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17. Dezember 2012

«Frauen leiden nachher oft darunter»

Jedes dritte Kind wird heute per Kaiserschnitt geboren: doppelt so viele wie medizinisch notwendig. Das ist nicht immer zum Wohl von Mutter und Kind, meint Doris Güttinger vom Schweizerischen Hebammenverband bei der Beantwortung von fünf Fragen.

Doris Güttinger (45) ist Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbandes (SHV)
Doris Güttinger (45) ist Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbandes (SHV). (Bild: zVg.)

Zeitgemäss oder unnatürlich – was halten Sie vom geplanten Kaiserschnitt? Haben Sie sich gar selbst für einen entschieden? Verraten Sie uns Ihre Meinung per Kommentar zuunterst auf dieser Seite.

1. Doris Güttinger, die Zahl der Kaiserschnittgeburten ist massiv angestiegen und bleibt hoch. Warum?

Interessant ist ja, dass die Rate von Region zu Region sehr unterschiedlich ist, im Jura ist sie mit 19 Prozent tief, in Zug mit 39 Prozent sehr hoch. In Privatspitälern ist sie signifikant höher als in öffentlichen Spitälern. Medizinisch lässt sich dies nicht begründen. Die Ursache liegt da wohl in einem falschen Anreizsystem: An einem Kaiserschnitt ist mehr zu verdienen als an einer Spontangeburt.

2. Welches sind die Nachteile eines Kaiserschnitts?

Frauen mit einem Kaiserschnitt haben ein fast verdoppeltes Risiko für Folgeprobleme nach der Geburt und sogar ein fünffaches Risiko für eine Infektion. Auch bei einer Folgeschwangerschaft kommt es häufiger zu Komplikationen. Da das Kind nicht erst zur Welt kommt, wenn es dafür bereit ist, kann es Probleme mit der Atmung haben. Sein Immunsystem ist schwächer, und man vermutet, dass Kinder nach einem Kaiserschnitt ein erhöhtes Risiko für Asthma, Diabetes und Allergien haben.

3. Warum ist die Methode dennoch beliebt?

Der Termin ist planbar und findet tagsüber statt. Bei einer spontanen Geburt weiss man nie, wann sie eintritt. Viele Frauen sind sich jedoch nicht im Klaren, worauf sie sich einlassen. Nach einem Kaiserschnitt leiden sie oft darunter, es nicht selbst geschafft zu haben, das Kind zur Welt zu bringen, haben Schmerzen und können sich deswegen nicht wie gewünscht um das Kind kümmern. Wundschmerzen treten bis sechs Monate nach der Operation auf.

4. Eine natürliche Geburt ist schmerzhaft – ist sie besser für Mutter und Kind?

Eine Frau muss heute nicht mehr unter stundenlangen Schmerzen gebären. Die Schmerzen können zum Beispiel mit einer lokalen Rückenmarkanästhesie gut gedämpft werden. Im Unterschied zum Kaiserschnitt bestehen nach einer Spontangeburt keine Operationsrisiken. Oft geht es den Frauen auch psychisch besser nach einer natürlichen Geburt. Man weiss aus Studien, dass nur ein Drittel der Frauen wieder einen Kaiserschnitt wählen würde.

5. Wie kann man die Zahl der Kaiserschnitte senken?

Mit einer guten Aufklärung der Frauen. Der Kaiserschnitt kann lebensrettend sein. Es ist aber falsch, ihn als einfachere Geburtsmethode darzustellen. Frauen, die sich dafür entscheiden, müssen wissen, welche Folgen dies haben kann. Der Hebammenverband erarbeitet derzeit mit Kinderärzten und Gynäkologen eine Broschüre zum Thema. Sie wird im nächsten Frühjahr erscheinen.

Der Artikel zum Thema

Am 2. Dezember 2012 berichtete «20 Minuten», dass in der Schweiz rund ein Drittel der Kinder per Kaiserschnitt zur Welt kommt. Zum Artikel

Autor: Claudia Langenegger