Archiv
25. August 2014

Flandernfahrt für Geniesser

Das perfekt ausgebaute Radnetz im nördlichen Teil Belgiens ist ein Paradies für Velofahrer. Für Entspannung sorgt die gemütliche belgische Lebensart, und Genussmenschen freuen sich über exzellente Pralinés und 1000 Sorten Bier. Die wichtigsten Reisetipps lesen Sie im Artikel rechts.

Die Altstadt von Gent
Die Altstadt von Gent lässt sich gut bei einer Fahrt auf den ehemaligen Schifffahrtskanälen besichtigen.

«Bei den Pralinés sind die Belgier Meister», sagt Bernadette Buess (29) und strahlt. Die Schweizerin hat sich in den fünf Jahren, die sie in Brüssel wohnt, durch alle bekannten Chocolatiers der Stadt probiert. Überall in Brüssel locken sie mit ihren süssen Kreationen in allen Formen und Arten. Belgien ist weltberühmt für seine Schokolade, und die Tradition der Chocolatiers reicht bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. Sie gelten sogar als Erfinder des Pralinés. «Bei den Tafelschokoladen haben die Schweizer aber die Nase vorn», findet Bernadette Buess, die in Brüssel wohnt und in der Mission der Schweiz bei der Europäischen Union an der Place du Luxembourg arbeitet.

Beim Rheinfall aufgewachsen, in Bern Politologie studiert, lebt sie nun dort, wo in unmittelbarer Nähe der imposante Stahlglasbau des Europaparlaments in den Himmel ragt und wichtige Entscheide für ganz Europa gefällt werden. Es waren aber nicht berufliche Ambitionen, welche die Zürcherin hierhergelockt haben. Es war die Liebe. «Ich habe 2008 ein Austauschsemester an der Uni Brüssel gemacht», sagt sie. «Da hat es mich erwischt.» Ein Sportlehrer aus Toulon, der schon lange hier lebte, eroberte ihr Herz. Zurück in der Schweiz, schloss sie schnellstmöglich das Studium ab und zog zu ihm in die belgische Hauptstadt.

Geselligkeit und Spontaneität zeichnen die Belgier aus

In den vergangenen Jahren lernte die Politologin nicht nur perfekt Französisch und gut Niederländisch, sie lernte vor allem auch die gemütliche belgische Lebensart kennen. «Eile gibt es kaum», sagt sie. «Viel wichtiger sind Geselligkeit und Spontaneität. Hier trifft man sich nach der Arbeit und sagt: ‹Nehmen wir mal einen Apéro?› Danach schaut man weiter.» Apéro heisst hier: Bier. Da haben Neulinge aus der Schweiz die Qual der Wahl. Lieber ein leichtes Pils, ein Malz-, Weiss- oder süssliches Kirschenbier? Oder gar ein schweres Doppel- oder Dreifachgebrautes? «Man sagt, es gibt über 1000 Biersorten im ganzen Land.»

Bier mit Tradition. Brügges Brauerei De Halve Maan wird in sechster Generation geführt.
Bier mit Tradition. Brügges Brauerei De Halve Maan wird in sechster Generation geführt.

Ebenso wichtig ist aber das Essen. «Wir gehen oft mit Freunden auswärts abendessen – die Auswahl an Lokalen ist riesig. Nebst europäischer Küche, Thai und japanischem Essen gibt es auch äthiopische, kambodschanische oder laotische Restaurants.» An die Frites, die stets mit Mayonnaise serviert werden, hat sie sich mehr als gewöhnt: «In der Schweiz habe ich nie Frites gegessen, hier aber schon: Sie sind richtig gut.» Und sagt lachend: «In Belgien gehst du nie durstig oder hungrig ins Bett.»

Als Ausgleich zur deftigen Küche geht Bernadette regelmässig joggen, ins Fitnessstudio und macht Spaziergänge mit ihrem Hund in einem der vielen Parks in Brüssel. Trotzdem fehlt ihr manchmal die Schweiz, vor allem im Sommer: «Ich vermisse das viele Grün, die Seen und die Flüsse, in denen man baden kann.» Unweit des Rheinfalls im lauschigen Uhwiesen ZH aufgewachsen, gehörte das Baden und Planschen im Fluss früher zu ihrem Alltag. In Brüssel jedoch gibt es kein Freibad, und das einzige Wasser, das durch die Hauptstadt führt, ist der Schifffahrtskanal.

In der Millionenstadt reizt sie auch das Velofahren nicht, die Belgier scheinen ihrem Ruf als schlechte Autofahrer alle Ehre zu machen. «Der Verkehr ist chaotisch und viel zu gefährlich.»

Die Schweizer Politologin Bernadette 
Buess lebt seit fünf Jahren in Brüssel.
Die Schweizer Politologin Bernadette 
Buess lebt seit fünf Jahren in Brüssel.

Ausserhalb der Stadtregion Brüssel sieht alles anders aus: Man befindet sich in Flandern, einem Paradies für Radfahrer. Die gesamte Region, ein Drittel so gross wie die Schweiz, ist mit einem Fahrradwegnetz überzogen. «In Flandern ist es fast wie in Holland», sagt Bernadette. «Velofahren ist da gross in Mode.» Eine besonders beliebte Radfahrergegend ist die Provinz Limburg. Hier führen die Radwege durch unterschiedliche Landschaften: an Schifffahrtskanälen entlang, durch windschützende Alleen, an Feldern, Heiden und grasenden Kühen vorbei, durch den waldigen Nationalpark Hoge Kempen, der einzige des Landes, durch sandige Heiden übers Schwemmland der Maas. Es geht auch mal über kurvige Sträss­chen durch Wohnquartiere mit putzigen Gartendekorationen.

Im ebenen Flandern radeln auch Ungeübte locker

Das Schöne dabei: Man kann sich hier kaum verfahren. Die Radwege sind gut ausgeschildert, die Kreuzungen als Knotenpunkte durchnummeriert. Ohne Gegenwind schaffen es selbst Unsportliche weit, man schafft in gemütlichem Tempo an einem Morgen locker mehrere Dutzend Kilometer. Wer gern gümmelet, kann sich sogar auf legendäre Strecken der Profi-Radfahrer wagen. Im weiter westlich gelegenen Brügge liegt nämlich der Startpunkt der jährlichen Flandernrundfahrt, dem eintägigen Velorennen über gut 250 Kilometer.

Das herzige Brügge kennt man aber hauptsächlich wegen seiner tadellos erhaltenen mittelalterlichen Innenstadt. In der Hauptsaison drängeln sich Touristen massenweise in den Gassen. Das Geschäft brummt: Über 50 Chocolatiers buhlen um die Gunst der Besucher, in und um das Städtchen gibt es Sterne-Restaurants zuhauf, und auch die einzige innerhalb der alten Stadtmauern übriggebliebene Brauerei De Halve Maan (Der Halbmond) floriert. In dem 1856 gegründeten Bierhaus steht man Schlange, um im einstündigen Rundgang mehr über die Braukunst zu erfahren. Die Führung führt von den Whirlpools im Erdgeschoss bis hoch unter das Gebälk und auf das Dach des Gebäudes, und man erfährt, dass Bier früher als gesünder als Wasser galt – was insofern stimmt, als beim Erhitzen Krankheitskeime abgetötet werden; dass die Produktion von Fruchtbier ein Mittel war, um Früchte haltbar zu machen und dass die Bierbraukunst traditionell Frauenarbeit war. «In jeder Gemeinschaft – ob in Dorf, Quartier, Grossfamilie oder Kloster – wurde Bier gebraut», weiss die Reiseführerin.

In Brüssels Innenstadt laden die 
Galeries Royales zum Flanieren und die Confiseurs zum Gluschten ein.
In Brüssels Innenstadt laden die 
Galeries Royales zum Flanieren und die Confiseurs zum Gluschten ein.

Wer es lieber luftiger, grösser und authentischer hat, ist im benachbarten Gent gut aufgehoben. Von Touristen oft vernachlässigt – weil Brügge bekannter ist, Brüssel grösser, Antwerpen cooler –, hat Gent aber kulturell und kulinarisch viel zu bieten. Hier steht die älteste noch erhaltene Fleischhalle, in der Kirche St. Bavo kann man Van Eycks Altargemälde «Lamm Gottes» bewundern, und inmitten der Altstadt lädt der alte Hafen, einst Macht- und Handelszentrum der Stadt, zum Bummel ein. Die stolzen Gildehäuser bilden eine einzigartige Kulisse für gemütliche Abendstunden.

Modern ist die Stadt trotz ihrer Altertümlichkeit: In über 100 Lokalen gibt es den vegetarischen Donnerstag, Gent will sich als vegetarische Hauptstadt Europas etablieren. Idealer Abschluss des Abends ist ein Besuch im «T’Dreupelkot». In dieser Bar gibt es 200 Sorten Jenever, den typischen Schnaps Flanderns und ein Vorgänger von Gin. Patron Pol tischt nebst dem gängigen Korn Schnaps mit Schokolade, Zitrone, Erdbeere, Vanille, Chili und Grapefruit auf, die er in seiner eigenen Destillerie produziert. Wie in anderen Genter Lokalen gilt auch bei ihm: Die Bar schliesst erst, wenn der letzte Gast gegangen ist.

Pol serviert in seiner Bar T’Dreupelkot in Gent eine kleine Auswahl seiner 
200 Jenever.
Pol serviert in seiner Bar T’Dreupelkot in Gent eine kleine Auswahl seiner 
200 Jenever.

«Die Belgier sind lockerer, vieles läuft nicht so geordnet wie in der Schweiz», weiss Bernadette Buess. «Sie verplanen auch ihr Leben nicht – weil es nichts bringt», sagt sie. «Wer hätte beispielsweise je gedacht, dass ich in Brüssel lande?» Die Zürcherin hat viel von der belgischen Lebensart in sich aufgesogen, ihre schweizerische Ungeduld jedoch nicht verloren. «Es ärgert mich oft, wenn es nicht vorwärtsgeht – in der Beiz, beim Anstehen, im Verkehr, oder wenn ein Zug nicht kommt. Das nehmen die Belgier gelassen, immer.»

Als Ferienland ist Belgien aber super. Da hat man ja Zeit, etwas zu warten.

Die Recherchen wurden von Twerenbold unterstützt: www.twerenbold.ch/veloreisen

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Marc Latzel