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23. Juni 2014

Fit und jung um jeden Preis

An Essstörungen leiden nicht nur junge Mädchen, sondern auch Frauen wie die 45-jährige Ursula Christen*. Besonders in der Lebensmitte kann dies gravierende gesundheitliche Folgen haben.

Die Betroffenen hungern, um einem Ideal zu entsprechen, erreichen aber das Gegenteil: Sie altern noch schneller
Die Betroffenen hungern, um einem Ideal zu entsprechen, erreichen aber das Gegenteil: Sie altern noch schneller (Illustration: Getty Images).

Es gab Zeiten, da ging Ursula Christen (45) jeden Tag joggen, bei jedem Wetter. Ein gemütlicher Abend mit ihrem Mann auf dem Sofa – undenkbar. «Ich hätte mich dabei schlecht gefühlt», sagt Ursula Christen, die eigentlich anders heisst, aber nicht erkannt werden möchte, vor allem nicht von ihren Kolleginnen. Diese haben sie oft gefragt, ob sie nicht in die Mittagspause mitkommen möchte. Aber die Laborantin hatte immer eine andere Ausrede: mit der Katze zum Tierarzt, für die Mutter Besorgungen machen, einen Brief zur Post bringen. Gegessen hat sie anschliessend einen kleinen Salat ohne Dressing. Das musste reichen, für den ganzen Tag. Erbrochen habe sie nie, sagt sie. Nur einfach sehr wenig gegessen. Damals war sie 40 Jahre alt, hatte Kleidergrösse 32 und wog 43 Kilo. Heute, fünf Jahre später, ist sie in Therapie.

3,5 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz leiden an Essstörungen. 5,3 Prozent der Frauen und 1,5 Prozent der Männer, das geht aus einer Studie des Universitätsspitals Zürich hervor. Immer öfter registrieren Mediziner und Psychotherapeuten Essstörungen bei Patientinnen in der Lebensmitte.

Bettina Isenschmid (51), Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Chefärztin des Kompetenzzentrums Essverhalten, Adipositas und Metabolismus am Spital Zofingen AG
Bettina Isenschmid (51), Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Chefärztin des Kompetenzzentrums Essverhalten, Adipositas und Metabolismus am Spital Zofingen AG

«Das Krankheitsbild bei jungen und älteren Frauen ist ähnlich», sagt Bettina Isenschmid (51), Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Chefärztin des Kompetenzzentrums Essverhalten, Adipositas und Metabolismus am Spital Zofingen AG. Rund ein Fünftel ihrer Patientinnen ist über 40. «Allerdings steht bei ihnen neben den klassischen Störungen wie Anorexie und Bulimie vor allem zwanghaft kontrolliertes Essverhalten und zwanghaftes Sporttreiben im Vordergrund.»

Studien belegen, dass die meisten Betroffenen zwischen 11 und 25 Jahren erstmals an einer Essstörung erkranken. Nach dem 30. Lebensjahr gibt es weniger Neuerkrankungen. Auch Bettina Isenschmids Patientinnen haben zumeist eine längere Vorgeschichte. Bei Ursula Christen fing es mit 17 an. Ihr Hobby war Kunstturnen, da waren die Mädchen leicht und grazil. Sie wollte das auch sein und ass nur noch kleine Portionen, am liebsten Salat, Gemüse, fettarme Joghurts. Mitte 20 waren Diäten dann kein Thema mehr. Sie hatte geheiratet, der Job machte Spass. Das waren glückliche Jahre. Und vielleicht wäre es so weitergegangen, wäre ihr nicht ihr grösster Wunsch verwehrt geblieben: ein Kind. «Ich bin einfach nicht schwanger geworden», sagt sie.

Ursula Christen ist Ende 30, als ihre jüngere Schwester Mutter wird. «Das war schwer für mich.» Auf einmal war da dieser Gedanke: «Die Jahre vergehen, einfach so, und bald bist du 40 und wirst immer älter.»

Dass die Krankheit in den 20ern und 30ern in den Hintergrund tritt und dann plötzlich in der Lebensmitte wieder ausbricht, ist Experten zufolge kein untypischer Verlauf. Ursache sind oftmals die Wechseljahre. «Das Klimakterium stellt ebenso
eine Umbruchsituation im Leben dar wie die Pubertät, welche die Essstörung ausgelöst hat», sagt Bettina Isenschmid. Das heisst, Frauen, die mit ihrem Essverhalten bisher gut zurechtkamen, können durch die Veränderungen in der Menopause so stark verunsichert werden, dass Essstörungen neu entstehen oder wieder aufflammen, wenn sie bereits in jungen Jahren bestanden haben. Der veränderte Hormonspiegel kann zu einigen unangenehmen Begleiterscheinungen wie Hitzewallungen, Schwindel, Libidoverlust führen, nicht selten auch zu affektiven Störungen wie Depressionen und Schlafstörungen.

Das Spiegelbild kollidiert mit dem verbreiteten Jugendwahn

«Ausserdem hat der ‹Hormon-Rutsch› auch Einfluss auf das Äussere. Der Bauchumfang nimmt zu, die Taille ab», sagt Bettina Isenschmid. Das Spiegelbild kollidiert mit der Vorstellung von der stets attraktiven, erfolgreichen 50-Jährigen. Und plötzlich fangen Frauen an, ihr Essverhalten extrem zu kontrollieren, exzessiv Sport zu treiben. Ihr Ziel: weiterhin fit und attraktiv zu bleiben, um jeden Preis.

Laut der Chefärztin tritt aber genau der gegenteilige Effekt ein: Osteoporose – aufgrund des natürlichen Alterungsprozesses ohnehin oft ein Problem – kann durch eine jahrelange Mangelernährung verschlimmert werden, durch das fehlende Unterhautfett sieht die Haut schneller fahl und alt aus, und der durch Fehlernährung bestehende Mangel an Eiweiss, Vitaminen und Spurenelementen führt zu vermehrtem Haarausfall. Bettina Isenschmid: «Das ist für diese Frauen dann eine grosse Enttäuschung.» Und mehr noch: Gerade im fortgeschrittenen Alter können sich Essstörungen gravierend auf die Gesundheit auswirken, warnen Experten.

Je älter die Patientin, desto ernsthafter die Probleme: Osteoporose, Herzprobleme, Nieren- und Zahnschädigungen, die Liste an Begleiterkrankungen ist lang. Das Fatale: Geht eine Betroffene wegen einer solchen Folgeerkrankung zum Arzt, wird häufig auch nur diese behandelt. «Die eigentliche Ursache wird von vielen Ärzten übersehen, da eine Essstörung bei älteren Menschen einfach nicht erwartet wird. Hier besteht ein grosser Aufklärungsbedarf», warnt Bettina Isenschmid. «So sind auch viele ältere Frauen überrascht, dass sie in unsere Sprechstunde kommen dürfen. Sie denken, ein solches Angebot ist jungen Frauen vorbehalten.»

So wie Ursula Christen. Jahrelang hatte ihr Lebensstil keine negativen Auswirkungen auf ihre Gesundheit. «Im Gegenteil, je weniger ich gegessen habe, desto mehr Energie hatte ich», erinnert sie sich. Dann fingen die Kreislaufprobleme an. «Eines Tages bin ich dann ohnmächtig geworden und habe richtig Angst bekommen.» Ihr Hausarzt überweist sie ins Kompetenzzentrum für Essverhalten, Adipositas und Metabolismus, Zofingen. Seither ist sie in Behandlung. Mit Erfolg. Sie fühlt sich heute besser, sagt sie. Ihr Ziel: 50 Kilo wiegen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg.

* Name von der Redaktion geändert.

Autor: Evelin Hartmann