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02. November 2015

Freiwilliger Einsatz für Flüchtlinge

Eine Handvoll Schweizer hat an der slowenisch-kroatischen Grenze eine effiziente internationale Organisation von freiwilligen Helfern aufgebaut. In wenigen Tagen haben sie auf eigene Rechnung tausenden von syrischen Flüchtlingen geholfen.

Gruppenbild der Helfer
Eine schlagkräftige internationale Gruppe: die Mitglieder des Brežice Hope Team. (alle Bilder: Brežice Hope Team)

Der Gruppenchat der freiwilligen Helfer in Brežice läuft heiss. «Brežice. Habe mit dem Chef gesprochen. Ich brauche 10 Leute in 5 Minuten. Wir dürfen Essen im Lager verteilen.» Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten: «Sind in Rigonce. Machen uns auf den Weg», schreibt Charlie. Ein anderer Chatteilnehmer, Babilon Gori, meldet sich: «Hope-Team, wir kommen. 5 Leute.»
Dann eine halbe Stunde später: «Charlie. Aurelia. Robert. Wir haben eine Diskussion mit der Polizei. Kann einer von euch kommen? Brežice.» Eine Minute später: «Dürfen kein Essen mehr verteilen.» Aurelia meldet sich sofort: «@charlie @moritz @linda: Wie siehts aus? Ist Sasha vor Ort? Ich kann in 10 Minuten da sein. Wie viele Freiwillige habt ihr? Habt ihr versucht, das Essen reinzuschmuggeln? Und wie viele Flüchtlinge sind da?»

Brežice (rot markiert) im Google-Maps-Ausschnitt
Brežice (rot markiert) im Google-Maps-Ausschnitt, die ausgezogene schwarze Linie zeigt den Grenzverlauf Slowenien-Kroatien (östlich). Rechts unten die ersten Ausläufer der Metropole Zagreb.

Die Waadtländerin Aurelia Fischer (25) war als eine der ersten Freiwilligen in Brežice, zusammen mit Giny und dem Arzt Jacques, der seine Partnerin und die zwei erwachsenen Kinder Sophie und Joachim, mitbrachte. Die Westschweizer wollten helfen, wo es in Europa humanitär aktuell am meisten brennt: auf der Balkanroute mit den endlosen Flüchtlingsströmen aus Syrien.
Sie waren nicht die Einzigen. Mit denselben Absichten reisten auch sechs Freiwillige aus Zürich ins südslowenische Städtchen an der Grenze zu Kroatien. Man traf sich und schloss sich zusammen. Aurelia Fischer ist die Koordinatorin der neu entstandenen Gruppe, die um Brežice und Dobova auf Feldern wartende Flüchtlinge mit Brot, Babynahrung, Wasser und Decken versorgt. Offizielle Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz können dies nicht, sie haben mit der Betreuung der Camps mehr als genug zu tun. Zuletzt hat das Rote Kreuz gar um Hilfe in Brežice gebeten. Auf den Feldern am Grenzfluss, in Rigonce (Slo) und Ključ Brdovečki (Kro), ist zurzeit nicht viel los. Deshalb springen die Freiwilligen im Camp Brežice ein. Doch bald werden sie wieder draussen gebraucht werden.

Die Ankunft von 3000 Flüchtlingen im Auffanglager Dobova. (Video: Stephan Brücher)

«Dobova 1 ist leer», meldet der Tscheche Matous. «Ja, wir waren da. Der Militärboss sagt, dass heute Nacht zwei Züge ankommen werden.»«Die kroatische Seite meldet einen Zug um 8 Uhr morgens.» Smartphones sind die Funkgeräte der internationalen Freiwilligengruppe. Über den Gruppenchat sowie Facebook sind mehr als 100 Leute miteinander verbunden: Freiwillige, die in Brežice helfen, aber auch solche auf der kroatischen Seite der Grenze, in Zagreb, an der kroatisch-serbischen sowie der slowenisch-österreichischen Grenze. Man tauscht Informationen untereinander aus, ist bestens unterrichtet über die Situation im ganzen Balkan. Und ehemalige Helfer, die wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind, informieren über politische Entscheide, überweisen Geld, das sie von Freunden und Familie organisiert haben.

Innerhalb von zwei, drei Tagen ist aus dem Grüppchen eine internationale, schlagkräftige Hilfsorganisation geworden: Tschechen, Holländer, Slowenen, Kroaten, Österreicher, Deutsche, Engländer und Ungarn haben sich den Schweizern angeschlossen. Was in der Freiwilligengruppe tadellos funktioniert, scheitert auf politischer Ebene: nämlich schnelle, unkomplizierte gegenseitige Hilfe. Die EU-Länder scheinen der Katastrophe nicht gewachsen, reagieren viel zu langsam auf die sich ständig ändernde Situation.

Camp in Rigonce bei Nacht
Das Camp in Rigonce bei Nacht.

Die Lage um Brežice ist noch immer prekär, hat sich aber seit der Ankunft erheblich gebessert. Slowenien wurde überrumpelt. 2500 Menschen wollte man pro Tag abfertigen. Konzentrierte sich darauf, in Šentilj an der Grenze zu Österreich, eine gute Infrastruktur aufzubauen. Von einem Spa sprechen die Freiwilligen mit einem Augenzwinkern, wenn von Šentilj die Rede ist, einem Wellnesszentrum, verglichen mit den Zuständen hier. Schliesslich drängten täglich bis zu 10’000 Flüchtlinge über die Grenze von Kroatien nach Slowenien. Die Camps in Brežice und Dobova, die ursprünglich nur dazu gedacht waren, um die Menschen zu registrieren, bevor sie nach Šentilj weitergeleitet würden, mussten plötzlich als Auffanglager dienen. Hier gibt es keine Betten, geheizten Zelte, gut ausgestatteten Küchen oder genug sanitäre Anlagen wie im Norden.

Die Leute verbringen bis zu 24 Stunden stehend in Wartezonen, die mit Sperrgittern abgetrennt sind, warten, bis sie mit Bussen an die österreichische Grenze weitertransportiert werden. Hunger, Kälte, gesundheitliche Probleme und miserable hygienische Zustände setzen ihnen zu. Vor allem Babys und Kleinkinder leiden darunter. Ein aus Zürich mitgereister junger Arzt erzählt von einer Totgeburt, dann von einem 20 Wochen alten Baby, das die Strapazen nicht überlebt hat, von Fällen, wo Menschen positiv auf Tuberkulose getestet worden sind.

Plötzlich herrscht Aufregung. Moritz schreibt: «Flüchtlinge wurden mit Pfefferspray eingenebelt. Ein Helfer hat es gefilmt. Wir haben Ärger mit der Polizei. Sie suchen ihn.» Aurelia ist aufgebracht: «Wer hat gefilmt? Einer von unserem Team? Wo ist er? Ich muss dringend mit ihm reden! Wegen ihm könnten all unsere Operationen gefährdet sein!» So grausam es tönen mag: Man will die guten Beziehungen, die man zur Polizei aufgebaut hat, nicht aufs Spiel setzen. Immer wieder spielen sich Szenen ab, bei denen die Freiwilligen im Interesse des Ganzen auf die Zähne beissen müssen: Die Flüchtlinge fühlen sich wie Tiere behandelt, machen ihrem Ärger Luft. Die Menschenmasse wird unruhig. Einzelne Polizisten sind überfordert, verlieren die Nerven. Es sind Einzelfälle.

Freiwillige verteilen den Ankommenden in Dobova Essen. (Video: Stephan Brücher)

Zu Beginn musste man noch bei jeder Aktion mit den Sicherheitskräften verhandeln, um helfen zu dürfen. Immer wieder sahen sich die Helfer dazu gezwungen, die Vorschriften der Behörden zu missachten, um helfen zu können, schmuggelten Brot über die Grenze. Die Freiwilligen wurden als Störenfriede betrachtet. Bis Militär und Hilfsorganisationen bemerkt haben, dass sie gut organisiert waren und dass es nicht ohne ihre Unterstützung geht. Inzwischen kennt man die Gruppe, manchmal fragt das Militär oder die Polizei sogar um Unterstützung an. Sasha, der örtliche Polizeichef, trifft sich inzwischen regelmässig mit Aurelia, um über weitere Schritte zu diskutieren, sorgt persönlich dafür, dass ihnen keine Steine in den Weg gelegt werden.
Jüngst hat selbst der slowenische Minister Kolar Celarc der internationalen Freiwilligengruppe offiziell seinen Dank ausgesprochen. Und die Sympathien, die sie in der Bevölkerung geniessen, werden immer grösser. Die Einheimischen folgen dem Beispiel der Helfer, immer mehr von ihnen machen Sach- oder Geldspenden, leisten selber Einsätze oder stellen, wie zum Beispiel die Wirtin des Hotels Budič, den Freiwilligen ihre Privat- und Wochenendhäuser als Unterkünfte zur Verfügung.

«Der Bäcker fragt, wann wir das Brot abholen», sagt Giny. Es dauert nicht lange, bis sich jemand gefunden hat. Es ist Robert Lintsen. Der 24-jährige Holländer setzt sich schon seit drei Monaten unermüdlich für die Flüchtlinge ein, ist immer da, wo es brennt. Nicht nur in Slowenien. «Ich fahre in zehn Minuten hin. Hat jemand Geld?» Viele sind knapp bei Kasse. Sie bezahlen ihren Einsatz selber: Anreise, Unterkunft, Essen und immer wieder Brot oder Wasser für die Flüchtlinge. Aurelia meldet sich. Auf ihrem Konto liegt noch Geld, Spenden aus dem Freundeskreis oder von Freunden organisiert. «Kommt mit dem Brot ins HQ.»

Zum Headquarter haben sie die Küche der Jugendherberge erkoren. Hier werden sie anschliessend tausende von Broten belegen und abpacken, um die in der Nacht eintreffenden Flüchtlinge zu versorgen. Der örtliche Bäcker arbeitet Tag und Nacht für die Gruppe. Schneidet die Brotlaibe in Scheiben. Für 100 Euro gibt es rund 1000 Scheiben Brot. Er macht ein gutes Geschäft, natürlich. Aber es ist nicht nur Profitdenken, das ihn zu Höchstleistungen antreibt. Er ist Kosovare, kann mit den Flüchtlingen mitfühlen, weiss, wie hoch der Einsatz der freiwilligen Helfer einzuschätzen ist. Mit einem verschwörerischen Augenzwinkern steckt er denjenigen, die das Brot holen, noch je einen Börek zu.

Brot und Decken werden neu direkt beim Lager in Dobova abgegeben. Seit Kurzem halten die Züge aus Zagreb nicht mehr in Ključ Brdovečki. Die Flüchtlinge müssen nicht mehr zu Fuss über die Grenze ins slowenische Rigonce und dort bis zu 8 Stunden lang auf dem offenen Feld warten, eingekreist von schwer bewaffneten Soldaten, nur um in den überfüllten Lagern unter menschenunwürdigen Umständen nochmals bis zu 24 Stunden warten zu müssen. Slowenien und Kroatien haben sich endlich geeinigt. Die Züge fahren jetzt durch bis in die zwei Camps in Dobova. Die Abfertigung verläuft schneller. Man weiss hier nicht so genau, warum. Haben die Slowenen die Registrierung im Griff, oder schieben sie den Schwarzen Peter einfach Österreich zu? Sicher ist: Šentilj wird zur neuen Knautschzone werden.

Am nächsten Tag hat Aurelia gute Nachrichten: «@alle: Die Dinge entwickeln sich! Es gibt aufregende Neuigkeiten. Am Sonntag wird es offiziell sein. Heute Abend hat uns der Polizeichef sogar zum Bier eingeladen.» Sie gibt sich noch geheimnisvoll. Aber allen hier ist klar, dass dies nur eines bedeuten kann: Die Züge fahren direkt nach Šentilj, die Camps hier werden geschlossen oder zumindest entlastet. Die Freude ist verhalten. Die Schlacht ist zwar gewonnen, aber der Krieg gegen das Elend noch lange nicht zu Ende.

«Brežice und Dobova 1 sind leer», meldet Charlie eine Stunde später. «Wir werden feiern, wenn wir tot sind ;)», schreibt Babilon Gori. «Ich habe Bericht von chaotischen Szenen in Šentilj. Wir werden rauffahren und uns das mal ansehen.» Für viele ist klar: Wenn die Behörden und die offiziellen Hilfsorganisationen die Lage hier im Griff haben, werden sie weiterziehen. Dahin, wo es brennt. Einige werden nach Hause zurückkehren, weil sie wieder arbeiten müssen. Doch neue Freiwillige werden kommen, es werden sich neue Gruppen bilden, in Slowenien, Serbien oder auch in Griechenland. Und es braucht sie dringend.

Ein Syrer erzählt, wie er mit Kind und seiner angeschlagenen Frau bis ins Camp gelangten. (Video Brežice Hope Team)

Autor: Philipp Jordan