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29. Mai 2017

Flüchtling will der Schweiz mit Mode Danke sagen

Um das Überleben seiner Familie zu sichern, flüchtete Cisse Sekou von der Elfenbeinküste in die Schweiz. Schnell wurde hier sein kreatives Händchen für Textilien entdeckt und gefördert. Nun arbeitet der 27-Jährige an einer Karriere als Modedesigner – denn er möchte dem Gastland mit Schere, Charme und Massband etwas zurückgeben.

Cisse Sekou
Cisse Sekou hat in der Elfenbeinküste gelernt, ...

Eine fröhliche Stimmung herrscht bei Social Fabric (siehe Box) in Zürich. In diesem Textilzentrum absolviert Cisse Sekou (27) ein Schneiderpraktikum, das ihm der Verein mit einer Crowdfunding-Aktion ermöglicht hat. Heute sind die Unterstützer hier, um den Gegenwert für ihre finanziellen Beiträge anfertigen zu lassen: massgeschneiderte Hemden und T-Shirts, allesamt von Cisse entworfen und hergestellt.
Unter den wachsamen Augen seiner Betreuerinnen widmet sich Cisse konzentriert seiner Arbeit. Gekonnt nimmt er Mass an seinen Förderern und wählt mit ihnen die Stoffe aus. Dabei fällt speziell seine unbeschwerte und zuvorkommende Art auf.

Das war nicht immer so. Im fünfjährigen Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste (2002 bis 2007) wurden sein Vater und Onkel getötet. Als ältestes von sechs Geschwistern war er mit elf Jahren für das Überleben der Familie verantwortlich. Lange arbeitete er bei seinem Onkel und erlernte dort die Grundkenntnisse der Schneiderkunst. «Die Geschäfte liefen nicht besonders gut, und mein Onkel konnte nicht regelmässig bezahlen. Das bisschen Geld, das ich erhielt, gab ich meiner Mutter. Sie kaufte damit Früchte und Gemüse und verkaufte diese auf dem Markt weiter. So brachten wir die Familie mehr schlecht als recht über die Runden.»

Perspektivlosigkeit als Fluchtgrund

In der Hoffnung, mehr Geld zu verdienen, ging Cisse mit 24 nach Guinea. «Dort schuftete ich täglich 14 Stunden in den Goldminen.» Seine vernarbten Hände zeugen von der harten Arbeit, die er dort unter Tage verrichten musste. «Leider brachte mir diese Arbeit nicht das erhoffte Glück, und ich kehrte nach sechs Monaten in meine Heimat zurück, wo ich eine Arbeit auf dem Bau annahm. Der Patron geriet in finanzielle Schwierigkeiten, und ich erhielt auch da drei Monate keinen Lohn», sagt er.

Diese Perspektivlosigkeit war es, die bei Cisse den Plan reifen liess, sein Land zu verlassen. In der Hoffnung, durch seine Flucht in eine bessere Welt zu gelangen und das Überleben seiner Familie zu sichern, machte er sich mit seinem letzten Geld auf den Weg. «Meine Mutter habe ich über mein Vorhaben nicht informiert. Sie hätte mich nie ziehen lassen.» Er rief sie und seine Schwestern erst von unterwegs an. Für die Mutter war es schwer. Sie habe einzig gehofft, dass ihr Sohn sicher und unversehrt in der Ferne ankommen würde.
Seine Flucht finanzierte er allein. Unterwegs arbeitete er so lange, bis das Geld für die nächste Etappe zusammen war.

Er reiste über Burkina Faso und Niger bis nach Algerien. «In der Wüste gab unser Auto den Geist auf, und wir mussten uns zu Fuss bis nach Algerien durchkämpfen. Immer begleitet von der Angst, entdeckt zu werden», erzählt er leise. Diese Geschichte geht ihm immer noch nahe. «In Tripolis warteten wir darauf, das Boot nach Italien zu besteigen. Ohne sanitäre Anlagen und Essen harrten wir da aus. Manchmal gab es ein Stück Brot, das geteilt wurde. Die Menschen waren völlig traumatisiert, als es endlich losging.» Ein Gummiboot brachte sie aufs offene Meer zum alten Holzboot. Cisse sass ganz unten. Mehr als 600 Menschen trieben zwei Tage im Libyschen Meer, bevor sie internationales Gewässer erreichten. «Rettungsboote brachten uns schliesslich in eins der Flüchtlingsauffanglager in Italien.»

Nähkurse für Flüchtlinge

Cisse schlug sich auf eigene Faust über Palermo nach Chiasso TI durch. Da wurde er von der Poliziei aufgegriffen und kam in ein Flüchtlingsheim nach Birmensdorf ZH. Er suchte nach einer Möglichkeit, seine Zeit sinnvoll zu verbringen, und erfuhr so vom Projekt «Refugees Welcome», wo er umgehend an den offenen Nähkursen für Flüchtlinge teilnahm. Es blieb den Betreuerinnen nicht verborgen, dass Cisse ein ganz besonderes Nähkunsttalent besass und speziell gelungene Farbkombinationen zusammenstellte. So kam die Idee auf, ihm durch eine Crowdfunding-Kampagne eine Praktikumsstelle zu ermöglichen.

«Unser Ziel ist es, dass Cisse in Zukunft seine eigenen Kreationen herstellen kann, die dann auf unserer Internetplattform gekauft werden», sagt Heather Kirk (36), die Initiantin von Social Fabric. «Cisse hat zudem die seltene Begabung, Kleider ohne Schnittmuster auszumessen und herzustellen», sagt Carola Ruckdeschel, seine Ausbildnerin. «Wir können uns das hier gar nicht vorstellen, ohne Schnittmuster zu arbeiten. Es ist aber wichtig, dass er das auch erlernt. Mit diesem neuen Fachwissen kann er hoffentlich seinen eigenen Kundenstamm aufbauen und sich so seinen Lebensunterhalt verdienen.»

Nach Ende des Praktikums möchte Cisse im September eine dreijährige Lehre zum Bekleidungsgestalter absolvieren. Auch eine Logistiklehre wäre denkbar.
«Ich möchte der Schweiz durch meine Arbeit und Ideen etwas zurückgeben. Für die Chance, die ich hier ­bekommen habe, bin ich sehr dankbar und glücklich.» 

Zusammen mit seiner Ausbildnerin Carola Ruckdeschel nimmt Cisse Mass an Fred Frohoffer.
Zusammen mit seiner Ausbildnerin Carola Ruckdeschel nimmt Cisse Mass an Fred Frohoffer, einem der Unterstützer des Crowdfundings.

Zusammen mit seiner Ausbildnerin Carola Ruckdeschel nimmt Cisse Mass an Fred Frohoffer, einem der Unterstützer des Crowdfundings.

Autor: Ruth Stylianou-Oberli

Fotograf: Renate Wernli