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05. März 2012

«Ich bin gegen staatliche Quoten»

Frauen in Chefetagen sind bei Schweizer Firmen selten. IBM-Geschäftsführerin Isabelle Welton glaubt, dass sich das mittelfristig ändern wird.

Damit Frauen einen Chefjob übernehmen können, müssen die Männer mithelfen. (Bild: Imagesource/Keystone)
Isabelle Welton (48) ist seit Januar 2010 Vorsitzende der Geschäftsleitung von IBM Schweiz und unter anderem Vorstandsmitglied von Economiesuisse. (Bild: Raphael Zubler)
Isabelle Welton (48) ist seit Januar 2010 Vorsitzende der Geschäftsleitung von IBM Schweiz und unter anderem Vorstandsmitglied von Economiesuisse. (Bild: Raphael Zubler)

Isabelle Welton, am 8. März findet der internationale Frauentag zum 101. Mal statt. Was bringt dieser Tag?

Was zählt, ist die Symbolik. Und der Tag sorgt für vermehrte Diskussionen.

Was ist heute anders als früher?

Frauen in den Chefetagen sind sozial akzeptierter. Immer mehr Unternehmen haben die Infrastrukturen so eingerichtet, dass sich Familie und Karriere verbinden lassen. Als ich vor rund 15 Jahren bei Zurich arbeitete, war ich beispielsweise die Erste, die teilweise von zu Hause aus tätig war. Heute ist das Alltag.

Wie haben Sie die Doppelrolle als verheiratete Mutter von zwei Teenagern gelöst?

Ich habe einen Partner, der mitzieht, und ich habe mich gut organisiert. Wer Karriere und Familie will, muss zurückstecken können. Wenn Sie beispielsweise die Kinder um 18 Uhr in der Krippe abholen müssen, kann man nicht an Konferenzen teilnehmen.

Von 907 Geschäftsleitungsmitgliedern in den grössten Schweizer Firmen sind 46 Frauen. Der Frauenanteil beträgt nur fünf Prozent.

Vor 20 Jahren wurden die Weichen nicht gestellt. Deshalb können wir die Früchte noch nicht ernten. Aber schon in fünf bis zehn Jahren werden wir eine ganz andere Situation erleben.

Was für eine Situation?

Unternehmen und Gesellschaft haben sich verändert. Schauen Sie nur auf den hohen Frauenanteil bei Studienabgängern. Inzwischen ist allen klar, dass wir in der Arbeitswelt nur schon aus volkswirtschaftlichen Gründen nicht auf 50 Prozent der Menschen verzichten können. Als ich am Anfang meiner Karriere stand, war es unüblich, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Heute ist das Normalität.

Die Zahlen sagen etwas anderes.

In der Regel dauert es 15 bis 20 Jahre, bis eine Angestellte in die Geschäftsleitung aufsteigt. Es ist also eine Frage der Zeit.

90 Prozent der verheirateten Männer mit Kindern arbeiten Vollzeit, während mehr als 75 Prozent der Frauen Teilzeitbeschäftigte sind.

Diese Zahlen erstaunen mich nicht. Als Nation Schweiz müssen wir lernen, uns vom vermeintlichen Negativbild Frau und Karriere zu verabschieden. Noch immer bringt es unser Rollenverständnis mit sich, dass die Frau im Haushalt viel mehr Arbeit übernimmt. Ich bin aber hoffnungsvoll, wenn ich sehe, wie die jüngere Generation darüber denkt.

Trotz Ihrer positiven Prognosen: Der Ruf nach einer Frauenquote in der Wirtschaft wird immer lauter.

Ich bin gegen staatliche Quoten, weil das jedes Unternehmen für sich regeln muss. Nur das ist ökonomisch und personalpolitisch sinnvoll. Ich habe mir für IBM einen Frauenanteil von einem Drittel als Ziel gesetzt. Das ist für ein Technologieunternehmen relativ hoch. Derzeit haben wir einen Anteil von 23 Prozent. Noch immer ist die Materie für Mädchen in der Schule zu wenig attraktiv.

Was braucht es denn schweizweit, damit mehr Frauen Karriere machen?

Erstens müssen Unternehmen Strukturen für flexibles Arbeiten für Frauen und Männer schaffen. Zweitens muss es ein Umdenken bei den Männern geben. Dies verlangt Teilzeitbereitschaft und Mitarbeit im Haushalt. Drittens muss man bereit sein zur Leistung, mit allen Konsequenzen — auch für das Privatleben. Diese Einsatzbereitschaft gilt für Männer wie auch Frauen.

Autor: Reto Wild