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26. September 2016

Sprung über den Geschlechtergraben

Sie arbeiten in klassischen Männerberufen: Maurerin Flavia Schnoz, Ingenieurin Melanie Steiner und Verwaltungsrätin Monica Mächler. Warum haben sie sich so entschieden? Und wie haben sie es geschafft, sich in der «Männerwelt» durchzusetzen?

Sprung über den Geschlechtergraben

Flavia Schnoz (21) musste sich so einiges anhören, als sich herumsprach, für welchen Beruf sie sich entschieden hatte: In der Schule meinten manche Mädchen, sie wolle doch bloss auffallen. Und an ihrem Wohnort in Disentis GR sprachen sie wildfremde Grosis auf der Strasse an, und eine meinte sogar, sie solle die Stelle doch lieber einem Buben überlassen. Die Bündnerin liess sich jedoch nicht beirren und wurde Maurerin.

Mann
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«Ich war schon immer gerne draussen. Den ganzen Tag in einem Raum eingesperrt zu sein und vielleicht sogar noch ständig sitzen müssen, kam für mich nicht infrage.» So habe sie sich einfach gedacht, sollen die halt reden, das würde dann schon irgendwann wieder aufhören.Ihre Lehre hat Flavia Schnoz vor zwei Jahren mit Bestnoten abgeschlossen und hat sich als erste Frau überhaupt für die Schweizer Meisterschaft der Maurer qualifiziert. Inzwischen hat die Handwerkerin eine Weiterbildung zum Vorarbeiter begonnen. Auch die nächste Stufe, den Polier, schliesst sie nicht aus.

Neben den Weiterbildungsmöglichkeiten und der körperlichen Arbeit an der frischen Luft schätzt Flavia Schnoz die gute Bezahlung: Der Mindestlohn beträgt 5500 Franken. Ein schöner Nebeneffekt, denn die Handwerkerin betont, dass sie den Beruf keineswegs wegen des Salärs, sondern einzig aus Interesse gewählt habe. Zum Vergleich: Eine Arztgehilfin verdient im ersten Berufsjahr 1300 Franken weniger. Aber braucht man als Maurer nicht vor allem grosse Muskeln und einen starken Rücken? «Die Arbeit ist schon sehr körperlich, aber dass man als Maurer vor allem viel buckeln muss, ist ein Klischee», meint die junge Frau, die alles andere als ein Schwergewicht ist. «Heute gibt es auf dem Bau viele technische Hilfsmittel und auch immer mehr Arbeitsteilung. Das Schleppen übernehmen meist ungelernte, männliche Hilfskräfte.» Viel wichtiger als Muckis sei, dass man gut mit Wasserwaage und Spachtel umgehen könne.

Flavia Schnoz fühlt sich wohl auf der Baustelle, auch wenn sie dort zuweilen etwas unter Beobachtung steht: «Als Frau fällst du da einfach auf.» Darum habe sie in neuen Teams oft das Gefühl, dass sie sich erst beweisen müsse. Gleichzeitig habe sie eigentlich nur positive Erfahrungen mit ihren Kollegen gemacht, und von ihren Vorgesetzten höre sie oft, dass sich ihre Anwesenheit positiv auf die Umgangsformen auswirke.

Ähnlich klingt es beim Baumeisterverband: «Gemischte Teams arbeiten in der Regel konzentrierter und damit produktiver», sagt Vizedirektor Martin A. Senn. Zudem würden Frauen eine andere Sichtweise mitbringen, was neue Ansätze und Innovationen fördere. Bloss 13 Prozent der Angestellten im Baugewerbe sind gemäss Bundesamt für Statistik weiblich, wobei in dieser Zahl auch Bürolistinnen miteingerechnet sind, die für ein Bauunternehmen oder einen Architekten arbeiten

Nur mutige Frauen ergreifen Männerberufe

KV-Angestellte ist der Spitzenreiter unter den Frauenberufen, gefolgt von Fachfrau Betreuung, Fachfrau Pflege, Coiffeuse und Verkäuferin. Auch ist die Berufspalette der Mädchen kleiner als jene der Knaben: Drei Viertel der Mädchen wählen aus nur 10 Berufen, bei den Knaben sind es 23. Dies zeigen die Lehrabschlüsse 2016 aus dem Kanton Zürich. «Obwohl die Mädchen in der Schule im Schnitt besser abschneiden als die Knaben, wählen sie nach wie vor mehrheitlich schlecht bezahlte Frauenberufe», sagt Gabriella Schmid (54), Leiterin des Instituts für Gender und Diversity der Fachhochschule Ostschweiz. Da liege viel Potenzial brach. Die Soziologin bestätigt die Erfahrungen von Maurerin Schnoz: «Wer von der traditionellen Rolle abweicht, wird als komisch betrachtet.» Mädchen, die sich nicht für einen klassischen Frauenberuf entscheiden, bräuchten viel Mut.

Melanie Steiner (29) hatte Glück: Ihr Umfeld hat positiv auf ihren Berufswunsch reagiert. Sie musste sich allerdings auch nicht schon mit 15 Jahren entscheiden, sondern hat zuerst ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium besucht
und anschliessend an der ETH ein Maschinenbaustudium absolviert. «Ich war schon immer gut in Mathe und Physik. Da lag es auf der Hand, dass ich für den ‹Gymer› diesen Schwerpunkt wählte.» Als es um die Wahl der Studienrichtung ging, habe sie mehrere Informationsveranstaltungen an der ETH besucht: «Ich habe gemerkt, dass mir Physik zu theoretisch ist und Bauingenieur zu statisch.» Ihre Studienwahl habe sich im Nachhinein als genau das Richtige für sie erwiesen.

Seit sechs Jahren arbeitet Melanie Steiner als Ingenieurin bei ABB Turbo Systems in Baden. Vor Kurzem hat sie in die Abteilung «Service» gewechselt: «Der neue Job ist mit spannenden Auslandseinsätzen verbunden.» Die Ingenieurin ist spezialisiert auf Turbolader. Diese Maschinen steigern die Leistung von Verbrennungsmotoren und werden unter anderem auf Containerschiffen eingesetzt. Für ihre Wartung betreibt ABB ein weltumfassendes Servicenetz.

Kürzlich titelte die «NZZ am Sonntag»: «Machoverhalten vertreibt Ingenieurinnen». Die Zeitung bezog sich dabei auf eine Studie des renommierten Massachusetts Institute of Technology, die der Frage nachging, warum 40 Prozent der in den USA ausgebildeten Ingenieurinnen ihren Beruf nie ausüben. Gemäss Studienleiterin Susan Silbey sind nicht Schwangerschaften und Unvereinbarkeit mit dem Familienleben die Hauptgründe, dass Ingenieurinnen ihrem Beruf den Rücken kehren, sondern Sexismus, Anmache und Vorurteile. Für die Schweiz gibt es leider keine entsprechenden Zahlen. Ingenieurin Steiner kann sich nicht mit den Aussagen in diesem Artikel identifizieren. Zwar ist sie neben der Assistentin die einzige Frau im Team, das aus 20 Personen besteht. Ihr Exotendasein betrachtet die Ingenieurin aber nicht als Nachteil. Im Gegenteil: «Ich fühle mich sehr geschätzt.»

Melanie Steiner hat vor Kurzem geheiratet. Ihr Partner hat denselben beruflichen Hintergrund. Die beiden arbeiten derzeit 100 Prozent, möchten aber, falls das Thema Familie aktuell werden sollte, ihr Pensum reduzieren und sich die Familienarbeit teilen. Ingenieurin Steiner ist zuversichtlich, dass ihre Arbeitgeberin die dafür nötige Flexibilität und Freizeit zur Verfügung stellen wird.

Mit Einsatz und Expertise nach oben

Monica Mächler (60) hat keine Kinder und bezweifelt, dass sich ihre Karriere als Mutter gleich entwickelt hätte. Sie ist Verwaltungsrätin bei der Zurich Insurance Group und bei der Cembra Money Bank sowie Aufsichtsrätin bei der Deutschen Börse. Zuvor war sie während mehrerer Jahre Vizepräsidentin der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (FINMA). In einem Rating des Headhunters Guido Schilling schafft sie es unter die Top 5 der wichtigsten Frauen in Schweizer Aufsichtsgremien. Verwaltungsrätin Mächler wollte ursprünglich Ärztin werden. Ihr Vater, ein Ingenier, gab zu bedenken, dass sie als Medizinerin viele Nachtschichten im Spital zu absolvieren hätte. Das schreckte sie ab, und so begann sie mit einem Jus-Studium mit Fokus auf internationalem Wirtschaftsrecht, was unter anderem ihrem Interesse an Fremdsprachen und ihrer Neugier auf die Welt entgegenkam. Heute beträgt der Frauenanteil bei den Absolventen des Masters of Law über 60 Prozent. In den 70er-
Jahren waren Frauen in der Jurisprudenz jedoch noch in der Minderheit – und wenn Frauen Jus studierten, spezialisierten sie sich meist auf Sozial- und Familienrecht.

Die Wahl ihrer Studienrichtung erwies sich für Monica Mächler als vorteilhaft. Zudem hatte sie Glück mit ihrem Arbeitgeber: Nach Lehrjahren in einer Advokatur heuerte sie als junge Anwältin bei der Zürich-Gruppe an. Einem Unternehmen, das nicht nur auf dem Papier auf Diversität setzte: Ende der 90er-Jahre wurde sie Chef-Juristin mit über 300 Mitarbeitenden weltweit. Und heute hat sie im Verwaltungsrat neben sechs Kollegen auch drei Kolleginnen. Monica Mächler hat eine eher sanfte Stimme und ein liebenswürdiges Lächeln. Und entspricht damit so gar nicht dem Klischee der knallharten Karrierefrau.

Müssen denn Frauen ihre femininen Seiten nicht unterdrücken, um in einem männlich dominierten Umfeld ernst genommen zu werden? «Ich betrachte keine meiner beruflichen Stationen als typische Männerdomäne und hatte nie das Gefühl, ich dürfe nicht mich selbst sein. Aber das setzt Engagement sowie Professionalität voraus.» Sie könne zudem Ratio und Emotio, also Kopf und Bauch, gut kombinieren. «Ich bin ein sehr analytisch denkender Mensch, der gleichzeitig viel Wert auf Zwischenmenschliches legt.»

Genderforscherinnen betonen immer wieder, wie wichtig Vorbilder sind, um mit traditionellen Rollenbildern zu brechen. Daher erstaunt, dass sich weder Maurerin Schnoz noch Ingenieurin Steiner oder Verwaltungsrätin Mächler an eine Frau erinnern können, die sie zu ihrer Berufswahl inspiriert hat. Was jedoch auffällt: Alle drei Frauen haben ihre Interessen höher gewichtet als die Konventionen und arbeiten mit Begeisterung in ihrem Job.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Markus Bertschi