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16. April 2012

Freiwillig autofrei

Ein Fünftel der Schweizer Haushalte besitzt kein eigenes Auto. Was einst vor allem ökonomische oder gesundheitliche Gründe hatte, ist heute oft ein freiwilliger Verzicht.

Für Rechsteiners ist das autolose Leben kein Verzicht, sondern ein Antistressmittel. Von links: Tobias, Linus, Andreas, Lara und Kati.

Die autofreie Mustersiedlung: Ein Münchner Beispiel zeigt Anforderungen und Bedingungen für attraktive Wohnformen ohne Privatauto.

Noch nie waren auf Schweizer Strassen so viele Autos unterwegs wie heute. Allein im letzten Jahr wuchs deren Bestand von 4,1 auf 4,2 Millionen — 1990 waren es noch knapp 3 Millionen. Auf zwei Einwohner kommt somit mehr als ein Personenwagen.

Und trotzdem gibt es sie, die Menschen, die kein eigenes Auto haben. In den fünf grössten Schweizer Städten nimmt ihre Zahl seit 2000 sogar wieder zu, wie der vom Bundesamt für Statistik durchgeführte «Mikrozensus Verkehrsverhalten» belegt. Demnach stand 2005 in 44,3 Prozent der Zürcher Haushalte (2000: 42,4 Prozent) kein eigener Wagen zur Verfügung, in Basel waren es 52 Prozent (45,3), in Bern 44,9 Prozent (42,2), in Lausanne 34,5 Prozent (34,4) und in Genf 36,1 Prozent (30,1). Landesweit besitzen nur 20 Prozent der Haushalte kein eigenes Auto.

Urbane Elite verzichtet freiwillig auf die eigene Benzinkutsche

Doch wer lebt autolos? Eine Erhebung, die das Luzerner Büro Interface 2008 im Auftrag des Clubs der Autofreien der Schweiz (CAS) durchgeführt hat, unterscheidet zwischen vier Kategorien: mittelständische alte Personen (18,9 Prozent), einkommensschwache Rentner (25,7 Prozent), unterprivilegierte Urbane (26,5 Prozent) und die sogenannten urbanen Eliten (28,9 Prozent). Bei Letzteren — gut ausgebildet und finanziell besser gestellt — steht beim Verzicht auf einen eigenen Wagen die Freiwilligkeit im Vordergrund. Seit 1994 hat sich ihre Zahl fast verdoppelt. «Gerade in den städtischen Regionen mit dem dichten öffentlichen Verkehrsnetz wird ein eigenes Auto immer unattraktiver, zumal man es ja meist nur sporadisch braucht», sagt CAS-Geschäftsführer Samuel Bernhard. «Statt selber einen Wagen zu besitzen, will man ein Auto flexibel nutzen können», sagt er. Er verweist denn auch auf die sprunghafte Zunahme von Autoteilet-Modellen. Marktführer Mobility beispielsweise hat die Zahl seiner Kunden innert zehn Jahren mit rund 100'000 mehr als verdoppelt.

Ein weiteres Zeichen, dass freiwillig autolos zu leben an Fahrt gewinnt, ist die Entstehung von urbanen Wohnüberbauungen speziell für autolose Personen, wie die Burgunder Siedlung in Bern Bümpliz oder die Wohngenossenschaft Kalkbreite in Zürich. Hier sollen eine entsprechende Anbindung an den ÖV sowie eigene Mobility-Stationen für Mobilität sorgen — Parkplätze hingegen sind eine Rarität respektive in Bern Bümpliz überhaupt nicht vorgesehen. Zum Konzept gehört auch, dass Einkaufs- und Dienstleistungsangebote sowie Arbeitsplätze in der Nähe liegen.

Mehr Autofreie in der Stadt und in den Einpersonenhaushalten

Dass der Anteil der autofreien Haushalte in der Stadt mit insgesamt 21,4 Prozent ziemlich genau doppelt so hoch ist wie auf dem Land, überrascht nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass vor allem Einpersonenhaushalte autolos funktionieren, nämlich 42,1 Prozent. Bei den Vierpersonenhaushalten sieht das Bild hingegen schon anders aus: Hier sind es gerade noch 4,9 Prozent, die vor allem via ÖV oder Car-Sharing bewegt werden. Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel: Kati und Andreas Rechsteiner aus Dörflingen SH beispielsweise haben trotz dreier Kinder kein Auto — und fahren gut damit. Genauso wie Dieter Steiner aus Zürich und Marco Pestoni aus Mamishaus BE.


Familie Rechsteiner, Dörflingen SH, immer schon autolos

Wenn man irgendwo gut autofrei leben kann, dann in der Schweiz.

Wenn Pfarrerin Kati Rechsteiner Gemeindemitglieder im Spital in Schaffhausen besucht, dann greift sie zum Elektrovelo. Immerhin sind es gut acht Kilometer ab Dörflingen, und sie will nicht verschwitzt ankommen. Sonst ist die 40-Jährige aber meist mit dem Mountainbike unterwegs, mal mit, mal ohne Anhänger, je nachdem, ob Sohn Linus (6) und Tochter Lara (9) selber fahren wollen.

Vor dem Haus der Familie, zu der weiter Vater Andreas (42), Sohn Tobias (10) und drei Hasen gehören, stehen zurzeit sechs Kickboards, vier Kindervelos, ein Liegevelo, zwei Mountainbikes, ein Strassenvelo, ein Ein-Gang-Velo, besagtes Elektrovelo und ein Tandem. Letzteres kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn Andreas Rechsteiner einen «verhöckleten» Besucher spät abends noch rasch auf den Bahnhof in Schaffhausen bringt.

Als die gebürtige Dietikerin Kati Rechsteiner vor gut zehn Jahren in Dörflingen zur Pfarrerin gewählt wurde, fragten sich viele, wie lange es die Familie wohl ohne Auto aushalten würde. Doch auch heute steht in der Garage des Pfarrhauses kein Auto. Stattdessen hat Vater Andreas, ein gelernter Bauspengler, hier drin vor zwei Jahren ein Velogeschäft eröffnet: «Als wohl einziger Velomech weit und breit ohne Auto.»

Tolles Schweizer ÖV-Netz fördert Entscheid

Während seine Frau aus einer autolosen Familie stammt, begann er sich in den 80er-Jahren Gedanken über seine Mobilität zu machen. «Damals beherrschten Schlagwörter wie saurer Regen und Waldsterben die Schlagzeilen.» Anders als viele seiner Kollegen entschied er sich gegen ein eigenes Auto. Ein Entscheid, der ihm aber nicht schwergefallen sei: «Wenn man irgendwo gut autofrei leben kann, dann in der Schweiz mit ihrem tollen ÖV.» Die Rechsteiners können vergleichen: Vor Dörflingen lebten sie drei Jahre in einer Mission im Hochland von Sambia — ebenfalls ohne Auto. «Die lokalen Busse verkehrten nur, wenn sie voll waren, und in der Regenzeit oft gar nicht.» Für einen autofreien Lebensstil spricht für das Ehepaar noch ein anderer Grund: «Er ist das beste Antistressmittel überhaupt», sagt Kati Rechsteiner. Schnell mal noch dahin, schnell mal noch dorthin sei erst gar nicht möglich. «Einkaufen beispielsweise ist kein Stress, sondern ein Nachmittagsprogramm», ergänzt ihr Mann.

Und was sagen die Kinder? Während Tobias Autofahren «scho no cool» findet, zuckt Linus nur mit den Schultern. Eine dezidierte Meinung hat hingegen Lara: «Autos sind doof», sagt sie, «da drin wirds mir immer schlecht.»


Dieter Steiner (79), Zürich, autofrei seit 1984

Ich bin nicht gegen das Auto per se, sondern für den autofreien Lebensstil

Dieter Steiner (79), Zürich, autofrei seit 1984.
Dieter Steiner (79), Zürich, autofrei seit 1984.

Heute, mit 79 Jahren, bezeichnet Dieter Steiner seine einstige Faszination für die motorisierte Fortbewegung mit einem Augenzwinkern als «Jugendsünde». Die so weit ging, dass der Mitbegründer und Vizepräsident des Clubs der Autofreien der Schweiz (CAS) mit 33 Jahren in einem Gastartikel in der «NZZ» das Verkehrssystem Chicagos zum Vorbild für die Schweiz hochschrieb — nach einem Flug über die Stadt. «Die teils zwölfspurigen Expressstrassen erschienen mir von oben her gesehen wie der Blutkreislauf eines Organismus», sagt der emeritierte ETH-Professor für Geografie mit einem Kopfschütteln.

Dieter Steiner wuchs in Menziken AG auf. Damals hatten Privatwagen Seltenheitswert. «Der Fabrikdirektor und der Dorfarzt hatten ein Auto, das wars auch schon.» Er selber war 24 Jahre alt, als sich sein Vater, ein Primarlehrer, 1956 sein erstes Auto kaufte. «Ein Opel Rekord für 3000 Franken — das war damals noch sehr viel Geld.» Sohn Dieter, inzwischen Student, wäre ein rassiger Sportwagen lieber gewesen, «der hätte meine Kommilitoninnen mehr beeindruckt.»

1968 wanderte er mit seiner damaligen Frau und den drei Söhnen nach Kanada aus. In Toronto wurden ihm zum ersten Mal die Schattenseiten des Strassenverkehrs bewusst, als die Bevölkerung gegen den Bau einer Expressstrasse quer durch ein Wohnquartier demonstrierte. Hier hörte er auch zum ersten Mal den Begriff saurer Regen.

Diskussion um Waldsterben als Auslöser

Bald nach Dieter Steiners Wahl an die ETH und seiner Rückkehr in die Schweiz entbrannte auch hierzulande die Diskussion ums Waldsterben, «eine Diskussion, die mir sehr einfuhr», wie er sagt. Dass er schliesslich 1984 zum Autofreien mutierte, sei sozusagen ein «Gebot der Vernunft» gewesen — zumal er sein Auto in Zürich kaum noch brauchte. «Das ging sogar so weit, dass ich den Wagen nicht mehr fand, wenn ich ihn Wochen zuvor irgendwo im Quartier abgestellt hatte», sagt er und schmunzelt. Eine Tatsache, die ihm den Entscheid erleichtert haben dürfte.

Dieter Steiner, der in den Ferien auch mal gern auf einen Mietwagen zurückgreift, liegt es fern, das Auto zu verteufeln. «Ich bin nicht gegen das Auto per se, sondern für den autofreien Lebensstil», betont er. Die wachsende Zahl derer, die wie er freiwillig auf ein Auto verzichten, beflügelt ihn dabei. Trotzdem macht ihm die Zukunft auch Angst: «Wenn ich an die rasante Zunahme der Mobilisierung in China oder Indien denke, wird mir elend», sagt er. Nur: «Müssen diese Menschen nicht auch das Recht haben, die gleichen Fehler zu machen wie wir einst?»


Marco Pestoni (55), Mamishaus BE, autofrei seit 1986

Den Stress auf den Strassen will ich mir einfach nicht mehr antun

Marco Pestoni (55), Mamishaus BE, autofrei seit 1986.
Marco Pestoni (55), Mamishaus BE, autofrei seit 1986.

Wenn Marco Pestoni in der Stadt Bern auf einer Baustelle eintrifft, dann sorgt der Maler bei den Kunden regelmässig für Verblüffung. Anders als die meisten anderen Handwerker fragt der 55-Jährige nämlich nie nach einer Parkmöglichkeit. Stattdessen holt er sich am nächsten Mobility-Standort ein Auto, fährt damit ins Depot seines Ein-Mann-Malerbetriebs in Wabern bei Bern, lädt die schweren Farbkübel, Leiter, Abdeckmaterial und was er sonst noch so alles braucht ein, fährt zurück zur Baustelle, lädt aus und bringt den Wagen umgehend wieder zum Mobility-Standort.

Privat ist er nur noch mit dem ÖV unterwegs

Zwischen ein und zwei Stunden, je nach Lage der Baustelle, dauert das ganze Manöver. Zeit, die sich Pestoni gerne nimmt. «Die nächsten paar Tage kann ich dann ganz entspannt von meinem Zuhause in Mamishaus BE mit Velo, S-Bahn, Tram oder auch Bus zum Kunden fahren», sagt er und streicht sich zufrieden über den Schnauz. «Und was noch viel schöner ist: Ich muss mir nie darüber Gedanken machen, ob ein Feierabendbier drinliegt oder nicht.» Nach der Bauabgabe geht das ganze Prozedere dann in der umgekehrten Reihenfolge über die Bühne.

Marco Pestoni nutzte Mobility schon, als das Unternehmen noch Car Sharing Company hiess. Als er sich 1996 selbständig machte, sei sein erster Schritt der Beitritt gewesen. «Damals hing noch bei jedem Standort ein Kistli mit dem Autoschlüssel drin», erinnert er sich. Zwischen 2000 und 2500 Kilometer legt der Maler jährlich in einem der roten Autos zurück. Privat hingegen ist er ausschliesslich mit dem ÖV unterwegs. Auch in die Ferien gehts per Zug, zuletzt zum Wandern ins Piemont. «Den Stress auf den Strassen will ich mir einfach nicht mehr antun», sagt er. Fünf Jahre lang war er selber als Lastwagenfahrer auf Europas Strassen unterwegs. «Berlin—Lissabon und wieder zurück: Ich habe mehr als genug Kilometer abgespult.»

Der Entscheid zum Autoverzicht fiel nicht etwa hinter dem Lastwagensteuer auf einer europäischen Autobahn, sondern auf dem Velosattel auf einer afrikanischen Sandpiste. Neun Monate lang dauerte die Velotour von Bern nach Dakar, zu der Marco Pestoni 1986 allein aufgebrochen war. «Die Reise hat meine gesamte Lebenseinstellung radikal geändert. Zeitdruck, Stress, Geschwindigkeit hatten ab sofort keinen Platz mehr — und damit auch kein Auto.»

Kaum zurück, brachte er sein heiss geliebtes Opel-Commodore-Coupé, das er kurz vor seiner Reise noch neu hatte spritzen lassen, auf den Autoabbruch. Hier versicherte er sich mit eigenen Augen, wie es zu einem Metallwürfel gepresst wurde. «Auf die paar Tausend Franken, die ein Verkauf gebracht hätte, habe ich gern verzichtet, Hauptsache, ein Auto weniger auf der Strasse.»

Maler Pestoni hat seine radikale Autoentsorgung nie bereut: Vereiste Strassen und Windschutzscheiben, endlose Staus und Strafmandate wegen falschen Parkierens — all das ist für ihn kein Thema mehr. Zwei Dinge haben sich dafür geändert. Zum einen muss er heute jeweils genau planen, was mit auf die Baustelle muss, zumindest was das schwere Material angeht. «Und ich muss meine Farbchessi jeweils sorgfältig schliessen: ein Mobility- Auto voll Farbe, das geht nun wirklich nicht!»

Tipps zum autofreien Leben: www.clubderautofreien.ch

Autofrei Wohnen: www.burgunder-bern.ch www.kalkbreite.net

www.mobility.ch www.cartribe.ch

Autor: Almut Berger

Fotograf: Tina Steinauer