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05. Dezember 2016

EIn Flugzeugabsturz als Glück im Unglück

Charlotte Wepf-Fehr erlebte ihre Jugend im Zweiten Weltkrieg. Sie träumte davon, Krankenschwester zu werden, doch dazu fehlte das Geld. Ein Flugzeugabsturz machte das Unmögliche möglich.

Glück im Unglück
Hatte Glück im Unglück: Charlotte Wepf-Fehrs (93) Leben nahm mit einem Flubzeugabsturz eine grosse Wende.

Charlotte Fehr steht in der ­riesigen Eingangshalle des Schloss’ Wyden im Zürcher Weinland. Das Gebäude dient als Sommerresidenz ihres Arbeitgebers, des Präsidenten des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. Man schreibt den 19. Juli 1944, die Sonne brennt vom Himmel. Im Garten spielen Kinder. Lotti, wie Charlotte liebevoll genannt wird, arbeitet hier als Köchin. Sie schaut den Kindern bei ihren Versteckspielen zu. Neben ihr steht Eva, die Kinderbetreuerin.

Die beiden Frauen unterhalten sich über die Aufgaben, die heute noch erledigt werden müssen, als sie einen «Jack Pine Joe Bomber» am Himmel bemerken. «Ein amerikanisches Flugzeug zu sichten, war in dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Doch ich realisierte schnell, dass dies kein normales Flugmanöver war», erzählt die heute 93-Jährige. Das Flugzeug scheint führerlos zu sein und kommt immer näher.

Plötzlich geht alles sehr schnell. «Die wollen uns bombardieren!», schreit Lotti. Sie hört Eva noch «Die Kinder, die Kinder!» rufen, sieht sie nach draussen stürmen – dann wird es dunkel um Lotti. Als sie wieder erwacht, liegt sie im Krankenhaus in Winterthur ZH. Diagnose: Schulterfraktur und Brandwunden an Gesicht und Körper. Durch den Luftdruck beim Aufprall des Flugzeugs war sie in einen Gewölbekeller geschleudert worden. Das Schloss hatte Feuer gefangen. Bücher, Kleider, alles war verbrannt. Ausser ihr wurde niemand verletzt.

der Jack-Pine-Joe-Bomber
Als der Jack-Pine-Joe-Bomber vom Himmel fiel, änderte sich Charlotte Fehrs Leben ...

Das Flugzeug war tatsächlich führerlos. Der Pilot war abgesprungen, nachdem er die Kontrolle über seine Maschine verloren hatte. Lotti erfuhr dies aus den Erzählungen der damals anwesenden Personen. «Ich hatte grosse Schmerzen, aber die Dankbarkeit, überlebt zu haben, überwiegte», erzählt Charlotte Wepf-Fehr.

Vom Mädchen für alles zur Köchin

Rückblickend betrachtet war jener Augenblick die grosse Wende in ihrem Leben. Als ältestes von vier Kindern ist Wepf-Fehr in einfachen Verhältnissen auf einem Bauernhof in Berg am Irchel ZH aufgewachsen. Nach ihrer Schulzeit wurde sie von den Eltern nach Thun BE zu einer Herrschaftsfamilie geschickt. Dort war sie «Mädchen für alles». Sie half mit im Haushalt, servierte den Gästen das Dinner, nahm den feinen Damen die Mäntel ab, polierte das Silberbesteck und half in der Küche. Lottis Verhalten war respektvoll und angepasst. Sie war eine Frohnatur und sehr fleissig.

Als die Köchin krank wurde, übernahm Lotti auch noch den Dienst am Herd. Sie war darin so gut, dass sie im April 1942 vom Präsidenten des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes als Köchin eingestellt wurde. «Er war ein grossartiger, äusserst kluger Mann, und er behandelte mich immer sehr höflich und zuvorkommend», sagt sie. Das Strahlen in ihren Augen verrät, dass sie gern an diese Zeit zurückdenkt. Damals kam bei ihr auch der Wunsch auf, Krankenschwester zu werden. «Doch ich wusste, dass ich mir die Ausbildung niemals würde leisten können.» Das jedoch änderte sich durch den Flugzeugabsturz.

Charlotte Fehr als junge Krankenschwester
Charlotte Fehr als junge Krankenschwester.

Die Wiedergutmachung

Nach dem Krankenhausaufenthalt erhielt die damals 21-Jährige von den Amerikanern als Wiedergutmachung 3000 Franken, was viel Geld war. Zusätzlich durfte sie auf deren Kosten zwei Wochen lang Ferien in Braunwald im Glarnerland machen. «Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich zwei Wochen lang einfach nur rumliegen und nichts tun,das war einfach fantastisch», erzählt die zierliche Frau. Ihre fröhliche Art hat sie bis heute beibehalten. Mit dem Geld der Amerikaner bezahlte sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester – ein Beruf, von dem sie lang geträumt hatte und den sie danach mit Freude und ­Hingabe ausübte. «Die schrecklichste Sekunde meines Lebens führte mich zu meinem grossen Glück.»

Autor: Selina Wegmüller

Fotograf: Selina Wegmüller