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29. März 2016

«Keine Grenze kann so geschützt werden, dass niemand durchkommt»

Der Deutsche Kilian Kleinschmidt weiss wie kein zweiter, was die syrischen Flüchtlinge bewegt: Für die Uno leitete und befriedete er das grösste und chaotischste Flüchtlingslager im Nahen Osten, dessen Alltag er hier schildert. Mit neuen Ideen soll er der EU nun aus der Bredouille helfen.

Kilian Kleinschmidt als Camp-Manager im Uno-Flüchtlingslager Zaatari
Kilian Kleinschmidt (r.) war Camp-Manager im Uno-Flüchtlingslager Zaatari im Norden von Jordanien. Mit Dialog meisterte er die angespannte Atmosphäre. (Bild DPA/Keystone)

Kilian Kleinschmidt, vor wenigen Tagen hat die EU ein Flüchtlingsabkommen mit der Türkei abgeschlossen. Was halten Sie davon?

Ich bin skeptisch. Wenn Asylschnellverfahren nicht vernünftig ausgeführt werden, wird das ganze System in Frage gestellt. Und wenn Nicht-Syrer kaum eine Chance haben, werden sie noch gefährlichere Routen wählen und sich nur noch illegal in Europa aufhalten. Das wird dann ein wirkliches Sicherheitsproblem, denn unversorgte Menschen müssen sich ernähren. Und von dieser Beschaffungskriminalität warnen auch alle Sicherheitsdienste.

Aber immerhin ist die EU bereit, 72'000 Flüchtlinge aus der Türkei legal aufzunehmen.

Ja, das ist gut. Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass es sogar noch viel mehr sein werden. Der Fehler ist jedoch, dass sich das Abkommen nur auf die Türkei beschränkt. In Jordanien etwa warten 30'000 Menschen auf die Ausreise.

Wie beeinflussen die Anschläge von Brüssel die Diskussion über die Flüchtlingspolitik?

Die haben mit den Flüchtlingen ja überhaupt nichts zu tun – sondern mit dem Versagen der europäischen Sozialpolitik.

Aber wird es für die Regierungen nicht noch schwieriger, eine vernünftige Flüchtlingspolitik zu betreiben?

So gesehen schon. Problematisch ist eben, dass diese Regierungen nur in halbjährlichen Abständen denken. Sie betreiben keine Politik, um den Rechtspopulisten etwas entgegenzusetzen.

Kilian Kleinschmidt, Sie beraten das österreichische Innenministerium und waren kürzlich als Experte im Büro von Jean-Claude Juncker in Brüssel. Wie soll die EU das Flüchtlingsproblem lösen?
Es braucht einen Strauss von Massnahmen. Ich rate, neben den verstärkten Massnahmen in den Krisenregionen, eine grössere Zahl von Flüchtlingen nach Europa zu fliegen, statt zu warten, bis sie die Reise in Booten antreten.

Wieso noch mehr Flüchtlinge nach Europa transportieren?
Jeder denkende Mensch sollte begreifen, dass wir die Schlepperorganisationen unterstützen, wenn wir die Grenzen schliessen. Keine Grenze der Welt kann so geschützt werden, dass niemand mehr durchkommt. Schmuggler und kriminelle Banden haben letztes Jahr 4 Milliarden Euro mit Flüchtlingen verdient. Der Weg nach vorne ist die legale Migration. Wir müssen Zuwanderung kontrolliert zulassen und Mischformen suchen. Die Flüchtlinge sollten arbeiten oder studieren können, um sich so schneller zu integrieren. Kanada etwa holt 25 000 Syrer aus dem Libanon und Jordanien, und wenn die in Kanada landen, sind sie keine Flüchtlinge mehr, sondern erhalten per sofort Bürgerrechte. Europa müsste genau in diese Richtung arbeiten. Es geht auch darum, die vollkommen überforderten Aufnahmeländer zu unterstützen und zu entlasten. Der Libanon hat beispielsweise so viel Flüchtlinge aufgenommen wie ganz Europa, hat aber nur eine Bevölkerung von 4,5 Millionen.

Solche Forderungen lösen bei der europäischen Bevölkerung nur Entrüstung aus. Politisch lässt sich dafür heute keine Mehrheit finden.
Der Aufschrei kommt so oder so, wenn über eine Million Flüchtlinge nach Europa reist. Wir müssen deshalb ein Paket mit verschiedenen Massnahmen schnüren. Sogar die Rechtspopulisten sagen, dass wir beispielsweise die Menschen vor Ort unterstützen müssen, so dass Flüchtlinge im Nahen Osten beispielsweise legal arbeiten können. Die Türkei hat damit begonnen, für sie Arbeitsgenehmigungen zu erteilen. Das muss man auch im Libanon und in Jordanien tun, aber auch beide Länder stärker unterstützen. Vergessen wird dabei oft der Nordirak, der auch mit 1,5 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen schwer belastet ist.

Was ist dabei Ihre Rolle?
Mein Team und ich sind eine Schaltstelle in einem globalen Netz. Dieses Netz kann schon jetzt auf viele neue und sehr unterschiedliche Impulse reagieren und Koalitionen aufbauen. Ich unterstütze auch einige Initiativen als Goodwill-Botschafter und versuche, das Thema Flucht und Migration anders an ein grosses Publikum zu bringen und neue Ansätze der Kooperation zu entwickeln. Die Welt hat sehr viele Ressourcen und Kapazitäten, die durch bessere Vernetzung viele Probleme lösen können, ohne Almosen zu verteilen zu müssen. Wir arbeiten mit einem Netzwerk in Mexiko, das Syrer nach Mexiko bringt, damit sie dort studieren können.Sehr wichtig wird es auch sein, gezielte Vermittlung von Arbeitskräften aus Afrika nach Europa zu stützen.

Europa benötigt in den nächsten zwei Jahrzehnten 50 Millionen Menschen, um die Einwohnerzahl nur schon zu halten.

Wie stellen Sie sich das vor, wenn Spanien unter einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent leidet?
Natürlich ist es schwierig, so etwas zu erklären. Wir wissen dennoch, dass Europa insgesamt in den nächsten zwei Jahrzehnten 50 Millionen Menschen benötigt, um die Einwohnerzahl nur schon zu halten. Europa braucht junge Arbeitskräfte von anderen Kontinenten, um die Überalterung der Einwohner zu verhindern und zu vermeiden, dass wir bis über 70 arbeiten müssen. Der Flüchtlingsstrom hat ja auch viel Gutes: Er regt die westlichen Länder zum Denken an. So sollten wir schon lange den Sozialwohnungsbau weiterentwickeln und fördern. Ich sage also: Vielen Dank, liebe Flüchtlinge, dass ihr gegen alle Widerstände gekommen seid und unsere Gesellschaft politisiert und hoffentlich auch wieder sozialisiert.

Dadurch werden allerdings vor allem die Rechtspopulisten gestärkt, die in allen Ländern zulegen.
Rechtspopulisten profitieren von der Planlosigkeit der Nichtpopulisten und sagen ja eigentlich nur «Nein». Wie demographische, soziale, ökologische und ökonomische Themen durch Nein-Sagen und Zäune gelöst werden sollen, ist mir vollkommen unklar. Eine Vision, die einen Weg über die nächsten 20 Jahre zeigt, wäre jetzt wichtig. Und diese Vision braucht Innovation in der internationalen Kooperation und eine Neuregelung der globalen Migration und Einwanderung.

Viele Flüchtlinge in Syrien leben gar nicht in Lagern, oder?
Richtig. In Jordanien befinden sich derzeit nur 100 000 syrische Flüchtlinge in Lagern, ausserhalb sind es 600 000. 15 Prozent der Flüchtlinge im Nahen Osten leben in Lagern, und es geht ihnen vergleichsweise gut, obwohl die Lager oft schlecht geplant und nachhaltig gemangelt werden. Aber bei den Menschen ausserhalb wird die humanitäre Hilfe oft zuerst abgedreht. Viele leben komplett ohne Unterstützung und dürfen auch nicht legal arbeiten. Deshalb schicken Eltern ihre Kinder los, um mit Gelegenheitsjobs Geld zu verdienen. Hunderttausende Kinder müssen arbeiten und ihre Familien ernähren. Darum werden Mädchen oft mit 12,13 verheiratet, Jungs in diesem Alter gehen dann auch zu den Milizen nach Syrien, weil dort gezahlt wird.

Eine Katastrophe für die syrische Gesellschaft.
Allerdings. Die Menschen, die nicht arbeiten können, haben die Nase voll. Sie müssen zusehen, wie ihre Kinder verelenden. In Syrien ist das besonders tragisch, weil das Bildungsniveau vor fünf Jahren noch sehr hoch war. Jetzt hat der Krieg alles kaputt gemacht.

Was kann die Schweiz tun?
Die Schweiz unterstützt bereits die Strukturen vor Ort sowie die klassischen Hilfsorganisationen. Die Schweizer Wirtschaft sollte sich auf jeden Fall aktiver beteiligen. Auch können Schweizer Gemeinden und Städte direkte Unterstützung an Gemeinden der Aufnahmeländer leisten, die total überfordert sind. Eine Vorbereitung des Wiederaufbaus durch gezielte Ausbildung von Syrern wäre schon jetzt zu planen. Wichtig ist, sich zu überlegen, was man zusätzlich machen kann, damit die Menschen legal einreisen und studieren und arbeiten können. Das sind die besten Voraussetzungen für eine rasche Integration und auch eine direkte Hilfe für die Region.

Nur eben: Die politische Realität sieht anders aus. Einige Länder, darunter auch die Schweiz, nehmen Flüchtlingen Bargeld und Schmuck ab.
Das ist vollkommener Schwachsinn und ein Armutszeugnis, das deutlicher kaum signalisieren könnte, dass man die Flüchtlinge eigentlich nicht will und dass man auch nicht versteht, was letztlich zu Lösungen führt. Man bricht das grosse Vertrauen, das Flüchtlinge in unsere so nette Rechtsgesellschaft haben. Natürlich werden die Flüchtlinge nicht so dämlich sein, den Schmuck zu übergeben. Sie werden Wege finden, ihn zu verstecken. Es wird Integration beinträchtigen und mittel-und langfristig mehr Schaden bringen als die vermeintliche Unterstützung an den Staatshaushalt.

Eine OECD-Studie zeigt: Die Flüchtlinge wollen vor allem Ruhe und Frieden.

Immer wieder wird kritisiert, dass viele Flüchtlinge die Situation ausnützen und nur finanziell profitieren wollen.
Dass Flüchtlinge nur von unseren Sozialsystemen profitieren wollen, ist ganz einfach falsch. Eine OECD-Studie zeigt: Die Flüchtlinge wollen vor allem Ruhe und Frieden und sofort in den Arbeitszyklus oder studieren. Dass sich die Menschen in Europa sorgen, ist verständlich. Aber deswegen aus der Hüfte zu schiessen und sich nicht zu überlegen, welche Konsequenzen das Errichten von Zäunen hat, ist dumm. Zu denken, dass jeder Flüchtling, der nicht kommt, ein guter Flüchtling ist, ist eine falsche und sehr teure Kalkulation.

Sie waren mehrmals in Flüchtlingslagern in Jordanien und im Irak. Wie muss man sich das Leben dort vorstellen?
Die Uno beauftragte mich 2013, die Leitung eines Lagers in Nordjordanien zu übernehmen, weil die Lage vor Ort ausser Kontrolle geraten war. Es kam regelmässig zu Schlägereien und Demonstrationen, die jordanische Polizei und Hilfsorganisationen wurden angegriffen, es gab Verletzte und einen Toten.

Was konnten Sie tun?
Zuerst musste ich verstehen, wer hinter der Gewalt steckte. Die Hilfsorganisationen haben hervorragend gearbeitet, wenn es um die Logistik geht, haben aber die Menschen nicht genügend beachtet. Wer steckte dahinter? Ich habe dann festgestellt, dass es sich um eine Mafia und kriminellen Strukturen handelte. Aber auch um Grundsätzliches: Bei Menschen in der Krise gibt es zunächst keine Gemeinschaft, weil man zunächst natürlich an sich selbst denkt. So wurden zum Beispiel alle Gemeinschaftstoiletten für die Lagerinsassen abmontiert und gestohlen, um damit zuhause Privateinrichtungen zu bauen. Die Flüchtlinge haben dann einen illegalen Markt lanciert, der Champs-Elysées genannt wurde, weil er bald 1000 hatte und heute 3000. Das World-Food-Programm der Uno richtete Supermärkte ein, wo man einkaufen kann, anstatt Lebensmittelpakete zu empfangen mit Dingen, die man nicht mag – so wurden die Lagerinsassen von Almosenempfängern zu «Happy-Shoppern». Das war sehr wichtig für die Menschenwürde und die Sehnsucht nach Individualität.

Haben Sie so das Chaos im Lager gelöst?
Ja, mit viel Dialog konnten wir die bösen Buben und Profiteure isolieren. Als sie zu Demonstrationen aufriefen, folgte ihnen niemand mehr. Ich musste allerdings zusammen mit der jordanischen Polizei oft rabiat durchgreifen, um eine Struktur reinzubringen. Man nannte mich Boss und Bürgermeister.

Haben Sie selbst im Lager übernachtet?
Wie alle Mitarbeiter von Hilfsorganisationen hatte ich eine Wohnung in der jordanischen Hauptstadt Amman. Wir sind jeweils morgens hin- und abends wieder zurückgefahren. Dazwischen haben wir 10 Stunden im Lager gearbeitet. Abends und nachts werden die Menschen normalerweise alleine gelassen, weshalb ich mich entschieden habe, ab und zu mal im Lager zu übernachten. Anfangs tat ich dies auf einer Matratze in meinem Büro, später habe ich mir einen Wohncontainer eingerichtet.

Am gefährlichsten waren im Lager die Kinder.

Sind Sie nie in eine gefährliche Situation geraten?
Die bösen Buben im Lager waren natürlich sauer, weil sie merkten, dass sie keinen Einfluss mehr hatten. Wir arbeiteten da bereits eng mit der jordanischen Polizei zusammen. Am gefährlichsten waren die Kinder. Weil keine Gesellschaftsstrukturen existierten und es keine Bezugspersonen gab, die sie zurechtwiesen, haben sie angefangen, Steine und Zeltstangen nach uns zu schmeissen. Wir sind oft wie die Kaninchen davon gerannt. Ich hatte echt Angst. Die Erwachsenen fanden das anfänglich ziemlich lustig, haben aber dann immer öfter interveniert, als sich Gesellschaftsstrukturen neu formiert haben. Wir hatten 60'000 Kinder im Lager, viele von ihnen schwer traumatisiert.

Wie haben Sie all diese Erlebnisse verarbeitet?
Viele Helfer, die in den Krisenherden dieser Welt arbeiten, sind tatsächlich selber schwer traumatisiert. Man wird mit Toten und hungernden Kindern konfrontiert. Mir sind bei einem Selbstmordattentat auch schon Leichenteile um die Ohren geflogen. Über all das muss ich reden, ich darf es nicht in mich hineinfressen. Wenn man in der westlichen Welt lebt, hat man keine Ahnung, was dort abgeht. Niemand hier versteht, wie es sich anfühlt, wenn man im Krieg ist und miterleben muss, wie jemand erschossen wird. Dieses Unverständnis sorgt auch dafür, dass das Privatleben sehr schwer und die Scheidungsrate bei Flüchtlingshelfern besonders hoch ist.

Gab es auch erfreuliche Momente bei Ihren Einsätzen im Nahen Osten?
Selbstverständlich. Es war zum Beispiel ein Erfolgserlebnis, wie sich die Situation in diesem Lager beruhigt hat. Wir waren ein gutes Team und haben eng zusammengearbeitet, es gab auch gemeinsame Ausflüge nach Aqaba am Roten Meer und ins Wadi Rum.

Haben Sie heute noch Kontakt mit den Leuten im Lager?
Nur noch lose, aber so schwierig wäre das nicht: Sie haben fast alle Skype oder Whatsapp. Ich arbeite eng mit einigen Organisationen und Teams in Jordanien in unserem Netzwerk zusammen. Die Städteplaner aus Amsterdam, mit denen wir angefangen haben, das Lager wie eine Stadt zu denken und zu planen, sind noch immer vor Ort. Und auch sonst haben sich aus jener Zeit viele neue Partnerschaften entwickelt. Unter anderem ist daraus 2014 die Organisation IPA entstanden, die ich heute leite. Mit dem Start-up wollen wir moderne Technologien für die Armen der Welt nutzbar machen.

Autor: Reto E. Wild