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09. Mai 2016

Flugkünstler an Reck und Barren

Oliver Hegi sieht seine Familie derzeit nur an den Wochenenden. Mehr Freizeit hat er nicht, denn dieses Jahr will der Turner EM- und Olympia-Metall holen. Das Talent dazu hat er: Der 23-jährige Aargauer zählt zu den Weltbesten am Reck - wie die Übung im obigen Video beweist.

Oliver Hegi ist gerade mal 23, er turnt aber schon seit 17 Jahren. Mit Herumblödeln beim STV Lenzburg habe es damals begonnen, erzählt er. Heute ist das Turnen sein Beruf. Seit 2012 gehört der Sohn eines Sportlehrers zum ­Nationalkader. Deshalb hat er seinen Lebensmittelpunkt ins nationale Sportzentrum nach Magglingen BE verlagert, wo er Woche für Woche bis zu 30 Stunden trainiert – mit nur ­einem Ziel vor Augen: Er will den Aufstieg zu den weltbesten Turnern schaffen.
Von Montag bis Samstagmorgen wohnt Hegi in Magglingen in einer WG mit anderen Turnern zusammen; die Eltern und die beiden Brüder in Schafisheim bei Lenzburg AG sieht er nur am Wochenende.

Oliver Hegi trainiert bis zu 30 Stunden pro Woche
«Ich will zeigen, was ich kann»: Oliver Hegi trainiert bis zu 30 Stunden pro Woche.

Hegi steht zwar etwas im Schatten der Berufskollegin und mehrfachen Medaillengewinnerin Giulia Steingruber, er gehört aber in seiner Paradedisziplin Reck schon heute zur erweiterten Weltspitze. Vergangenes Jahr erreichte er im Gerätefinal der Weltmeisterschaften im schottischen Glasgow den 7. Rang, obwohl er vom Reck stürzte. Mit der Schweizer Mannschaft klassierte er sich, ebenfalls in Schottland, auf Rang 6.

Das weckt Erwartungen für die Europameisterschaften (EM), die vom 25. Mai bis zum 5. Juni in Bern ausgetragen werden. «In erster Linie möchte ich im Mannschaftsfinal, mit dem Team, gut abschliessen und mich im Einzelwettbewerb für möglichst viele Gerätefinals qualifizieren», sagt Hegi, der schon 17 Mal Schweizer Meister geworden ist und bei den Junioren EM-Medaillen geholt hat. «Schaffe ich die Qualifikation, werde ich erst dann zufrieden sein, wenn ich auch dieses Mal eine EM-Medaille gewinne.»

Die Antworten des 173 Zentimeter grossen Muskelpakets erinnern an seine Turnübungen: Sie erfolgen hoch konzentriert, mit einer gewissen Eleganz und gegen aussen ohne Nervosität. Am Turnsport fasziniere ihn «die Präzision der Übungen, die bei den besten Turnern immer so leicht aussehen, aber unglaublich schwierig sind und entsprechende Koordination erfordern».
Am meisten Spass hat Oliver Hegi am Reck, weil für ihn die Flugelemente an diesem Sportgerät am spektakulärsten aussehen. Kleinste Fehler können sich verheerend auswirken, «beispielsweise wenn man das Reck eine Millisekunde zu früh loslässt».

Ein Hauch Olympia
An den Europameisterschaften in Bern will der Spitzensportler seine ganze turnerische Klasse zeigen. «Die EM ist eine gute Werbung für unsere Sportart und veranschaulicht, wie hochstehend und schwierig sie ist.» Allerdings sei ein Grossanlass, quasi vor der Haustür, auch eine Belastung, weil die Erwartungshaltung in der Bevölkerung nicht zu unterschätzen sei, sagt Hegi. «Aber vielleicht turne ich mich in einen Rausch, und alles klappt.» Neben dem Mannschaftswettbewerb und dem Reck rechnet sich Hegi auch Finalchancen am Pferdpauschen und Barren aus.

Die EM ist eine Vorbotin für die Olympischen Spiele, die am 5. August in Rio feierlich eröffnet werden. Die Schweizer Turner-Nationalmannschaft schaffte in Glasgow zum ersten Mal seit 1992 die Qualifikation für die Spiele. In Brasilien hat der Mannschaftswettbewerb erste Priorität. Einen Hauch olympischer Luft schnupperte das Team bereits im Februar während eines Trainingslagers am Olympiaort. «Ich war überwältigt von den vielen Eindrücken. Rio ist eine unglaublich attraktive Stadt», sagt Hegi.

Ein wenig Freizeit bleibt für die Gitarre
Solche Ausflüge gehören zu den raren Abwechslungen im Leben des jungen Turners, denn noch besucht er das Seeland-Gymnasium in Biel, das er er dank einer Sonderlösung später als üblich mit der Matura abschliessen wird. Deshalb hat er praktisch keine Freizeit. Trotzdem spielt er seit zwei Jahren auch noch Gitarre und interessiert sich für wissenschaftliche TV-Dok-Sen­dungen – als Ausgleich zum engen Korsett, in dem er als Spitzensportler steckt.

«Der Sport macht mir noch immer einen Riesenspass, sonst würde ich ihn nicht mehr ausüben», sagt Hegi. «Beim Turnen kann ich zeigen, was ich kann.» Zudem fänden die Trainingslager und Wettkämpfe in verschiedenen Ländern statt, was die Sportler in Welten führe, die nur wenige Menschen kennen.

Der Aargauer möchte über Rio hinaus und mindestens bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio weiterturnen. Triebfeder ist seine Überzeugung, sich weiter steigern zu können – dafür trainiert und lebt Oliver Hegi Tag für Tag, seit 17 Jahren.
Er plant, in seine Übungen neue und noch schwierigere Elemente einzubauen. Und wer weiss: Vielleicht klappt es dann irgendwann sogar mit einer Olympia- oder WM-Medaille. 

Weitere Informationen: www.em-bern2016.ch

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Annette Boutellier