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10. März 2014

Freeriden mit gutem Gewissen

Spass im Tiefschnee und der Respekt vor Wildruhezonen schliessen sich keineswegs aus. Im Obwaldner Freeridemekka Engelberg geniesst man abseits der Pisten die Freiheit auf Skiern ‒ ohne dabei die ansässigen Tiere zu stören.

Freeskier in Engelberg mitten im Tiefschnee, abseits der Piste
Unverspurte Hänge, stiebender Schnee und über einem die warme Sonne: Skilehrer Dani geniesst Freeriden pur an der Engelberger Laub.

Nennen wir ihn doch Hans. Er ist am Rand des Engelberger Lauberswalds zu Hause. Regungslos kauert er in seiner selbst gegrabenen Schneehöhle, der Atem geht flach, er ist kraftlos und hat Hunger. Sein derzeitiges Hauptanliegen: durch den Winter zu kommen, um im Frühling wieder auf die Balz gehen zu können.

Mehr zum Thema: Welche Schweizer Skigebiete sich neben Engelberg auch noch zum Freeriden eignen: zum Artikel

Dann wird Hans der Angebeteten sein prächtiges, blauviolett glänzendes Gefieder und die angeschwollenen halbmondförmigen roten Flecken über seinen Augen präsentieren. Hans ist ein Birkhahn und gehört zur Gattung der Birkhühner, die in der Schweiz als potentiell gefährdet eingestuft sind.

Auch Birkhahn «Hans» ist hier zu Hause.
Immer mehr Wintersportler vergnügen sich abseits der Piste. Deshalb entstehen laufend neue Wildruhezonen.
Immer mehr Wintersportler vergnügen sich abseits der Piste. Deshalb entstehen laufend neue Wildruhezonen.

Ein anderer Engelberger heisst Dani und ist unser Guide für heute. Der 26-jährige Skilehrer und Bergführeraspirant wird darauf achten, dass wir Hans, Schneehasen, Hirschen oder Gämsen nicht zu nahe kommen, während er uns für einen ganzen Tag abseits der Pisten über die Tiefschneehänge lotst. Und von diesen hat es in Engelberg viele. Kein Wunder, gilt das Gebiet als eines der europäischen Freeridemekkas. Was hier – von den Einheimischen argwöhnisch beäugt – vor gut 15 Jahren mit einigen wenigen skandinavischen Freeridepionieren begann, ist mittlerweile Mainstream und lockt jährlich Tausende von Skifahrerinnen und Snowboardern neben die Engelberger Pisten. Dieser Trend, wie auch die steigende Beliebtheit des Schneeschuhlaufens, brachte schweizweit viele Menschen in Gebiete, die bisher im Winter kaum begangen wurden und deshalb als wichtige Rückzugsorte für etliche Tierarten fungierten. Diese Entwicklung führte mit zu einer neuen Verordnung, aufgrund derer sämtliche Kantone seit 2012 eine Schutzpflicht für Wildtiere haben, weshalb nun laufend neue Wildruhezonen entstehen.

Die eigenen Grenzen respektieren und auch die der Wildtiere

Um Wintersportler, insbesondere Freerider, für die Beachtung der Wildruhezonen und für eine tierfreundliche Routenwahl zu sensibilisieren, haben das Bundesamt für Umwelt und der Schweizer Alpen Club die Kampagne «Respektiere deine Grenzen» lanciert. Wer die Pistengrenze verlässt, sollte sich vorgängig also entsprechend informieren.Oder mit jemandem unterwegs sein, der sich diesbezüglich auskennt – wie wir mit unserem Guide Dani. Gerade sind wir an der Tafel «Achtung! Hier keine markierte und kontrollierte Skiabfahrt» vorbeigefahren und befinden uns in der Traverse zum Laubersgrat, dem Start zu einer der wohl legendärsten Freerideabfahrten von Engelberg, der Laub.

Freeride Guide Dani in Skiausrüstung mit Helm und Sturmbrile zeigt auf einen Punkt in der Ferne.
Guide Dani weist den Weg zur Traverse quer über den steilen Hang der Laub.

Der Hang ist breit, zieht sich 1000 Höhenmeter hinunter und ist mit 35 bis 43 Grad Neigung recht steil. Zum Vergleich: Ab rund 25 Grad wird eine Piste als schwarz eingestuft. Die Steilheit birgt auch die Gefahr von Lawinen, weshalb eine entsprechende Ausrüstung sowie die Beachtung des Lawinenbulletins unabdingbar sind. Vom Laubersgrat stürzen wir uns ins Abenteuer, wobei stürzen das falsche Wort ist: Um unsere Skier nicht zu ruinieren, schreiten wir erst vorsichtig über die vom Wind abgeblasene, steindurchsetzte Flanke. Dann die ersten Schwünge. Der wenige Schnee ist hier pistenhart. Etwas weiter unten scheint die Schneedecke dicker und weicher zu sein, doch der Eindruck täuscht: Der Neuschnee verdeckt nur die alten, hart gefrorenen Spuren darunter. Es holpert, schüttelt und rüttelt. «Ah, gar nicht schön», beschwert sich Dani.

Ein Hochgefühl wie damals auf der Kinderschaukel

Doch bald ändert sich die Schneequalität wieder. Jetzt ziehen wir herrliche Kurven, der leichte, pulvrige Neuschnee stiebt bei jedem Schwung, und im weissen Nebel bricht sich das Sonnenlicht in allen Farben. Unsere Freerideskier mit 98 Millimeter Breite unter der Bindung ermöglichen uns ein Schwingen ohne grossen Krafteinsatz. Ein ähnliches Hochgefühl breitet sich aus wie damals mit fünf Jahren auf der Kinderschaukel. Und wir widerlegen ausserdem eine «wissenschaftliche» Erkenntnis, die besagt, dass der Mensch einen Schaden erst wieder als ausgeglichen empfindet, wenn er mit einem doppelt so hohen Gewinn entschädigt wird. Uns reichen bereits die ersten schönen Schwünge, um den Hangabschnitt weiter oben vergessen zu machen. Ein weiteres Highlight: Wir sind allein in der legendären Laub. An schönen Neuschneetagen sieht das anders aus, dann kurven hier schnell einmal rund 800 Freerider hinab. Eine eigene Spur in den Tiefschnee zu legen, kann man so vergessen.

Der Weg zur Traverse: Freeriden in Engelberg
Der Weg zur Traverse: Freeriden in Engelberg

Unsere Spur führt uns zu einer Tafel, die auf die Wildruhezone hinweist. Irgendwo dahinter dämmert Hans vor sich hin. Schreckt man ihn auf, würde er panisch herumflattern und den Rest des Tages allenfalls im Freien verbringen müssen. Je öfter ein Wildtier aufgeschreckt wird, desto mehr zehrt dies an seinen im Winter sowieso schon schwachen Energiereserven, was bis zum Erschöpfungstod führen kann.

Wir respektieren deshalb auch im weiteren Verlauf des Tages die Grenzen zu den Wildruhezonen – und können so guten Gewissens jeden einzelnen Schwung geniessen und auch noch davon zehren, als wir beim Eindunkeln wieder im Zug nach Luzern sitzen. Dies ist die Zeit, in der Hans seinen Kopf aus der Schneehöhle reckt, nach Knospen und Trieben von Bäumen sucht und sich wohl mit dem Gedanken an die Balz in zwei Monaten durch den harten Winter tröstet.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Beat Brechbühl