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07. November 2016

Forscher: Armut bleibt oft unsichtbar

Rund eine Million Menschen in der Schweiz sind arm oder armutsgefährdet. Scham und Angst vor Stigmatisierung sorgen dafür, dass dies meist unsichtbar bleibt, sagt Armutsforscher Carlo Knöpfel. Lesen Sie auch das Porträt «Tiefer Fall in die Bedürftigkeit» über eine Betroffene von Altersarmut.

Carlo Knöpfel
Carlo Knöpfel (57) ist Professor für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit bei der Fachhochschule Nordwestschweiz. (Bild zVg)

Carlo Knöpfel (57) ist Professor für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit bei der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Carlo Knöpfel, wie sieht Armut in der Schweiz aus? Wie äussert sie sich im Alltag?

Arm sein bedeutet mehr, als nur zu wenig Geld zu haben. Es ist eine prekäre Lebenslage. Zum Beispiel lebt man oft auf beengtem Raum, die Wohnung ist lärmig oder feucht, man ist gesundheitlich angeschlagen, hat meist Schulden, von denen man nicht weiss, wie man sie je zurückzahlen soll. Oft gibt es angesichts dieser Stresssituation Spannungen in der Beziehung oder der Familie. Und meist gibt es für die Betroffenen wenig Perspektiven, da wieder rauszukommen, allein schaffen sie es in der Regel kaum. Es gibt aber auch eine klar definierte finanzielle Armutsgrenze – wer darunter liegt, hat Anspruch auf Unterstützung. Armut führt zu vielen Schwierigkeiten, die man nicht einfach nur mit mehr Geld lösen kann. Es braucht oft zusätzliche persönliche Hilfe, um die Situation zu stabilisieren.

Armut ist hierzulande meist unsichtbar, man sieht sie den Leuten in der Regel nicht an.

Laut Statistik sind in der Schweiz bis zu einer Million Personen armutsgefährdet, betroffen sind über 500'000, etwa 260'000 erhalten Sozialhilfe. Das sind hohe Zahlen, und trotzdem merkt man davon in der Tat kaum etwas, wenn man durch die Schweizer Strassen geht. Die Betroffenen schlagen sich irgendwie durch, wollen das nach aussen nicht zeigen – sie schämen sich und haben Angst vor Stigmatisierungen. Sie kämpfen darum, Teil der Gesellschaft bleiben zu können. Viele ziehen sich aber auch einfach zurück, bleiben zu Hause, machen bei keinem Verein mit, haben fast schon Angst vor Einladungen, weil das ja zu einer Gegeneinladung verpflichten würde, die man sie sich nicht leisten kann.

Viele verzichten im Alter offenbar auf ihre Ergänzungsleistungen, obwohl sie sie zugute hätten. Kennen Sie Zahlen?

Nein, dazu sind mir keine Zahlen bekannt, und es lässt sich auch nur schwer berechnen. Sie müssen bedenken: Wenn man im hohen Alter ins Pflegeheim muss, ist das so teuer, dass selbst Menschen aus der oberen Mittelschicht Ergänzungsleistungen brauchen. Bis 80 beanspruchen 10 bis 15 Prozent diese Leistungen, danach nimmt es stark zu. Diejenigen, die freiwillig verzichten, sind oft mit der Haltung aufgewachsen, niemandem zur Last fallen zu wollen, weder der Familie noch dem Sozialstaat. Dabei hätten sie ein Anrecht auf Ergänzungsleistungen und dürften sie ohne schlechtes Gewissen in Anspruch nehmen. Was klar ist: Der Teil der Neurentner, der von Anfang an Ergänzungsleistung beansprucht, hat zugenommen.

Liegt die Zurückhaltung auch daran, dass nach jahrelangem Sperrfeuer von rechts jeder als fauler Schmarotzer verdächtigt wird, der in irgendeiner Form Staatshilfe entgegennimmt?

Es ist zu befürchten, dass das schon seine Wirkung hat. Aber ob man sich den Verzicht auf materielle Hilfe leisten kann, hängt auch von den tatsächlichen Lebensumständen ab. Wer wirklich keinen Rappen hat, der muss zum Sozialamt gehen, Sperrfeuer hin oder her. Ein Verzicht kommt eher infrage, wenn man als Working Poor ein Einkommen hat und sich dennoch knapp an der Armutsgrenze bewegt. Laut Schätzungen leben die Hälfte aller Sozialhilfebeziehenden in Working-Poor-Haushalten. Das Schlimmste ist, wenn man sich privat verschuldet, um nicht auf Staatshilfe angewiesen zu sein, das führt in der Regel nur tiefer in die Misere.

Die Hälfte aller Sozialhilfebeziehenden leben in Working-Poor-Haushalten

Welche Hilfsmöglichkeiten können Arme überhaupt in Anspruch nehmen?

Das fängt an mit den Sozialversicherungen, etwa Leistungen der Arbeitslosenversicherung oder der Invalidenversicherung, aber auch für das Alter, also die AHV und die zweite Säule, dann kommen kantonale Bedarfsleistungen, etwa die Prämienverbilligung bei den Krankenkassen, eine Alimentenbevorschussung bei Alleinerziehenden, Kinderzulagen, Stipendien, Wohnbeihilfen. Schliesslich folgen Ergänzungsleistungen und die Sozialhilfe. Es gibt also einiges. Aber man muss sich immer selbst darum bemühen, was voraussetzt, dass man darüber überhaupt Bescheid weiss.

Das klingt nach einem gut ausgebauten Auffangnetz. Gibt es dennoch Leute, die durch alle Maschen fallen?

Die rund 260 000 Menschen, die Sozialhilfe beziehen, sind quasi «staatlich anerkannte Arme» und somit durch die meisten dieser Maschen gefallen. Das heisst, dass sie entweder die vorgelagerten Leistungen nicht bekommen, ihnen zum Beispiel eine Invalidenrente versagt bleibt, oder dass diese Leistungen zu gering ausfallen und sie trotzdem Sozialhilfe beziehen müssen, um über die Runden zu kommen. Und wenn jemand länger von der Sozialhilfe abhängig ist, muss er sich schon sehr, sehr stark einschränken, Ferien oder grössere Anschaffungen liegen nicht drin. Man verhungert nicht, aber gemütlich ist es auch nicht. Einige Immobilienmärkte sind ausserdem so teuer geworden, etwa in Zürich, dass die Leute sich beim Grundbedarf wie Essen, Kleidung oder Mobilität einschränken müssen, um die Miete zahlen zu können. Und die Zahl der Menschen, die für längere Zeit auf Sozialhilfe angewiesen sind, steigt seit Jahren.

In anderen Ländern fallen Menschen auch durch dieses letzte Auffangnetz, sitzen zerlumpt auf der Strasse und betteln. Das sieht man in der Schweiz nur sehr selten.

Der Schweizer Sozialstaat ist gut ausgebaut, keine Frage. Gleichzeitig wird grosser Druck gemacht für eine Reintegration in den Arbeitsmarkt – diejenigen, die sich nicht genügend bemühen, werden sanktioniert. Fast noch wichtiger aber ist, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern bessere Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt haben; noch bietet er gute Chancen, einen Job zu bekommen. Ob das im Zuge der Digitalisierung so bleiben wird, steht auf einem anderen Blatt. Und weniger gut Qualifizierte, Menschen über 50 oder mit Leistungseinschränkungen haben schon heute grosse Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden.

Wie kann man gegen die unsichtbare Armut vorgehen? Wie Leuten helfen, die sich aus Scham oder Stolz eigentlich nicht helfen lassen wollen? Sollte man überhaupt?

Es ist immer ein Abwägen zwischen Bevormundung und Autonomie. Wenn das erwachsene Leute sind, die allein leben und sich nicht helfen lassen wollen, dann würde ich sie in Ruhe lassen. Sobald Kinder ins Spiel kommen, sieht es anders aus. Die können nichts dafür, dass sie in einer solchen Situation leben müssen. Und es besteht ein überdurchschnittlich hohes Risiko, dass sie später selbst in Armut landen, wenn man nichts unternimmt. Da gilt es, die Kontakte zu nutzen, die diese Familien haben, etwa Schulen oder Ärzte. Die müssen sensibel sein, Fragen stellen und allenfalls Hilfe organisieren. Gerade Kinderärzte merken in der Regel schnell, was Sache ist. Es wäre nützlich, wenn Gesundheits- und Sozialwesen diesbezüglich enger zusammenarbeiten würden.

Am stärksten von Armut betroffen sind Frauen, besonders alleinstehende oder alleinerziehende. Liegt das primär daran, dass Frauen weniger Erwerbsarbeit leisten und dies meist in schlechter bezahlten Jobs?

Sie sind heute nicht viel weniger häufig erwerbstätig als Männer, aber oft in tieferen Beschäftigungsgraden und tatsächlich in weniger gut bezahlten Jobs. Dazu kommen Unterbrüche nach der Geburt und die Folgen von Scheidungen – all das kumuliert sich zu einem niedrigen Einkommen und später einer tieferen Rente.

Welches sind andere typische Risikogruppen?

Junge Erwachsene, die einen Schulabschluss, aber keine Berufsausbildung machen. Sie halten sich eine Weile mit Teilzeitarbeit über Wasser, finden dann keinen Job mehr und landen bei der Sozialhilfe. Aber inzwischen werden sie sehr viel stärker unterstützt, damit sie doch noch eine Berufsausbildung schaffen. Da wird viel investiert, in der Hoffnung, dass sie wieder auf die Beine kommen und nicht über Jahrzehnte auf den Sozialstaat angewiesen sind. Und das funktioniert recht gut, viele sind auch echt motiviert. Eine andere gefährdete Gruppe sind Leute ab 50, die aus dem Arbeitsmarkt fallen und keine Stelle mehr finden; sie sind unter den Arbeitslosen, Ausgesteuerten und Sozialhilfebezügern immer stärker vertreten. Auch ihnen sollte man mehr helfen, aber hier herrscht häufig Resignation. Man zahlt ihnen halt Sozialhilfe, bis sie ins Rentenalter kommen, wo sie dann Ergänzungsleistungen brauchen, weil die zweite Säule längst aufgebraucht ist.

Die Einkommensungleichheit ist im Rentenalter deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung.

16,4% aller Senioren in der Schweiz sind arm. 35% aller Armen in der Schweiz sind alt. Gleichzeitig sind die Senioren auch die wohlhabendste Altersgruppe der Schweiz. Woher kommt diese Diskrepanz?

Die Einkommensungleichheit ist im Rentenalter deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung. Die Bessergestellten haben vielleicht irgendwann mal geerbt und neben der Rente oft noch Einkommen aus Vermögensanlagen und Immobilien. Sie können komfortabel weiterleben, während die anderen sich tendenziell einschränken müssen. Wer sich im Arbeitsleben im Mittelstand bewegt hat, ein bisschen was sparen konnte und vielleicht noch ein Haus vermieten kann, braucht sich fürs Alter wenig Sorgen zu machen.

Aber wer alt und arm ist, kommt da nur im Sarg wieder raus, oder?

Richtig. Wobei die Zahl der Leute steigt, die über 65 noch freiwillig weiterarbeiten – darunter sind sicher auch solche, die eine knappe Rente haben.

Wie wirkt sich Altersarmut in der Schweiz typischerweise aus?

Jungen Erwachsenen kann man versuchen, wieder eine Perspektive zu geben, bei armen Alten ist das schwierig. Da wird sich kaum noch etwas ändern lassen. Trotzdem haben alle Menschen ein Recht auf ein würdiges Altern. Wichtig ist darum, wenigstens bei der sozialen Vereinsamung Gegensteuer zu geben. Das versuchen Organisationen wie Pro Senectute oder das Rote Kreuz, aber auch Kirchgemeinden oder die Caritas mit Hausbesuchen oder Mittagstischen.

Alle Menschen haben ein Recht auf ein würdiges Altern.

Was müssten Politik und Gesellschaft tun, um Altersarmut zu reduzieren?

Eigentlich müsste man dafür sorgen, dass sie gar nicht erst entsteht. Letztlich ist sie eine Folge des Lebens vorher. Das bedeutet, dass möglichst alle Leute arbeiten können sollten, damit ein anständiges Einkommen erzielen und so ein angemessenes Rentenguthaben ansparen können.

Wird die von Bundesrat Berset geplante Reform der Altersvorsorge einen positiven Beitrag dazu leisten?

Eher nicht. Durch die Senkung des Umwandlungssatzes bei der zweiten Säule werden die Rentnerinnen und Rentner pro Monat weniger Geld in der Tasche haben. Diejenigen, die jetzt schon knapp dran sind, werden das sehr stark spüren. Deshalb möchte der Ständerat Gegensteuer geben und die AHV-Renten leicht erhöhen. Ich verstehe natürlich die Gründe für die Reform. Aber letztlich wird sie zur Folge haben, dass noch mehr Leute Ergänzungsleisten brauchen. Das Geld kommt dann einfach statt aus der einen aus der anderen Kasse. Sollten diese Leistungen im Sog der anstehenden Reform auch noch gekürzt werden, verstärkt das die Altersarmut.

Generell fürchtet man, dass die Altersvorsorge der Zukunft prekärer werden dürfte, weil immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren müssen. Müssen wir uns darauf einstellen, dass Altersarmut in 20, 30 Jahren zum neuen Standard wird?

Das kommt darauf an, wie wir die Renten in Zukunft finanzieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es politisch mehrheitsfähig wäre, die Renten allzu stark zu kürzen. Es steht sogar in der Bundesverfassung, dass die AHV die Existenz sichern soll, was noch immer nicht der Fall ist. Es wird also wohl darauf hinauslaufen, dass man sich neue Finanzierungsmodelle einfallen lassen muss. Falls natürlich einige der Horrorszenarien bezüglich der Digitalisierung Realität werden – zum Beispiel dass ein Drittel der Arbeitsplätze verschwindet –, wird das früher oder später zu einer grösseren Armut führen.

Wird dann ein bedingungsloses Grundeinkommen wieder ein Thema?

Ich denke schon. Im Abstimmungskampf wurde aus meiner Sicht über das Falsche diskutiert. Es geht nicht so sehr darum, dass mit einem Grundeinkommen dann jeder seinen eigenen Interessen nachgehen kann, sondern dass wegen des technologischen Fortschritts plötzlich viele Leute gar kein Erwerbseinkommen mehr haben. Die können auch nichts mehr konsumieren, was dann schnell grosse Fragen für unser ganzes Wirtschaftssystem aufwirft. 

Autor: Ralf Kaminski