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13. August 2012

Fragen Sie Frau Pujic!

Das Tscharnergut ist schuld. Wegen des Einkaufszentrums im Tscharnergut am Rande der Stadt Bern, des weit und breit ersten seiner Art, wurde ich zum Migroskind. Und wie Sie wissen, bleibt man das ein Leben lang. Schleiche ich ein ungerades Mal zum anderen Anbieter, tue ich es mit mulmigem Gefühl. Letzthin wieder wurde ich — mir war das Bier ausgegangen — im Coop bei uns im Quartier erwischt, noch dazu vom Filialleiter persönlich! «Sind Sii nöd de Herr Friedli?», fragte er verschwörerisch. Darauf ich, nicht minder verschwörerisch: «Doch, aber das dürften Sie gar nicht wissen! Denn das hiesse ja: Sie lesen heimlich das Blättli der Konkurrenz!» Und wir vereinbarten, es bliebe in unser beider Interesse unter uns.

Migroskind, das bringst du nicht weg.

Ein Mal Migroskind, immer Migroskind. Das bringst du nicht weg. Item, wir fuhren also mit dem Renault 16 ins Tscharnergut, ein Mal wöchentlich. Das galt als modern! Mutter füllte dann drei Wägelchen mit Viertelfettkäse, «Aproz minical», Beutelrösti, UHT-Milch, Linsengerichten in der Dose und was die Ära sonst an Convenience Food zu bieten hatte: Tiefkühlpizzen, Gefrierspinat, Fischstäbchen und anderem Unfug mehr. Im Keller des Einfamilienhauses stand eine kolossale Tiefkühltruhe. Sie steht noch heute dort, randvoll, und ich vermute fast, in den Tiefen selbiger Kühltruhe schlummert noch immer eine Packung Frischbackgipfeli, deren M-Data im November 1971 abgelaufen ist. Derweil Mutter im Migros ihre Einkaufswagen füllte, meist unterstützt von meinen grösseren Geschwistern, kaufte Vater sich am Kiosk einen Goldmann-Krimi, setzte sich mit mir ins nahe Tea Room und las. Er las nicht ein bisschen in seinem Krimi, nein, er las ihn. Den ganzen. Das dauerte je nach Umfang zwei bis zweieinhalb Stunden. Für mich gabs einen Sirup (nach zwei Minuten leer getrunken) und ein Carac (nach vier Minuten verzehrt). Erblicke ich heute in der Auslage einer Confiserie solch ein grünes rundes Stück Patisserie mit Schokoladepunkt, gelüstet es mich, aber dann fallen mir sogleich die rot-schwarz gestreiften Buchrücken ein und die endlosen Stunden, da ich als Kind an diese Buchrücken zu starren hatte: Agatha Christie, Georges Simenon, Edgar Wallace …

«Migroskind, das bringst du nicht weg.»
«Migroskind, das bringst du nicht weg.»

Hatte Hercule Poirot seinen Fall endlich gelöst, war meist auch Mutter mit dem Einkauf fertig. Eindrückliches Timing! Fast vermochte der Kofferraum all die Waren nicht zu fassen, denn es war ein Wocheneinkauf à l’américaine. Aus mir ist später zwar ein USA-Fan geworden (kein blinder, aber doch einer, der fast ausschliesslich amerikanische Musik hört und die dortige Politik mit mehr Verve verfolgt als die hiesige), doch der Wocheneinkauf im grossen Stil blieb mir fremd. Nicht nur, weil wir kein Auto haben. Denn ich koche gern frisch, aus dem Moment. Am Montag kommt die Lieferung mit dem Biogemüse — und erst dann weiss ich, je nachdem, ob Kartoffeln und Zwiebeln dabei sind, ob es heute Blechrösti gibt und ich also noch Speckwürfeli brauche. Überhaupt mache ich die Mahlzeiten nach Tageslust und -laune. Einen schönen Sommersalat, mit Melonen- und Ananasschnitzen, serviere ich doch nicht, wenns regnet … Sie! Ich geh bis zu viermal täglich einkaufen, fragen Sie Frau Pujic von der Migros-Kasse.

Uii, ich muss! Gerade fällt mir ein, dass ich noch Tomat …

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli