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01. Juli 2013

Freie Liebe mit Regeln

Kann man sich gleichzeitig in mehrere Menschen verlieben? Polyamore sagen Ja. Was Paartherapeutin Claudia Haebler (58) davon hält, verrät sie im Interview.

Claudia Haebler, Paartherapeutin aus Winterthur
Claudia Haebler, Paartherapeutin aus Winterthur (Bild: zVg).

Frau Haebler, wie neu ist das Phänomen «Polyamorie»?

Zum ersten Mal aufgetaucht ist es zirka im Jahr 1990, aber davon gehört und damit in Berührung gekommen bin ich erst vor einigen Jahren. Noch heute ist dieses Wort wohl in weiten Teilen der Bevölkerung unbekannt.

Die Idee ist schon sehr viel älter. Erfunden hat diese Lebensform doch die 68er-Generation mit der freien Liebe.

Da besteht sicher ein Zusammenhang. In gewissen Bevölkerungskreisen scheint es zu einer Art Revival der freien Liebe zu kommen.

Kamen Sie in Ihrer Praxis schon in Kontakt mit polyamor lebenden Menschen?

Nur indirekt. Es kommt zum Beispiel regelmässig vor, dass sich Personen frisch verlieben, aber ihren bisherigen Partner nicht verlassen wollen. Bisher kam die Lösung «Polyamorie» jedoch nicht infrage. Dazu waren die Betroffenen nicht bereit. Deshalb hiess es dann meistens entweder oder.

Eifersucht ist ein Problem.

Haben Sie diesen Menschen vorgeschlagen, zumindest versuchsweise polyamor zu leben?

Nur im Ansatz. Meine Klienten reagieren noch sehr geschockt auf Ideen dieser Art. Es ist aber auch nicht meine Aufgabe, Vorschläge zu machen, sondern meine Klienten in schwierigen Situationen zu begleiten und die bestmögliche Lösung für sie zu finden.

Es hat halt etwas Anrüchiges. Was ist der Unterschied zwischen Polyamorie und mehreren Affären?

Ich sehe einen entscheidenden Unterschied: Bei der Polyamorie gehts um Offenheit, Einvernehmlichkeit, Loyalität, Empathie und Verbindlichkeit. Das sind ganz wichtige Werte, welche auch die Grundpfeiler von gut funktionierenden Zweierbeziehungen sind. Ganz im Gegensatz zu meist heimlich stattfindenden Affären!

Das klingt in der Theorie ganz schön. Wie ist es in der Praxis? Jemand ist doch immer das dritte Rad am Wagen.

Das ist individuell. In einem mir bekannten Fall hat der Mann mit seinen zwei Frauen zusammen Regeln erarbeitet, die ein gleichwertiges Zusammenleben ermöglichen. Er verteilt seine Liebe und seine Zeit auf die beiden. Das braucht sehr viel Disziplin und ein hohes Verantwortungsbewusstsein von allen Beteiligten.

Sexuell treu zu sein, fällt heute schwerer als früher.

Es soll eine 50-Kilometer-Regel geben, die besagt, dass Polyamorie nur funktioniert, wenn die Beteiligten nicht in der Nähe wohnen.

Sehe ich nicht so. In der angesprochenen Dreierbeziehung wohnen die Parteien direkt nebeneinander, und der Mann geht manchmal links zur Tür rein und manchmal rechts…

Heisst das im Umkehrschluss, dass Treue und Monogamie eigentlich überholt sind? Oder sind Polyamore in gewisser Weise auch treu – einfach nur mehreren Menschen?

Sexuelle Treue in langjährigen Partnerschaften ist in der Tat ein Problem. Durch das Internet fällt es sehr leicht, neue Menschen und Erlebnisse zu finden. Polyamore halten ihre Lebensform für eine gute Alternative zur heute sehr verbreiteten «seriellen Monogamie», also zu aufeinanderfolgenden monogamen Beziehungen.

Sehen Sie das auch so?

Das ist tatsächlich eine Stärke dieser Lebensform. Man verlässt einen Partner nicht für den nächsten, sondern führt ehrliche Langzeitbeziehungen. Ich kann dieses Argument sehr gut nachvollziehen.

Bei Polyamorie steht die Liebe und weniger der Sex im Mittelpunkt.

Nutzen nicht gerade Männer die Polyamorie als Ausrede, um gleichzeitig mit mehreren Frauen zusammensein zu dürfen?

Es kann sicherlich solche Fälle geben, aber das hat dann in meinen Augen nichts mit Polyamorie zu tun, da kein offener Dialog stattfindet, sondern in Ihrem Beispiel der Mann seine Freiheit höher schätzt als die Beziehung.

Verhalten sich Mann und Frau in polyamoren Beziehungen in diesem Fall gar nicht anders?

Zumindest bei der Häufigkeit der Untreue gibts heute zwischen Frau und Mann keine grossen Unterschiede mehr. Trotzdem glaube ich, dass die Idee der Polyamorie eher noch von Männern vorangetrieben wird. Bei einem meiner Klienten war das so: Er verliebte sich in jemand anderen und wollte diese Beziehung leben, ohne seine Frau nach 20 Jahren zu verlassen. Er nannte es zwar nicht Polyamorie, aber im Prinzip war es genau das.

Eine schwierige Situation nach langen Jahren in einer Ehe …

Richtig. Das Spezielle an der Polyamorie ist aber, dass nicht unbedingt der Sex im Mittelpunkt steht, sondern die Liebe. Wenn jemand einfach mit jemand anderem ins Bett möchte, würde ich nach wie vor noch von Fremdgehen sprechen.

Das tönt alles so super einfach. Verlaufen polyamore Beziehungen harmonischer?

Das glaube ich nicht. Es ist sehr anspruchsvoll, die verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen – das ist schon in einer Zweierbeziehung schwierig genug. Aber ich kann mir vorstellen, dass es so mehr Befriedigung bringt, weil man nicht einen Partner für den anderen aufgeben muss.

Mir selbst wäre Polyamorie zu kompliziert.

Was erzählt man seinen Kindern, wenn plötzlich mehrere Frauen oder Männer zu Hause ein und aus gehen?

Kinder sollten primär vor den Beziehungsproblemen der Eltern geschützt werden. Diese müssen ihrem Nachwuchs vielmehr Halt und Verlässlichkeit bieten. Doch bei einem ernsthaften Versuch, so zu leben, könnten Kinder ihrem Alter entsprechend informiert werden, damit es keine Geheimnisse in der Familie gibt. Polyamore dürfen zu ihrem Entscheid stehen und ihn gegenüber den nächsten Bezugspersonen offen kommunizieren.

Was sorgt bei Polyamorie für Streit? Ist es die Eifersucht?

Eifersucht kann für alle Beteiligten ein Problem sein. Sowohl für den bisherigen Partner als auch für jemand Drittes, der oder die zu einer funktionierenden Beziehung dazustösst und das Gefühl erhält, nicht gleichberechtigt zu sein.

Kann man sich auf solche Situationen vorbereiten oder sich sogar dagegen schützen?

Wer sich schützen will, zieht häufig eine emotionale Schutzwand hoch und distanziert sich damit innerlich von den Partnern. Ich empfehle deshalb eher, die eigenen Gefühle und die der Partnerinnen und Partner ernst zu nehmen und offen anzusprechen.

Können Sie sich vorstellen, in einer polyamoren Beziehung zu leben?

(lacht) Ich glaube es wäre mir zu kompliziert. Mir ist es primär wichtig, gute Beziehungen zu meinem Partner, meinen Kindern und zu Freunden zu pflegen. Grundsätzlich halte ich Polyamorie aber für eine von vielen möglichen Lebensformen, sofern alle Beteiligten einverstanden sind.

Zur Person:Claudia Haebler Brenner (58) führt seit 1992 eine Praxis für Beziehungstherapie und Paarberatung in Winterthur. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Autor: Reto Vogt