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04. Juni 2012

Fördern ohne Druck

Mit Frühförderung nach festen Lernprogrammen tut man Kindern selten einen Gefallen. migrosmagazin.ch verrät spielerische Arten, wie der Entwicklung von (Klein-)Kindern auf die Sprünge geholfen wird, und woran man etwaige Defizite erkennen könnte.

Spielerischer Teil eines Früherziehungsprogramms.
Spielerischer Teil eines Früherziehungsprogramms.

Viele Eltern glauben in Sachen Frühförderung nicht genug tun zu können, um die Kinder vorzeitig auf die Schul- und Konkurrenzwelt vorzubereiten. Dabei führen konsequente Förder- und Lernprogramme im Vorschul- oder gar vor dem Kindergartenalter selten zum gewünschten Ergebnis, öfters bloss zu negativen Erfahrungen.
Was sich in fast allen Fällen hingegen lohnt, ist das spielerische Fördern ohne Zwang und Druck im Alltag. Es soll von den Bedürfnissen und Interessen der Kleinen ausgehen, setzt auf einigen Ebenen an und benötigt bereits einiges an Aufmerksamkeit und Zeitaufwand der Eltern. Neben dem wichtigen Tipp, das Kind schon früh genügend Kontakte zu Gleichaltrigen zu ermöglichen (sei es beim Spielen in der Nachbarschaft oder eben durch Besuch von Spielgruppen oder Kinderkrippen) haben laut Fachleuten folgende Verhaltensweisen positive Auswirkungen:

1. Aufbau des Erfahrungsschatzes: Ein Kind sollte schon bald einmal viel Neues sehen, neuartige Gegenstände berühren, Geräusche und Gerüche aufnehmen und verarbeiten. Das bedeutet, dass man mit ihm oft raus geht, in den Wald oder sonstwohin, und dass es sich auch mal etwas dreckig machen darf, wenn es gesund und entsprechend angezogen ist. Doch zum Beispiel auch das Mithören von Musik der Erwachsenen (es muss ja nicht stundenlang Heavy Metal sein) gehört dazu.

2. Ausprobieren dürfen:Lassen Sie Ihr Kind möglichst bald auf Wunsch alltägliche Dinge selbst ausüben respektive mal versuchen, etwa sich anziehen, Schuhe binden, etwas auf den Tisch legen vor dem Essen, später Abwaschen oder Salat und Gemüse rüsten in der Küche. Ein früh anvisiertes Ziel der Selbstständigkeit erleichtert später vieles - und zwar dem Kind wie auch Ihnen!

3. Zuhören und anschauen: Erzählen Sie dem Kind früh (altersgerechte: Grimms Kunstmärchen in Hochdeutsch nützen Dreijährigen wenig...) Geschichten, schauen Sie mit ihm Bilderbücher an oder hören Sie mit ihm Kindergeschichten ab Band. Zuallererst fördert dies die Konzentrationsfähigkeit, sogleich danach aber auch das sprachliche Verständnis und bald schon den eigenen Ausdruck.
3.a) Geschehenes erklären und zeigen: Wenn Sie das Kind im Haushalt oder sonstwo begleitet, so sagen Sie ihm von Anfang an, wo Sie gerade sind (Zimmer, Möbel usw.), was Sie tun oder das Kind gerade berührt oder macht. So lernt es noch schneller die Bezeichnungs- und Bedeutungsebene neben den realen 'Dingen' kennen und damit zu spielen (selbst zu be-nennen). Ein Abfragetest soll daraus aber nicht werden!

4. Gestalten: Das Kind braucht schnell Möglichkeiten, mit geeigneten Gegenständen kreativ zu werden und einen Teil seiner (Um-)Welt zu verändern und pathetischer: zu erschaffen. Dazu gehört insbesondere:
4.a) Malen: Bereiten Sie dem Kind früh eine Ecke mit Abdeckungen (SIe brauchen den Tisch oder den Teppich danach vielleicht noch...), genug Papier und Farben vor. Bereits einfaches Hantieren mit Farbe wie das (in Erwachsenen-Augen beliebige) Auftragen von mehreren Farben mit mehreren Fingern oder dem ganzen Händchen hilft der Sensorik und der Beweglichkeit bis hin zu Fingerbewegungen, die später beim Schreiben helfen.
4.b) Formen: Gerade ein Sandkasten ist für kleine Mädchen und Jungs wertvoll, weil hier aus selbem Material (mal trocken, mal nass) mit Händen, Schaufel, Förmchen oder Steinen etwas gebildet wird. Im Grunde beginnt hier das erste Wissen von Physik und Mathematik.
4.c) Konstruieren und Kombinieren: Ebenso wichtig ist das baldige Bauen mit Bauklötzen, grossen Legofiguren, vielleicht auch Schachteln oder anderem einfachen Material. Auch so erfährt der Nachwuchs den Umgang mit Material, Mengen und Grössen. Und es lernt sowohl zu unterscheiden wie auch Zusammenhänge herzustellen.

Schwierige Früherkennung von Defiziten

Eindeutige Anzeichen für eine verlangsamte Entwicklung des Kindes in bestimmten Bereichen sind kaum anzugeben. Bekanntlich reden die einen schon mit zwei Jahren fast fliessend, laufen und bewegen sich aber viel später koordiniert als Altersgenossen. Bei anderen ist es genau umgekehrt. Bei dritten können auch Krankheiten oder bestimmte Einflüsse zu Verzögerungen führen, die später in der Regel aufgeholt werden.

Wenn Sie mehrere der folgenden ANZEICHEN bei Ihrem Kind feststellen, kann jedoch eine Abklärung bei einem Spezialisten Sinn machen:

WennSäuglinge sich kaum bewegen.
Wenn sie viel und anhaltend weinen und sich kaum beruhigen lassen.
WennKleinkinder sich nie mehr als wenige Augenblicke auf etwas konzentrieren und sich selten alleine beschäftigen können.
Wenn sie fast nie Gegenstände in die Hand (als Säugling noch in den Mund) nehmen und damit eine Weile hantieren.
Wenn sie viel Zeit brauchen, um etwas Einfaches an Bewegungen oder Reaktionen zu lernen und anzuwenden.
Wenn sie sehr grosse Zurückhaltung im Umgang mit unbekannten Umgebungen zeigen oder umgekehrt null Vorsicht.
Wenn sich Kinder ab 3 Jahren kaum für Gleichaltrige interessieren.
Wenn sie praktisch nie Handlungsweisen, Äusserungen oder Haltungen nachahmen.

Allein bei der Sprachentwicklung kann alarmieren, wenn ...

ein Säugling selten (scheinbar bewusst) Laute produziert oder einfach lallt.
das Kind auch nach zweieinhalb bis drei Jahren kindgerechte Aussagen der Eltern oft nicht versteht.
es Anzeichen aussendet, sich häufig unverstanden oder gar ausgeschlossen zu fühlen.
es regelmässig stark stottert oder viele Laute weglässt respektive verschluckt.
es wenig zusammenhängende (auch kurze!) Sätze aneinander bilden kann.
es generell Mühe hat, etwas auszudrücken, und es öfters gar nicht mehr probiert.

Die Website frueherziehung.ch verlinkt für die verschiedenen Altersstufen (erst in Drei-, dann in Sechs-Monate-Schritten) von Kleinkindern die Grenzsteine der Entwicklung als Grundlage für ein Frühwarnsystem. Doch auch zu diesen Listen bleibt anzumerken, dass es durchaus normal ist, wenn ein Kind in einem Bereich weiter ist und in zwei andern vielleicht eine Stufe hinterherhinkt.

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Matthias Willi