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26. November 2012

5 Fragen: «Frauenbäder haben Tradition»

Am Samstagnachmittag ist das Berner Hallenbad Gäbelbach nur für Frauen offen. Expertin Ursula Heitz über Hemmschwellen, Widerstände und Vorurteile.

Sollen Frauen in öffentlichen Bädern zu bestimmten Zeiten unter sich baden können? Sollen auch Männer solche Möglichkeiten erhalten? Verraten Sie uns Ihre Meinung per Kommentar zuunterst auf dieser Seite.

Ursula Heitz (52) ist Leiterin des Kompetenzzentrums Integration der Stadt Bern. (Bild: zVg.)
Ursula Heitz (52) ist Leiterin des Kompetenzzentrums Integration der Stadt Bern. (Bild: zVg.)

Ursula Heitz (52) ist Leiterin des Kompetenzzentrums Integration der Stadt Bern.

1. Ursula Heitz, warum gibt es im Berner Gäbelbach-Hallenbad einen Nachmittag nur für Frauen?

Es ist offensichtlich ein Bedürfnis. Das Frauenschwimmbad ist auf Nachfrage von Anwohnerinnen und der Quartierarbeit entstanden. Letztere fördert den Zusammenhalt der Bewohner und entsprechende Ideen. Das Projekt war erst zeitlich begrenzt, fand aber so grossen Anklang, dass die «Schwimmfrauen» einen Trägerverein gründeten, um das Frauenbad und ihren Schwimmkurs am Leben zu erhalten. Das Frauenbad ist keine Erfindung von Frauen mit Migrationshintergrund, Frauenbäder haben in der Schweiz eine lange Tradition.

2. Der Gäbelbach ist ein multikulturelles Quartier. Ist das Angebot ein Integrationsprojekt?

Man kann es durchaus so sehen. Der Schwimmkurs ist ideal, um über den Sport ein gutes Miteinander zu finden und die Integration zu fördern. Im Gäbelbach leben Menschen mit unterschiedlichem sozialen und kulturellen Hintergrund. Im Frauenbad können die Frauen im kleinen Rahmen, wo sie sich wohlfühlen, Nachbarinnen kennenlernen, Beziehungen knüpfen, Selbstsicherheit gewinnen und Hemmschwellen abbauen.

3. Warum baden die Frauen lieber unter sich?

Da gibt es ganz verschiedene Motive. Etwa, weil man sich nicht gerne im Badeanzug vor dem anderen Geschlecht zeigt, weil man sich durch gängige Schönheitsideale unter Druck gesetzt fühlt oder weil man es sich aus seiner Kultur nicht gewohnt ist, in der Öffentlichkeit zu baden. Es gibt eventuell auch Männer, die wünschen, dass ihre Frau nur unter Frauen baden geht. Es kann aber auch gut sein, dass diese Frauen später, nachdem sie Hemmschwellen abgebaut haben, während den normalen Öffnungszeiten ins Hallenbad gehen.

4. Gibt es Widerstände oder Vorurteile?

Die Widerstände sind klein, da das Frauenbad ausserhalb der normalen Öffnungszeiten stattfindet. Vorurteile tauchen aber immer wieder auf. Manche Leute sind der Meinung, das sei eine Extrawurst für eine bestimmte Gruppe. Oder sie denken, das Angebot sei nur für muslimische Frauen, die im Burkini schwimmen. Es kommen jedoch unterschiedliche Frauen ins Bad.

5. Warum gibt es kein entsprechendes Männerschwimmbad?

Es gibt Männerbäder: zum Beispiel der Bueber, das Männerabteil im Freibad Marzili Bern, oder das Männerbad Schanzengraben in Zürich.

Das Projekt «Frauenbad» im Hallenbad Gäbelbach in Bern wird nach einjähriger Pause fort­gesetzt (Bernerzeitung.ch vom 15. November).
Das Projekt «Frauenbad» im Hallenbad Gäbelbach in Bern wird nach einjähriger Pause fortgesetzt (Bernerzeitung.ch vom 15. November).

Der Zeitungsartikel zum Thema

Im November 2012 berichtete «Bernerzeitung.ch» über das Projekt «Frauenbad». Zum Artikel

Autor: Claudia Langenegger