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11. März 2013

«Frauen werden in der Geschichte oft wegradiert»

54 Jahre waren Alma und Alfred Hitchcock verheiratet. Jetzt bekommt die Frau des «Master of Suspense» endlich ein Gesicht vor der Kamera ‒ das von Oscar-Preisträgerin Helen Mirren. Die britische Schauspielerin über die Hitchcocks, ihr eigenes Eheleben und das blaue Blut, das durch ihre Adern fliesst.

Helen Mirren
«Die Hitchcocks führten wohl eine der grossartigsten Ehen in der Filmgeschichte.» Helen Mirren spielt Alma Hitchcock. (Bild: Kevan Brooks/AdMedia)
Lösen Sie das Online-Quiz über Alfred Hitchcock und gewinnen Sie ein Krimi-Wochenende für zwei Personen in der Jungfrau Region. (Bild: Peter Denlo)
Lösen Sie das Online-Quiz über Alfred Hitchcock und gewinnen Sie ein Krimi-Wochenende für zwei Personen in der Jungfrau Region. (Bild: Peter Denlo)

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Helen Mirren, in Ihrem neuesten Film «Hitchcock» spielen Sie die Frau im Schatten eines grossen Hollywood-Maestros. Was wussten Sie im Vorfeld über Alma Hitchcock?

Eigentlich nichts. Ich ahnte auch nicht, wie wichtig sie war. «Hitch» hat zwar immer unterstrichen, wie sehr er auf seine Frau zählte. Nicht im Nachspann der Filme allerdings. Aber wir kennen das ja: Frauen werden in der Geschichte oft wegradiert.

Wie haben Sie sich über Alma informiert?

Meine Hauptinformationsquelle war das Buch von Patricia Hitchcock über ihre Mutter. Nur schon, dass die inzwischen 84-Jährige über die Mutter und nicht über ihren berühmten Vater schrieb, spricht Bände. Und der Titel war «Alma Reville», nicht «Alma Hitchcock», weil Patricia so bedacht darauf war, ihre Mutter ins Rampenlicht zu rücken. Alma scheint eine gute Ehefrau, Mutter und Gastgeberin gewesen zu sein. Die Hitchcocks ergänzten sich gut: Alma kochte gerne, Alfred ass gerne. Sie liebten das luxuriöse Leben und flogen Foie Gras aus Frankreich ein. Sie führten wohl eine der grossartigsten Ehen in der Filmgeschichte.

Und doch blieb Alma, die 1982 verstarb, zeitlebens unbekannt. Gehen Frauen auch heute noch zu wenig ihren eigenen Weg?

Partner in Crime: Alma und Alfred Hitchcock arbeiteten bei allen Filmprojekten eng zusammen. (Bild: Suzanne Tenner).
Partner in Crime: Alma und Alfred Hitchcock arbeiteten bei allen Filmprojekten eng zusammen. (Bild: Suzanne Tenner)

Sie sind mit dem Regisseur Taylor Hackford verheiratet. Lässt sich Ihre Beziehung in irgendeiner Form mit jener von Alma und Alfred Hitchcock vergleichen?

Unsere berufliche Beziehung ist ganz anders. Alma und Alfred Hitchcock waren das ganze Eheleben lang kreative Partner. Taylor und ich haben Karrieren, die unabhängig voneinander laufen. Natürlich unterstützen wir uns gegenseitig. Aber ich mache mein Ding und lasse Taylor die Freiheit, seinen eigenen Obsessionen nachzugehen. Denn besessen und voyeuristisch sind alle Regisseure.

Besessen von ihren Schauspielerinnen?

Regisseure engagieren Schauspieler und Schauspielerinnen, weil sie sich in irgendeiner Form von ihnen angezogen fühlen. Sie müssen diese Gesichter ja wochenlang direkt und dann noch über Monate im Schneideraum anschauen. Ich habe schon erlebt, wie sich Regisseure in ihre Schauspielerinnen verliebten. Also nicht mein Mann, möchte ich da gleich anfügen! (lacht) Das passierte ihm nur bei mir. Bei den Dreharbeiten zu «White Nights» 1985. Diese vorübergehenden Obsessionen werden dann oft mit tiefer Liebe verwechselt, deshalb halten viele Ehen in Hollywood nicht. Aber das gehört halt zum Berufsrisiko.

Hitchcock scheint besonders Blondinen bevorzugt zu haben, die er ‒ wie Tippi Hedren («The Birds») in ihren Memoiren schrieb ‒ auch quälte. Haben Sie selber auch Erfahrungen mit sadistischen Regisseuren gemacht?

Ich habe schon mitbekommen, wie Regisseure sich gegen eine Schauspielerin wenden. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen aufhören, sie blosszustellen und zu attackieren, denn für die anderen ist das auch unangenehm. Aber mir selber ist das noch nie passiert — zumindest habe ich es nicht gemerkt. (lacht) Hitchcock muss sich wohl gegen Hedren gewendet haben. Er trank damals mehr, und er hatte halt ein derben Humor, den man sich in den USA weniger gewohnt war. Aber weder Janet Leigh, Grace Kelly, Ingrid Bergman noch Kim Novak hatten etwas Schlechtes über ihn zu sagen. Und selbst Tippi Hedren machte nach «The Birds» einen weiteren Film, «Marnie», mit ihm.

Was halten Sie von heutigen Stars wie Scarlett Johansson und Jessica Biel, die in «Hitchcock» die Stars von einst, also Janet Leigh und Vera Miles, spielen?

Ich finde sie toll! Vor allem Scarlett Johansson hat mich sehr beeindruckt, als ich am Filmfestival in Venedig mit ihr in der Jury sass. Sie ist sehr gescheit und hat interessante Meinungen. Für sie bin ich gerne ein Mentor. Es freut mich auch enorm, dass sie jetzt Theater spielt. Sie sind auch alle so nett, da hats wirklich keine Blödmänner drunter. Sie nehmen zwar ihren Job, sich selber aber nicht zu ernst.

Und wie haben Sie Anthony Hopkins, der Alfred Hitchcock spielt, erlebt?

Unglaublicherweise haben wir in all den Jahren nie miteinander gearbeitet. Wir kannten uns auch nicht, und beim Drehen erkannte ich ihn eigentlich auch selten als Tony Hopkins. Er war einfach mein «Hitch», mit dem ich schon ewig verheiratet war. Aber wir kennen die gleichen Leute und tauschten Klatsch über Laurence Olivier und John Gilbert aus. Wir kommen aus dem gleichen Stall.

Gibt es etwas, dass Sie im Beruf oder im Privatleben anders machen würden, wenn Sie die Uhr zurückdrehen könnten?

Vermutlich nicht. Alles, was ich bisher gemacht habe, hat mich an diesen Punkt gebracht. Es hängt ja im Leben so vieles zusammen. Das heisst nicht, dass ich nicht viele Fehler gemacht habe: Ich habe Rollen abgelehnt, die ich hätte spielen sollen, und dafür welche angenommen, die ich besser abgelehnt hätte. Ich hatte Beziehungen, die ich besser nicht gehabt hätte, und war betrunken, als ich mich besser nicht betrunken hätte. Fehltritte gabs genug, aber ich bin so irgendwie an den richtigen Ort gestolpert.

Sie sind heute mit 66 gefragter denn je, und in Porträts werden Sie nach wie vor als sexy beschrieben …

… aber eigentlich fühle ich mich alt.

Mein Hinterteil ist russisch, das Oberteil englische Arbeiterklasse.

Tatsächlich?

Wenn ich früh aufstehen muss, brauche ich schon eine Extraportion Energie. Unterhaltung ist das Geschäft der Jungen. Aber Hollywood findet immer mal wieder ein Publikum, das es vergessen hat. Eine Weile vergassen sie die Teenager, bis sie John Hughes in den 80er-Jahren als Publikum wieder entdeckte. Mit «Titanic» hatten sie die jungen Mädchen im Visier, und jetzt sind mit Filmen wie «The Best Exotic Marigold Hotel» oder «Red» gerade wir Alten dran.

Derzeit kann man Sie wieder als Königin Elizabeth  II. im Londoner West End auf der Bühne sehen. Sie spielten die Königin bereits in «The Queen» und wurden dafür mit einem Oscar ausgezeichnet. Inwiefern ist das Stück «The Audience» eine neue Annäherung an Ihre Monarchin?

Das Stück ist von Peter Morgan, dem gleichen Autor wie von «The Queen». Aber dieses Mal wird ihre Beziehung zu ihren Premierministern ausgeleuchtet. Ich spiele die Königin im Alter von 26 Jahren bis in die Gegenwart. Von Churchill bis Cameron. Für mich heisst das viele Kostüm- und Perückenwechsel in kurzer Zeit. Aber die Herausforderung ist es mir wert: Das Stück gibt einen Einblick in die Geschichte Grossbritanniens und zeigt, wie die Mühlen der Macht und Politik mahlen.

Sie haben selber Vorfahren in der Aristokratie. Fühlen Sie sich deshalb immer wieder zu noblen Rollen hingezogen?

Ja, genau! (lacht) Weil meine Urgrossmutter eine russische Gräfin war! Ich bin Halbrussin. Ich sage immer: Mein Hinterteil ist russisch, das Oberteil englische Arbeiterklasse. Ich halte aber nicht viel von Klassenunterschieden, und Nobilität hat für mich etwas mit Charakter zu tun — nicht mit Geburt. Ich glaube, Elizabeth II. ist nobel und wäre es auch, wenn sie in eine Arbeiterfamilie hineingeboren worden wäre.

Gibt es für Sie auch so etwas wie Freizeit?

Ich arbeite gerne im Garten. Die Szene im Garten in «Hitchcock», das bin total ich. Das fand auch mein Mann. Dafür bin ich keine grosse Köchin, denn ich gehe nicht gerne Lebensmittel einkaufen. Dann schon lieber Schuhe!

Autor: Marlène von Arx