferien in St. Gallen. Die Familie, die schon über zwei Dutzend Mal mit Haustauschferien verreist waren, und das auch nur mal für ein Wochenende, war überwältigt vom Gartensitzplatz vor dem Haus, der Mühleggzahnradbahn und der Aussicht auf den Bodensee, den Drei Weieren zum Baden. Und sie konnten es kaum fassen, dass man so ruhig mitten in der Grossstadt wohnt und diese innert weniger Minuten verlassen kann.

Für Eduard Landaal, der als Psychotherapeut arbeitet, ist es kein Problem, das traute Heim für eine Weile mit Fremden zu tauschen. «Ich habe keine Angst, dass etwas kaputtgeht. Alles ist zum Benützen da. Zudem hatten wir vor dem Tausch einmal telefonischen Kontakt.» Er habe deshalb die Illusion, dass er gut einschätzen könne, mit wem er es beim Tauschen zu tun habe. Unter den Mitgliedern von Haustauschferien gelte die goldene Regel, das Haus so zu verlassen, wie man es angetroffen hat.

Die Tochter beim Muschelessen am Tisch
Die Tochter beim Muschelessen am Tisch in Amsterdam. (Bild zVg)

Für diesen Herbst erhielt die vierköpfige Familie eine Anfrage aus Hawaii. Der Tausch hat sich dann aber zerschlagen, als die Landaals realisierten, wie viel ein Flug über den Pazifik kostet. Ein Objekt in Spanien, das eigentliche Wunschziel, liess sich nicht finden, weil sich die Familie zu kurzfristig ums Haustauschen kümmerte. Nächsten Sommer soll es dafür gleich für drei Wochen ans Meer oder an einen See gehen. Zuoberst auf der Liste stehen Häuser in Spanien, Italien oder Frankreich.

Autor: Reto Wild