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21. Mai 2013

Fleissige Mädchen, dumme Buben…

Geschlechterrollen: In der Schule sind die Mädchen längst besser als die Jungen. Und weil Eltern und Lehrer das so hinnehmen, verstärkt sich das Problem.

Illustration: Mädchen streut Buchstaben über Knabe
Fleissige Mädchen, abgelenkte Knaben: Hartnäckige Klischees in der Schule. (Bild: Nicolas Bischof)

DER LEGASTHENIKER
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Lukas liest keine Bücher. «Kann ich nicht», sagt er. Seine Eltern glauben, dass Lesen eben nicht so seine Stärke sei. «Macht doch nichts», sagen sie. «Dafür bist du gut im Zeichnen.» Eines Abends streicht die Mutter das abendliche Ritual, bei dem sie Lukas aus einem Buch vorliest. Da schnappt er sich das Buch und läuft im Wohnzimmer auf und ab. Klar und deutlich liest er vor, und alle staunen.

Das ist eine typische Situation: Viele Buben sind zwar tatsächlich etwas schlechter in der Schule als Mädchen, insbesondere in Fächern wie Lesen und Schreiben. Aber dadurch, dass Erwachsene, Eltern wie Lehrer, das hinnehmen und als eine Eigenart der Jungs abtun, verstärken sie das Problem. Eine Studie der Psychologen Bonny Hartley und Robbie Sutton von der Universität Kent zeigt: Das gängige Bild, dass Jungen in der Schule schlechter sind als Mädchen, trägt dazu bei, dass dies tatsächlich eintrifft. Knaben, denen man vor einem Test gesagt hatte, sie seien schlecht, waren tatsächlich schlechter, während die anderen gut abschnitten.

Die vermehrte Förderung der Mädchen wird jetzt sichtbar

Sind Jungen nun also die neuen Mädchen, denen man ja auch jahrzehntelang vorgebetet hat, sie seien dumm? Nadja Ramsauer (45), Dozentin und Leiterin der Fachstelle Gender Studies an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), relativiert: «Es stimmt zwar, dass Mädchen mittlerweile schulisch etwas besser sind als die Jungs. Grund ist vermutlich die vermehrte Förderung von Mädchen in den vergangenen Jahrzehnten. Andererseits nutzen Frauen diesen Bildungsgewinn nicht und besetzen in der Arbeitswelt nur wenige der höheren Positionen.»

Auf individuelle Eigenschaften statt das Geschlecht achten

Doch woran liegt es grundsätzlich, dass Knaben in der Schule schlechter sind, und kann man daran etwas ändern? Oft hört man, es läge daran, dass die Kinder heute vor allem von Frauen unterrichtet werden. «Das ist nicht das eigentliche Problem. Wichtig wäre, dass Lehrkräfte noch vermehrt darauf achteten, jedes Kind nach seinen individuellen Eigenschaften zu fördern und nicht in Kategorien zu denken von wilden Buben und leseeifrigen Mädchen.» Dass das nicht immer einfach ist, ist ihr klar.

Vor allem, weil in vielen dieser Klischees über die Eigenschaften von Mädchen und Buben ja auch ein Funken Wahrheit steckt. Doch Lehrerinnen und Lehrer sollten es vermeiden, solche Klischees zu bestärken, und versuchen, alle Fächer breit und von verschiedenen Zugängen her zu unterrichten, damit sie eben auch die vermeintlich Schlechteren und Uninteressierten mitreissen können.

Eine wichtige Rolle spielen auch die Eltern: Sie sind Vorbilder. Für Jungen kann ein lesender Vater zum Beispiel Ansporn sein, selber auch ein Buch zur Hand zu nehmen. Zu einem interessanten Schluss kommt auch der Bildungsforscher Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in einem Artikel in der «Süddeutschen Zeitung»: Das eigentliche Problem sei die «Selbstüberschätzung der Jungen», sagt er. Sie glaubten, sie müssten sich nicht anstrengen, um Erfolg zu haben, weil sie ja erleben, dass die meisten Spitzenpositionen in der Gesellschaft von Männern besetzt sind. Hinzu kommt, dass bei vielen Jungs Fleiss als uncool gilt. Bis solche Bilder sich überholen, dauert es vermutlich noch ein Weilchen. Aber steter Tropfen höhlt den Stein.

Autor: Andrea Fischer