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26. Oktober 2015

Flüchtlingskinder ohne Mitspracherecht

Der kantonale Sozialdienst Aargau stellt Platzierungsanfragen für unbegleitete minderjährige Asylsuchende an familynetwork.ch. Der Verein vermittelt anschliessend geeignete Pflegefamilien.

Damaris Bär ist Projektleiterin bei familynetwork.ch in Oftringen AG.
Damaris Bär ist Projektleiterin bei familynetwork.ch in Oftringen AG.

Damaris Bär, was sind die Vorteile einer Familienplatzierung?

Sie dient der Integration. In Familien lernt ein Flüchtlingskind auf natürliche Weise die Schweiz kennen: die Sprache, die Schule, den Alltag. Aber auch so profane Dinge wie «Hörnli mit Ghacktem».

Welche Voraussetzungen muss eine Familie erfüllen?

Sie muss primär offen sein für Neues, interessiert an fremden Kulturen und Geduld haben. Die Betreuung sollte rund um die Uhr gewährleistet sein.

Sie prüfen Familien, bevor diese ein Kind aufnehmen dürfen.

Es geht ums Kennenlernen und ums Vorbereiten auf eine herausfordernde Aufgabe. Wir sprechen mit den Menschen, wollen spüren, was sie motiviert. Auf keinen Fall aber inspizieren wir deren Wohnung oder Kühlschrank.

Lassen sich genügend Familien finden?

Es ist nicht einfach, Familien zu finden, die sich auf das Abenteuer einlassen. Deshalb führen wir nun auch Infoabende durch. Für den ersten haben wir 40 Anmeldungen, das Thema interessiert die Leute.

Welche Flüchtlingskinder kommen für eine Familienplatzierung infrage?

Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern in der Schweiz ankommen. Momentan sind diese Menschen zwischen 11 und 16 Jahre alt. Ältere Teenager, die sich in einem Ablöseprozess von der Familie befinden, werden wann immer möglich eher in WGs untergebracht.

Inwiefern bestimmt das Flüchtlingskind mit?

Grundsätzlich sucht der Kanton einen Platz für ein Kind, viel Mitsprache gibt es da nicht. Nach allem, was sie erlebt haben, sind die Betroffenen oft nicht in der Lage, Wünsche zu äussern. Alles, was sie sich für den Moment wünschen, ist Sicherheit und ein Dach über dem Kopf.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang gesammelt?

Für die Familien ist es bereichernd und interessant. Gibt es Probleme, hilft ein Familienbegleiter. Was man sicher sagen kann: Es sind ganz normale Kinder, die pubertieren oder auch mal einen schlechten Tag haben, genau gleich wie Schweizer Kinder auch.

Wie verhindert man, dass es zu Dramen kommt, wenn ein Kind wieder gehen muss?

Das kann man nicht, eine Beziehung wird immer aufgebaut. Das liegt in der Natur der Sache. Es gilt daher, den möglichen Abschied stets im Hinterkopf zu behalten, aber trotzdem eine Beziehung zum Kind zuzulassen.