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22. August 2016

Freiwilligenarbeit auf der Alp

Andere verbringen ihre Ferien am Strand oder im Aktivurlaub. Regina Zemp, Anina Frei und Christian Lehmann packen als Freiwillige im Berggebiet mit an – und profitieren auch persönlich davon.

Zwölf Stunden Arbeit, teils in brütender Hitze oder im strömenden Regen: Das Dasein als Bergbauer ist kein Schleck. Die Tiere wollen versorgt, die Milch verarbeitet und das Heu eingebracht werden. Nicht der Mensch bestimmt den Fahrplan, sondern die Natur. Und anders als im Unterland sind viele Arbeiten im Berggebiet nach wie vor von Hand zu erledigen. Deshalb suchen zahlreiche Bergbauern in der arbeitsintensiven Sommersaison Freiwillige, die mit anpacken wollen.

Anina Frei (20) angehende Studentin aus Würenlingen AG.
Anina Frei (20) angehende Studentin aus Würenlingen. AG

Mit dem Portal Bergeinsatz.ch stellt die Caritas Schweiz eine Vermittlungsplattform zur Verfügung, auf der sich interessierte Volontäre nach einem Betrieb umschauen können. Das Herz der Plattform ist eine Datenbank, die derzeit Profile von 62 Bauernbetrieben enthält.

Im vergangenen Jahr leisteten 779 Freiwillige zwischen 18 und 70 Jahren einen Einsatz von mindestens einer Woche. So erhielten mehr als 100 Bergbauernfamilien während über 1000 Wochen Unterstützung. Dies entspricht 25 Personen, die während eines Jahres zu einem Pensum von 100 Prozent arbeiten – und das unentgeltlich.

Enttäuschungen gibt es wenig

Aber haben Unterländer nicht eine allzu romantische Vorstellung vom Leben in den Bergen? Sind da Enttäuschungen nicht programmiert? «Das passiert erstaunlich selten», weiss Projektleiter Daniel Grossenbacher (56). Einerseits ziehe das Projekt interessierte und engagierte Menschen an. Andererseits pflege die Caritas die Datenbank sorgfältig und empfehle ein bestimmtes Vorgehen: «Die gegenseitigen Erwartungen müssen im Vorfeld geklärt werden. Das Profil gibt dem Freiwilligen eine Basis für seine Wahl, aber anschliessend sollte ein Gespräch stattfinden, in dem der Bauer sagt, was er braucht und erwartet – und der Freiwillige, was er sich wünscht und was er auf keinen Fall will.» Dank diesem System fänden sich meistens die Richtigen, sagt Grossenbacher.

Für Regina Zemp, Anina Frei und Christian Lehmann ist klar: Sie haben die richtige Wahl getroffen. Ihre Beispiele zeigen, dass sich der Freiwilligeneinsatz lohnt: Zwar opfern sie Ferien, gewinnen dafür aber viel für sich selbst.

Die Zollbeamtin

Scharnachtal BE, bei Familie von Känel-Stoller: Regina Zemp pflegt die Käselaibe mit Salzlake, um sie haltbar zu machen.
Scharnachtal BE, bei Familie von Känel-Stoller: Regina Zemp pflegt die Käselaibe mit Salzlake, um sie haltbar zu machen.


«Als Kind verbrachte ich meine Ferien immer auf dem Bauernhof, bei Verwandten im Entlebuch LU. Während diesen Wochen fühlte ich mich jeweils absolut zufrieden und völlig unbeschwert. Nach 20 Jahren bei der Eidgenössischen Zollverwaltung, wo ich in einem mobilen Team als Röntgenspezialistin arbeite, habe ich heuer vier Wochen bezahlte Ferien als Dienstaltersgeschenk erhalten.

«Die Arbeit ist so schön handfest»

Schnell stand fest, dass ich einen Grossteil dieser Zeit auf einer Alp verbringen möchte. Ich wollte schauen, ob sich die Glücksgefühle von einst noch einmal heraufbeschwören lassen. Bewusst habe ich nach einem Betrieb gesucht, der Käse herstellt. Ich wollte etwas Neues lernen. Wichtig war mir auch, dass ich richtig zupacken kann und körperlich gefordert bin.

Mein Wunsch hat sich erfüllt: Ich arbeite zwar rund zwölf Stunden am Tag, fühle mich aber nie gestresst, sondern einfach erfüllt. Die Arbeit auf der Alp ist so schön handfest. Man sieht sein Tagwerk: sechs Laibe Käse, eine Fuhre Heu, ein Zmittag für die Familie. Abends sinke ich todmüde und glücklich ins Bett. Und freue mich jeweils schon wieder aufs Aufstehen. Denn der Tag beginnt mit meiner schönsten Aufgabe: Um 6.30 Uhr darf ich die Kühe von der Weide holen – wenn das Licht noch weich und der Niesen über dem Thunersee am schönsten ist.»

Der Frührentner

Brün GR, bei Familie Egger: Christian Lehmann lüftet beim Heuen seinen Kopf.
Brün GR, bei Familie Egger: Christian Lehmann lüftet beim Heuen seinen Kopf.

«So ein Berghilfeeinsatz ist ein richtiges Abenteuer. Man weiss nicht genau, was einen erwartet und ob man der Aufgabe tatsächlich gewachsen ist. Zudem habe ich einen Einblick in eine neue Kultur erhalten – und ich musste mich dafür nicht mal ins Flugzeug setzen.

Ich empfand das Leben in den Bergen als äusserst wohltuenden Gegensatz zu meinem Alltag: die langen Arbeitstage, die viele Handarbeit und das gemeinsame Arbeiten in der Familie. Auch die Nähe zur Natur und die Abhängigkeit von der Witterung werden mir sicher in Erinnerung bleiben.

«Hier bin ich der Lehrling»

Ich bin ursprünglich Lehrer, war aber die letzten 25 Jahre in diversen Führungsfunktionen in der Wirtschaft tätig und arbeite noch hie und da auf Mandatsbasis. All die Jahre war meine Arbeit sehr kopflastig, und ich musste mich stets selber organisieren. Hier ist die Struktur vorgegeben, und ich bin der Lehrling. Das ist toll, denn ich bin grundsätzlich neugierig. Zudem werde ich körperlich ziemlich gefordert.

Neben dem Heuen bin ich vor allem mit Bauen beschäftigt. Die Familie Egger stellt ihren Betrieb demnächst auf Muttertierhaltung um und muss dafür den Stall umbauen. Dabei habe ich einiges gelernt. Ich habe sogar betoniert. Allein würde ich mir das aber noch nicht zutrauen.»

Die angehende Studentin

Obersaxen GR bei Familie Roth: Anina Frei hat gezielt nach einem Biobetrieb gesucht, weil sie sich für Nachhaltigkeit interessiert.
Obersaxen GR bei Familie Roth: Anina Frei hat gezielt nach einem Biobetrieb gesucht, weil sie sich für Nachhaltigkeit interessiert.

«Ich bin im Zwischenjahr zwischen Gymi und Studium. Inspiriert zu dem Berghilfeeinsatz wurde ich in Dänemark, wo ich ein halbes Jahr als Au-pair verbrachte. Meine Gastmutter hatte in jungen Jahren ein paar Wochen auf einer Schweizer Alp gearbeitet und schwärmte ständig davon.

Ich habe mich für einen Biobetrieb entschieden, weil ich ab Herbst Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich studieren werde. Es ist spannend mitzuerleben, was Nachhaltigkeit auf einem biologisch geführten Hof konkret bedeutet. Diese Erfahrung wird mir sicher während des Studiums nützlich sein.

«Diese Erfahrung wird mir nützlich sein»

Caroline, die Bäuerin, stellt sehr viele Nahrungsmittel selbst her. Etwa Spätzli, die ich bisher nur aus dem Kühlregal kannte. Der geschmackliche Unterschied ist gewaltig. Aber natürlich ist das Ganze auch mit viel Aufwand verbunden. Das beginnt schon bei der Betreuung der Hühner, die mit den frischen Eiern die wichtigste Zutat liefern.

Ich habe das Federvieh gleich am ersten Tag unter meine Fittiche genommen. Ich weiss jetzt, wie man Legehennen hält. Nun versuche ich, meine Mutter davon zu überzeugen, dass wir uns auch ein paar Hühner zulegen. Ich krieg sie schon noch rum – entweder mit guten Argumenten oder frischen Spätzli.»

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Samuel Trümpy