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03. November 2014

Fluchtpunkt Mittelmeer

«Fast im Mittelmeer ersaufen …» Plötzlich war der Satz wieder da, vor einigen Wochen, als ich barfuss im Mittelmeer stand und leise Brandung meine Knöchel umspielte. Dann, klatsch!, diese unerwartet hohe Welle … Und meine knielange Hose tropfnass. «Fast im Mittelmeer ersaufen …» Eine Liedzeile von Stephan Krawczyk aus dem Jahr 1987. Sie war unversehens wieder in meinem Kopf, die ganze Strophe: «Jetzt im Zug nach Genua sitzen, endlich auf dem Sprung ins Freie! Fast im Mittelmeer ersaufen, in Sandstürmen trocken drehen, sprachlos übern Abgrund gehen. Dann die Rückfahrkarte kaufen.»

«Plötzlich ist die Liedzeile wieder da.»
«Plötzlich ist die Liedzeile wieder da.»

Hurtig ans Meer und wieder nach Hause, für uns eine Selbstverständlichkeit – für Liedermacher Krawczyk, den DDR-Oppositionellen, der in seinem Land gleichsam eingesperrt war, ein Traum. Ihm war das Mittelmeer Fluchtpunkt, eine Metapher für ersehnte Exotik, und darin «fast zu ersaufen» war ihm ein Gleichnis für: Freiheit. Als Musiker mit Berufsverbot belegt, vom eigenen Anwalt beschattet, von der Stasi drangsaliert, konnte Krawczyk nur noch im Schutz der Kirche auftreten. Der DDR-Geheimdienst versuchte gar, ihn und seine Frau, die Regisseurin Freya Klier, mittels Nervengift umzubringen. An einem Protestmarsch wurde Krawczyk verhaftet, in Berlin-Hohenschönhausen in Isolationshaft gesetzt, der «landesverräterischen Beziehungen» angeklagt und vor die Alternative gestellt: zwölf Jahre Gefängnis oder freiwillige Ausreise. Im Februar 1988 wurde er schliesslich abgeschoben. «Ausgebürgert», wie das damals hiess.

Ich sah ihn spätabends auf der ARD, war fasziniert, besorgte mir die LP «Wieder stehen» und traf ihn wenige Tage nach seiner Ankunft in der anderen Welt. Da war er nun, dieser hagere Mann mit kurzgeschorenem Kopf und einem alterslosen Gesicht. Ich war ein ahnungsloser, aber eifriger junger Radioreporter, er sprach ein drahtiges, mir fremdes Deutsch und sagte, nach seinen ersten Eindrücken im Westen gefragt, er sei fassungslos, dass hier niemand still sitzen könne. Jeder greife in der S-Bahn, im Bus, im Park stets fahrig nach der nächsten Illustrierten – «… und pumpt sich schon wieder voll mit neuen Bildchen.»

Die Wende! Nie vergesse ich, wie gebannt und ungläubig ich vor 25 Jahren an dem Abend, da die Berliner Mauer fiel, am Radio hing. Die Kinder fragen: «Was, wie?!» Dass es mal zwei Deutschländer gab, ist für sie surreal. Kunde aus einer versunkenen Zeit. Einer Zeit vor ihrer Zeit.

Stephan Krawczyk wurde noch kurz vor der Wende in den Westen verjagt. Es gab noch keine Handys, keine Gratiszeitungen, nichts. Dennoch fiel ihm an unserem Wesen als Erstes auf, wie wir uns dauernd «mit neuen Bildchen vollpumpen.» Himmel! Was würde er heute sagen, da in jedem Vorortszug ein Newsschirm mit läppisch kurzen Informatiönchen flimmert? «Die Nase der Europäerin ist im Durchschnitt 5,1 cm lang … ‹Manhattan-Transfer›-Gründer stirbt mit 72 … Islamischer Staat plant Angriffe auf …» Und dann Reklame für Hustenbonbons. Ich habe Krawczyk gegoogelt, er sieht noch fast genauso aus wie vor 25 Jahren, vielleicht sogar ein wenig jugendlicher, und er tut etwas, was er damals nie tat: Er lächelt. Doch er hat nie angefangen, das Loblied auf den freien Westen zu singen. «Schöne wunde Welt», hiess seine erste Platte diesseits der Mauer. Ein geteiltes Land? Das interessiert Anna Luna und Hans sehr. Sie wollen die Berliner Mauer sehen. Nur: Da gibts nicht mehr viel zu sehen.

Live: 5. 11. Rubigen BE, 7. 11. Spreitenbach AG

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli