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14. April 2014

Forensik: Auf der Suche nach dem Täter

Von den Spurenermittlern versprechen sich Polizei und Justiz oft die entscheidenen Hinweise zur Aufklärung einer Tat. Der Zürcher Gerichtsmediziner Walter Bär hat dabei Pionierarbeit geleistet.

Michael Thali mit einer Puppe vor dem Hightechgerät, mit welchem die virtuelle Autopsie durchgeführt wird
Virtuelle Autopsie: Institutsleiter Michael Thali demonstriert an einer Puppe, wie dank Hightech-Bildgebung eine dreidimensionale Sicht in den Körper möglich ist, ohne ihn zu öffnen. Michael Thali und sein Team sind weltweit Pioniere dieser Technologie, auch Virtopsy (unblutige Obduktion) genannt.

Für die Krimi-Fans sind es alte Bekannte. Die Männer und Frauen in den weissen Schutzanzügen und mit den schwarzen Köfferchen, die an jedem Fundort einer Leiche aufkreuzen.

Bevor sie ihre akribische Arbeit nicht abgeschlossen haben, wird am Tatort nichts verändert. Und keine Leiche abtransportiert. Oft haben die Leiter dieser Spurensicherungstruppen einen ähnlichen Prominentenstatus wie der ermittelnde Kommissar oder die Kommissarin. Insofern entspricht die Bedeutsamkeit der Spurensicherer und Forensiker des TV-Krimis der Realität: Ohne wissenschaftliche Hintergrundarbeit bleibt auch der gewiefteste Kommissar über kurz oder lang auf der Strecke. In Wirklichkeit gibt es die stets präsenten allwissenden Chefaufklärer im weissen Kittel nicht. Dafür eine grosse Anzahl erfahrener und bewährter Spezialisten, die auf polizeiliche Anordnung in wechselnder Zusammensetzung an den Tatorten erscheinen.

DNA-Pionier Walter Bär in einem Kriminaltechnik-Archiv.
DNA-Pionier Walter Bär hat an der Geschichte der Kriminaltechnik mitgewirkt.

Vor vielen Jahren zählte auch der Zürcher Gerichtsmediziner Walter Bär (67) zu ihnen. Es war die Zeit, in der Fingerabdrücken, Schmauchspuren und Projektilen zentrale Bedeutung bei der Überführung der Täter zukam. «Damals mussten Gerichtsmediziner zahlreiche Spuren im Alleingang sichern und neben toten Körpern auch sichergestellte Objekte auswerten», sagt Walter Bär.

Inzwischen hat sich bei der Spurensicherung und Auswertung einiges geändert. Heute teilen sich Mediziner (die Forensiker) und Kriminalisten (die Kriminaltechniker) die Aufgaben. Die Tatorte werden im 3-D-Verfahren aufgenommen, und neben Fingerabdrücken suchen die Spurensicherer nach Hautschuppen, Körperflüssigkeiten oder Haaren. Schon kleinste Spuren genügen zur Identifizierung eines Menschen.

In Fachkreisen bekannt ist jener Einbrecher, der, einer Berufsgewohnheit folgend, seine beim Einbruch in den Fensterrahmen gebohrten Löcher mit einem kräftigen Atemstoss auszupusten pflegte. Die dabei ausgestossenen Mikropartikel genügten, um ihn der Tat durch eine DNA-Analyse zu überführen.

Computerbild 3-D-Rekonstruktion vom Schädel eines Unfallopfers
3-D-Rekonstruktion vom Schädel eines Unfallopfers mittels unblutiger Obduktion.

Walter Bär war an vorderster Front an der Einführung und Perfektionierung der DNA-Analyse auf dem europäischen Kontinent mitbeteiligt. «Ich erhielt 1985 Gelegenheit, die revolutionäre Technik der DNA-Analyse des englischen Genetikers Alec Jeffreys zu übernehmen und habe sofort die neuen Möglichkeiten bei der Spurenauswertung erkannt, während viele meiner Berufskollegen und ihr Umfeld zuerst einmal ablehnend reagiert haben», erinnert er sich. Es sei eine stürmische Entwicklung gewesen. «Innert weniger Jahre hat sich das Auswertungsverfahren vier Mal geändert.»

Und mitten in dieser DNA-Pionierzeit gegen Ende der 80er-Jahre gelang ihm die Glanzleistung, mithilfe der DNA- Analyse einen Mörder aus einem Kreis von rund 100 Verdächtigen zu identifizieren. «Die deutschen Behörden haben mich mit dieser Herausforderung betraut, weil ich damals der Pionier in Europa war und als Einziger über eine gewisse Erfahrung verfügte.»

Der Erfolg dieses sogenannten Massenscreenings in Deutschland war der Durchbruch der DNA-Technik in der europäischen Forensik. 1990 wurde der DNA-Pionier Walter Bär Direktor des Instituts für Rechtsmedizin Zürich und konnte damit an vorderster Front beim weltweiten Siegeszug der DNA-Analyse dabei sein.

Verfeinertes Verfahren hat neue Bedürfnisse geweckt

Heute werden sowohl die physischen als auch die sogenannten genetischen Fingerabdrücke längst nicht nur zur Aufklärung von Verbrechen ausgewertet. Vielfach geht es um vorsorgliche oder bestätigende Personenidentifizierungen.

«Die heutigen Möglichkeiten der DNA-Analyse sind um das Zigtausendfache effizienter und verfeinert gegenüber den Anfangsjahren», sagt Walter Bär. Das wecke Bedürfnisse. Rund 300 Aufträge für eine DNA-Analyse erhielt das am IRM in Zürich im Jahr 2000. Inzwischen hat die Zahl der Aufträge massiv zugenommen. 2013 waren es bereits 6500. 220 Franken kostet heute die Auswertung einer DNA-Probe, die einem Menschen von der Mundschleimhaut abgenommen wird.

Toxikologische Suchanalyse auf dem Computerbildschirm.
Toxikologische Suchanalyse auf dem Computerbildschirm.
Mit einem solchen Arbeitsset sichern die Kriminaltechniker DNA-Spuren an Tatorten.
Mit einem solchen Arbeitsset sichern die Kriminaltechniker DNA-Spuren an Tatorten.

Mit 400 Franken fast das Doppelte kostet ein «Spurenprofil» wie etwa jenes aus dem ausgeblasenen Bohrloch. Der Grund dafür: Das Isolieren der DNA aus den Umgebungssubstanzen setzt ein aufwendiges technisches Verfahren voraus. Und immer wieder sind DNA-Spuren vermischt: Die Forensiker haben dann die Erbinformationen von mehreren Menschen vor sich – sogenannte Mischspuren.

Kritische Grenze: Jetzt brauchts eine Hochsicherheitsphilosophie

Seit Anfang 2011 ist DNA-Pionier Walter Bär im Ruhestand – und trotzdem ein Mal wöchentlich im IRM-UZH anzutreffen. Er ist Leiter der Koordinationsstelle der nationalen DNA-Profil-Datenbank Codis (Combined DNA Index System), in der Ende vergangenen Jahres 145'284 Personenprofile und 41'920 Tatortspuren gespeichert gewesen sind.

Trotzdem verfolgt er die Entwicklung in der DNA-Analyse mit wissenschaftlichem Scharfblick und stellt fest: «Die Ausfilterungsempfindlichkeit der DNA-Analyse ist heute derart hoch, dass das Fehlerrisiko durch Verunreinigungen der Probe oder analytische Zufälligkeiten grösste Sorgfalt erfordert. Wir kommen jetzt in einen Grenzbereich, in dem eine Hochsicherheitsphilosophie angebracht ist.»

Eine Lockerung der Vorschriften sei im Umgang mit den DNA-Auswertungen nötig. «Bis jetzt ist es in der Schweiz gesetzlich verboten, aus DNA-Auswertungen Rückschlüsse auf äusserliche Merkmale der Menschen zu ziehen. Ich halte es aber für prüfenswert, dass DNA-Analysen Aufschluss geben über Haar-, Haut- und Augenfarbe, Körpergrösse und ungefähres Alter», sagt der DNA-Pionier.

Der Idee aber, von allen in der Schweiz lebenden Menschen aus Prinzip ein DNA-Profil zu erstellen, kann er gar nichts abgewinnen. «Da würde ich mich als Bürger dagegen aussprechen. Es ist ein wichtiges rechtliches Prinzip, dass für solche Untersuchungen ein Anfangsverdacht bestehen muss.»

Toxikologische Analysen können kleinste Spuren von Giften und Medikamenten nachweisen.
Toxikologische Analysen können kleinste Spuren von Giften und Medikamenten nachweisen.
Manche Giftstoffe müssen erst aus Körpergeweben isoliert werden, bevor sie nachgewiesen werden können.
Manche Giftstoffe müssen erst aus Körpergeweben isoliert werden, bevor sie nachgewiesen werden können.

Zudem gebe es bei Bedarf – beispielsweise zur Identifikation von Leichen oder für Suchaktionen – jederzeit die Möglichkeit, DNA-Vergleichsspuren am Wohnort der vermissten Person oder bei deren Familienangehörigen zu beschaffen.

Der 67-jährige Walter Bär hat sich vor rund 27 Jahren auf die DNA-Analyse spezialisiert. In einem Umfeld von Akademikern, das sich auf den wissenschaftlichen Nachweis von oft zumindest illegalen bis kriminellen Vorgängen spezialisiert hat. Rund 150 Mediziner, Radiologen, Biologen, Toxikologen und Pharmakologen sowie technische und administrative Mitarbeitende werten heute am IRM-UZH mit Apparaturen, die zu den modernsten weltweit zählen, Spuren in und an Leichen, an Organ- und Gewebeproben, in Blut, Urin und Haaren aus. Für seine von Robotern ausgeführte Autopsien, Virtopsy genannt, ist das IRM-UZH in Fachkreisen weltberühmt und weltweit führend.

Doch die Bestseller im Institutsalltag sind Blutproben. Die Abteilung Forensische Pharmakologie & Toxikologie analysiert jährlich rund 10'000 Blut- und Urinproben. Bis zu 40 Probenbeutel täglich werden angeliefert und deren Inhalt umgehend analysiert. In 6000 Fällen geht es nur um die Bestimmung des Alkoholgehalts, in den restlichen Fällen auch um den Nachweis von Drogen, Medikamenten oder Giften.

Während die Blut- und Urinanalysen verraten, wie viel Alkohol oder welche Drogen oder Medikamente ein Mensch zum Zeitpunkt der Entnahme intus hatte, liefern unsere Haare eine Langzeitaufzeichnung aller Problemstoffe. «Einem Fahrtenschreiber gleich finden alle konsumierten Stoffe ihren Niederschlag in jedem einzelnen Haar. Und werden dort nicht abgebaut», sagt Markus Baumgartner, Bereichsleiter Zentrum für Forensische Haaranalytik.

Die Resultate der Haaranalysen sind vielfältig verwertbar. «Sie zeigen, ob jemand seine Medikamente regelmässig in der verordneten Dosis einnimmt, ob jemand Drogen, und wenn ja, welche und in welchen Mengen konsumiert oder dem Alkohol zugetan ist.» Die Fortschritte der letzten Jahre haben sich auf die verfeinerte Erfassung der 25 nachweisbaren Substanzen einschliesslich Viagra konzentriert. Eine Haaranalyse kostet 350 Franken. Zwar brauche es heute noch ein ganzes Büschel von rund fünf Zentimeter langen Haaren, um eine genügend grosse Menge an Substanzen daraus zu lösen. «Doch die Zukunft verspricht Haaranalysen aus nur einem einzigen Haar.»

Die Infografik zum Thema

Zum Herunterladen und Ausdrucken: Erfahren Sie, wie eine Spurensicherung am Tatort abläuft: Infografik Download (PDF 2,1 MB)

Autor: Niklaus Wächter

Fotograf: Markus Bertschi