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01. Juni 2015

Fitness im Bootcamp

Vita Parcours war gestern. Der moderne Freizeitsportler geht ins Bootcamp. Dort lässt er sich von der Gruppe mitreissen und vom Instruktor so richtig anbellen. Mit diesen Tipps können Sie tatsächlich vom militärischen Drill profitieren.

Militärischer Drill im Bootcamp
Militärischer Drill im Bootcamp (Bild: Keystone).

Nun rennen sie wieder durch die Stadtpärke und Strassen, hüpfen Bahnhofstreppen rauf und runter, stemmen sich an Parkbänken hoch und traben an den Ampeln auf der Stelle, bis wieder grün ist: die Bootcampteilnehmer. Einige nennen sich Booties, viele gehen bei jedem Wetter, nicht wenige schon im Morgengrauen, die ganz verwegenen jeden Tag. Ziel: den Schwangerschaftsspeck loswerden, in wenigen Wochen Marathon-fit sein oder auf den Sommer hin die Bikinifigur erlangen.

Bootcamps sind eine militärische Erfindung. To boot – einen Fusstritt geben – war ursprünglich für Rekrutenschüler oder straffällige Jugendliche in den USA gedacht. Was geblieben ist, ist der Drill und die energische Anleitung des Instruktors. Denen unterwerfen sich auch hierzulande immer mehr Menschen. Neben dem klassischen strengen Gruppentraininggibt es neuerdings auch sanftereEinsteigerangebote zu gnädigen Tageszeiten oder Outdoor-Trainingseinheiten für Mütter mit Babys und Kinderwagen.

Auch Heiko Roth (37), verantwortlich für Fitnessangebot und -marketing bei der Migros Aare, beobachtet den Trend. Die Bootcamps, welche die drei Fitnessparks und fünf der FlowerPower-Anlagen seiner Region seit April anbieten, sind gut besucht. «Die Leute staunen, was man alles zum Trainingsgerät machen kann», sagt er. «Spielplatzausstattung, Baumstämme, den eigenen Körper.»

Experteninterview: «Es ist wichtig, dass man die Übungen korrekt ausführt und auf seinen Körper hört»

Theresa Schwarz*, wenn ich meine Sit-ups und Klimmzüge morgens um sieben im Park mache anstatt abends zu Hause, bin ich dann ein Bootie?

Nicht ganz. Von der Definition her bietet ein Bootcamp ein Ganzkörpertraining mit intervallartigen Belastungsformen. Geschult werden Kraft, Kraftausdauer, Schnellkraft und Ausdauer. Man trainiert mit dem eigenen Körpergewicht, Kleingeräten oder dem, was eine Stadt zu bieten hat, und zwar von einem Instruktor angeleitet.

Wer geht ins Bootcamp? Menschen, die wirklich etwas Bewegung nötig haben, oder solche, die nur ihren tollen Body in der City präsentieren wollen?

In unserer Praxis führen wir vermehrt medizinische Abklärungen durch für Kunden, die sich für ein Bootcamp interessieren. Es sind die unterschiedlichsten Menschen, die sich einfach gern draussen bewegen, mit geringem zeitlichen, finanziellen und materiellen Aufwand.

Sind Bootcamps wirklich eine neuere Erfindung oder nur ein neuer Name für Joggen und Vita Parcours?

Den Begriff gibt es für einschlägige Fitnessangebote etwa seit fünf Jahren. Die Belastungsstruktur, also eine Kombination von Kraft- und Ausdauertraining, schon länger. Neu kommt das Ganze im Drill-Style daher.

Muss diese militärisch-strenge Anleitung unbedingt sein?

Die Idee ist schon, dass man gepusht und an seine Leistungsgrenzen gebracht wird. Der Instruktor kann die Teilnehmer so motivieren, und die Gruppe verstärkt diesen Effekt. Wenn der Sportler neben mir 15 Liegestütze schafft, spornt mich das vielleicht an, mir auch noch 1 oder 2 abzuringen.

Kann das nicht auch in Stress und Selbstüberschätzung ausarten?

Eine hohe Anzahl Wiederholungen, kombiniert mit einem gewissen Gruppendruck, birgt schon das Risiko von Überlastungsschäden. Darum ist es wichtig, dass man die Übungen korrekt ausführt und auf seinen Körper hört. Ein guter Instruktor zeigt die Übungen gut vor und überwacht die Ausführung. Und er kann den einzelnen Teilnehmer, die einzelne Teilnehmerin im Auge behalten.

Manchmal sieht man die Bootcamper auf der Stelle traben, an einer Ampel zum Beispiel. Gehört das wirklich zum Training, oder ist da auch ein bisschen Show dabei?

Das mag etwas seltsam wirken, aber zu einem Intervalltraining gehören gewisse Einheiten an Lauftraining. Wenn da dummerweise eine Strasse dazwischenkommt, läuft man eben auf der Stelle, um den Puls auf einem bestimmten Level zu halten.

Kann man mit diesem Training in wenigen Wochen Bikini- oder Marathon-fit werden, wie hie und da versprochen wird?

Wenige Wochen genügen nicht. Aber Bootcamps sind ziemlich effektiv, weil sie doch recht streng sind. Wer mehrmals pro Woche hingeht, kann in kurzer Zeit Kraft und Ausdauer steigern und die Figur verbessern.

Bootcamps finden oft in Städten statt. Wie gesund ist es, in abgasgeschwängerter Luft zu trainieren?

In der Schweiz ist das allemal gesünder, als zu Hause rumzuhocken. In gewissen Ländern dieser Erde, etwa in China, sieht das sicher anders aus.

Wie gehe ich vor, wenn ich ein Bootcamp ausprobieren möchte?

Wenn Sie Einsteigerin oder Wiedereinsteigerin sind, empfiehlt sich auf jeden Fall ein ärztlicher Check inklusive Belastungs-EKG. Wer regelmässig Sport treibt und gesund ist, braucht das nicht zwingend. Der muss nur noch aus dem wachsenden Angebot das passende Programm auswählen und dann: ausprobieren!

*Theresa Schwarz ist Sportwissenschaftlerin und Leistungsdiagnostikerin bei Medbase in Zürich.

Autor: Yvette Hettinger