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01. Februar 2016

Flinke und zähe Mädchen auf Eis

Die Eishockey-Mädchen von Dragon Thun kämpfen gemeinsam mit den Jungs um den Puck, checken ihre Gegner mit vollem Körpereinsatz und dreschen die Scheibe aufs Goal.

Nubya Aeschlimann (11), Piccolo
«Ballet wäre zu mädchenhaft», meint Nubya Aeschlimann (11), Piccolo und Goalie: «Ich bin gern Goalie. Manchmal necken die Jungs schon ein wenig, aber das nehme ich gar nicht ernst.»

Draussen nachtet es früh ein. Die Eisbahn Thun ist hell erleuchtet, neben der Tribüne herrscht fröhliches Gewusel. Knirpse auf Schlittschuhen in übergrossen Sportkleidern, Helme mit schwarzen Schutzgittern auf dem Kopf, drängeln durcheinander. Dazwischen Mütter und Väter, die ihren Kindern rasch den Hockeystock reichen oder Schlittschuhe festschnallen. Um Punkt 16.30 Uhr ruft Trainer Ueli Dietrich (51) laut: «Jungs! Aufs Eis!» Johlend rennt die Rasselbande auf die glatte Fläche und saust los Richtung Eismitte, wo die sechs Gruppentrainer warten.

Mädchen oder Bub? In der Montur und in der Spielstärke kaum zu unterscheiden.
Mädchen oder Bub? In der Montur und in der Spielstärke kaum zu unterscheiden.

Unter ihnen sind die beiden Kanadierinnen Jennifer Gallo und Jennifer Moore sowie Tess Allemann, die in der Frauen-Nationalmannschft ganz vorne mitspielt. Die drei jungen Frauen sind ausgezeichnete Vorbilder.
Denn auch wenn Ueli Dietrich nur «Jungs!» ruft: Bei den Gruppen Bambini und Piccolo der Dragons Thun trainieren neben den rund 40 Buben auch Mädchen. An diesem Spätnachmittag sind zehn Spielerinnen da. Erkennbar sind sie nicht etwa, weil sie zögerlicher fahren oder sich anmutiger bewegen, sondern einzig wegen der langen Haare, die unter dem Helm hervorgucken. Ansonsten flitzen die Hockeygirls genauso flink über das Eis wie ihre Kollegen. Start, Rückwärtsfahren, Hockeybogen – die 4- bis 10-Jährigen trainieren problemlos zusammen, und die Mädchen halten locker mit.

Mädchen geben Vollgas
Geschickt dribbelt die kleine Maiko Rösti den Puck um den Pneu, hält ihn eng unter Kontrolle und saust wieder zur Gruppe zurück. «Ich mag es, wenn es schnell geht», erzählt sie in einer kurzen Pause und strahlt. Die zarte 6-Jährige spielt seit zwei Jahren Hockey und liebt es. Ihre Mutter Yukiko hatte ihr zwar auch Eiskunstlauf vorgeschlagen, aber das war ihr «einfach zu langsam». Angst vor harten Puckstössen hat Maiko nicht, und es macht ihr auch nichts, wenn kräftigere Buben mit Vollgas auf sie zufahren. «Dann gebe ich einfach selber Vollgas!» Sie lächelt schüchtern. Aber dann macht sie klar, dass sie eine gute Portion Kampfgeist mitbringt: «Ich will einfach Goals machen.»
Erst seit ungefähr zehn Jahren spielen auch Mädchen Eishockey, vorher galt es ausschliesslich als Bubensport.

«Es sind immer noch wenige Mädchen. Wenn zwei, drei in einer Gruppe spielen, ist das schon viel», sagt Pascal Wüthrich (23), angehender Sportwissenschaftler und Goalietrainer.
Er vermutet, dass alte Rollenklischees viele Mädchen abschrecken: die Idee von Leistung, Wettkampf und Sich-Messen. «Das Leistungsmotiv spricht auch heute noch eher Buben an.» Dabei sei der schnelle Sport für Mädchen eine tolle Herausforderung und gebe ihnen die Gelegenheit, sich zu behaupten, sagt Wüthrich. In dieser Altersgruppe gebe es noch keine körperlichen Hinderungsgründe: «Bei den Bambini und Piccolo lautet das Motto ‹Spiel und Spass›. Da spielen Kraft und Körpergrösse keine Rolle.»

Für die Buben eine Herausforderung
Zugleich sei das Spiel in einer gemischten Mannschaft auch für die Buben eine Herausforderung, findet Wüthrich. «Anfangs schauen manche komisch, aber dann lernen sie, dass sie mit Mädchen ebenso gut zusammenspielen können.» Moritz Hasler, 8 Jahre alt, sagt, ohne zu zögern: «Die Mädchen spielen gleich gut, und wenn sie sogar schneller sind, macht mir das nichts aus.» Dann überlegt er kurz, ein Schmunzeln huscht über sein Gesicht. «Aber manchmal gebe ich, ehrlich gesagt, schon ein bisschen Extragas gegen ein Mädchen.»

Der 8-jährige Nalo dagegen merkt oft nicht einmal, wenn er gegen «Meitschis» spielt. Er denkt kurz nach und sagt: «Hauptsache, sie spielen gut!» Und gut zu spielen lernen sie in der Hockeyschule. Zuerst müssen alle Kinder perfekt Schlittschuhlaufen können, danach spielen sie bei Turnieren und Matches in jeder Position.
Die 8-jährige Amaya Iseli hat sich von ihrem Vater und den beiden Brüdern vom Eishockeyfieber anstecken lassen. «Früher ging ich ins Ballett, aber das war langweilig», sagt sie. Ihre Freundinnen finden es cool, dass sie Hockey spielt. Auch Nachwuchstrainer Ueli Dietrich begrüsst, dass die Mannschaften heute gemischt sind. «Am Anfang merken in der Hockeyschule die meisten sowieso noch gar nicht, dass es Mädchen und Buben gibt», sagt er (siehe Interview rechts).

Die 11-jährige Nubya Aeschlimann liess sich vor sechs Jahren von ihrem Bruder fürs Hockey begeistern, inzwischen lässt sie sich zur Goaliefrau ausbilden. «Manchmal necken die Jungs uns Mädchen schon ein wenig – aber das nehme ich nicht ernst», sagt sie und lacht. Für sie ist klar: «Ich stehe gern im Goal, Ballett oder so wäre mir viel zu mädchenhaft.» Breitbeinig stellt sie sich ins Übungsgoal – wer an ihr vorbeikommen will, muss schnell sein.
Das Goal ist die einzige Position, in der sich die Frauen auf der Stufe Elite Junioren und bei den Aktiven noch gegen die Männer behaupten können», erklärt Sportwissenschaftler Pascal Wüthrich. «Da das Spiel auf diesen Stufen deutlich athletischer und mit mehr Körperkontakt geführt wird, hätten die Mädchen auf dem Feld kaum mehr eine Chance mitzuhalten.»
Die 8-jährige Janine Gäumann kann jedoch noch ein paar Saisons auf dem Feld bleiben. Sie hat vor drei Jahren zusammen mit ihrer älteren Schwester Michelle angefangen, Eishockey zu spielen, ermuntert vom Vater, der früher eine Frauen-Hockeymannschaft trainierte.

«Hockey ist am coolsten»
Mit ihren Freundinnen spielt Janine zwar auch gern Volleyball oder Tennis, aber «Hockey ist am coolsten». Das findet auch Mutter Brigitte Gäumann: «Anfangs wusste ich ja nicht einmal, wie man die Dresse anziehen muss. Aber jetzt bin ich bei jedem Match dabei, und ich sehe, wie viel Freude das meinen Töchtern macht.»

Das Training ist zu Ende, im Pulk strömen die Hockeykinder vom Eis. Goalietrainer Pascal Wüthrich ruft seiner Gruppe zu: «Gut gemacht, Jungs!» Manchmal vergisst er «und Mädchen» anzuhängen. «Aber das nehmen sie mir zum Glück nicht krumm, sie sind bereits ein bisschen abgehärtet.» Mädchen, die Eishockey spielen, wissen ohnehin: Sie können genauso gut sein wie die Jungs. Mindestens.

Das Team-Foto mit Stimmen

Mädchen im Nachwuchs des EHC Thun
Die Mädchen im Nachwuchs des EHC Thun. Am Nachmittag der Reportage waren zehn im Training.

Jael Wenger (10, oben 1. v. l.), Hockeyschule, Spielerin: «Meine beiden Cousins spielen auch Eishockey, und sie finden es cool, dass ich jetzt auch angefangen habe. Es brauchte anfangs schon ein bisschen Mut.»

Fabienne Hofmann (11, oben 4. v. l.), Piccolo, Goalie: «Mit meinem Vater besuchte ich viele Matches, jetzt gebe ich selber gern Gas, vor allem wenn Jungs zünden. Meine Mutter ist stolz auf mich.»

Michelle Gäumann (10, unten 1. v. l.), Piccolo, Spielerin: «Es wird ein bisschen härter, wenn man grösser wird, und es gibt mehr Trainings. Aber es gefällt mir gut, und in der Mädchenriege finde ich einen perfekten Ausgleich.»

Maiko Rösti (6, unten 2. v. l.), Bambini, Spielerin: «Ich habe es gern schnell, Angst habe ich nie. Im Gegenteil, ich fahre einfach drauflos und will Goals machen.»

Janine Gäumann (8, unten 3. v. l.), Bambini, Spielerin: «Mit meinen Freundinnen spiele ich auch Tennis und Volleyball. Aber Hockey ist einfach am coolsten.»

Nadine Fuss (7, unten 4. v. l.), Hockeyschule, Spielerin: «Ich fahre gern Schlittschuh und wollte auch lernen, schnell zu sein. Jetzt habe ich schon drei Goals gemacht – das ist ein Supergefühl!»

Hier spielen Mädchen und Buben zusammen

«Der Eishockeysport fördert Geschicklichkeit, Schnelligkeit, Disziplin und Teamgeist, und dafür haben Mädchen die besten Voraussetzungen!», schreibt der Verband Swiss Ice Hockey auf seiner Homepage.
Deshalb heisst der Verband «alle Mädchen herzlich willkommen in der faszinierenden Welt des Eishockeys».

Alle Hockeyschulen der Klubs und Nachwuchs-Anbieter auf www.sihf.ch

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Marco Zanoni