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01. Juli 2013

Anaïs Emery: Zeremonienmeisterin des fantastischen Films

Diese Woche erobern wieder Vampire, Ausserirdische und andere merkwürdige Wesen die Stadt Neuenburg. Was am Filmfestival Nifff genau läuft, bestimmt die umtriebige künstlerische Direktorin.

Anaïs Emery in einem leeren Kinosaal
Anaïs Emery schaut sich pro Jahr rund 400 Filme an. Die meisten 
zu Hause und nicht im Kino Arcades, dem Hauptsaal des Nifff.

Mit «Gremlins» hat alles angefangen: «Ich war acht oder neun Jahre alt und habe stundenlang ferngesehen», erinnert sich Anaïs Emery. «Da war auch einiges dabei, das ich eigentlich noch gar nicht hätte schauen dürfen.» Der weihnächtliche Gruselspass von Joe Dante war Emerys allererster fantastischer Film; heute ist sie 35 und liebt das Genre noch immer. Und anders als die meisten Fantasy-Fans hat sie einen Job, der es ihr erlaubt, sich fast pausenlos damit zu beschäftigen: Als künstlerische Direktorin des Neuchâtel International Fantastic Film Festival (Nifff) sieht sie rund 400 Filme pro Jahr, um eine Auswahl für das Festival zu treffen. Neben den Kinofilmen gibt es weitere Attraktionen wie Performances, Lesungen, Partys oder Workshops.

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Emery ist seit den Anfängen dabei: Sie hat das Festival im Jahr 2000 mit vier anderen filmbegeisterten Romands gegründet. «Wir waren frustriert, dass unser Lieblingsgenre in der Schweiz so stiefmütterlich behandelt wird. Für fast alles gab es ein Festival, nur für den fantastischen Film nicht.» Die fünf Freunde hatten keine Erfahrung im Organisieren eines Grossevents, dafür eine umso stärker brennende Leidenschaft. «Und wir hatten Glück: Es gelang uns, mit Tobe Hooper und Amanda Plummer zwei Grössen der Szene für die erste Ausgabe zu gewinnen. Das bescherte uns ein entsprechend grosses Medienecho.»

Dank gutem Renommée kommen prominente Gäste

Am ersten Festival wurden 25 Filme gezeigt. Es kamen 3000 Zuschauer — ein voller Erfolg. Der Kater kam danach: «Wir hatten viel zu viel Geld ausgegeben und mussten monatelang Schulden abstottern.» Damit war das Quintett so lange beschäftigt, dass es 2001 auf ein Festival verzichtete. Seit 2002 aber gibt es das Nifff jedes Jahr, und es ist stetig gewachsen und musste sich dabei zwangsläufig auch professionalisieren. Von den ursprünglichen Gründern ist neben Anaïs Emery, die seit 2006 den Titel künstlerische Direktorin trägt, noch einer aktiv. 2012 hat das Festival mit rund 200 Helfern 29'000 Tickets verkauft und über 100 Filme gezeigt.

Wir dürfen die jüngere Generation für das Kino nicht verlieren.

«Das Nifff gehört heute zu den international bekannten Festivals des fantastischen Films, wir haben ein Renommée, dank dem wir auch an gute Filme und prominente Gäste herankommen», erklärt Emery. Dieses Jahr gibt sich unter anderem der Science-Fiction-Autor Orson Scott Card die Ehre, dessen Roman «Ender’s Game» gerade mit Harrison Ford verfilmt worden ist (bei uns ab 31. Oktober im Kino). Für nächstes Jahr hat das Nifff bereits die Zusage von George R. R. Martin, dem 64-jährigen US-Autor der «Game of Thrones»- Bücher, der dank der TV-Serie einen Superstarstatus in der Fantasy-Szene geniesst. «Wir haben ihn drei Jahre lang immer wieder eingeladen», erzählt Emery, «für 2014 hat es nun geklappt. Das dürfte eine grosse Sache werden.»

Emery hat einen sehr breiten Begriff vom fantastischen Film. Sie präsentiert am Nifff das ganze Spektrum von Arthouse bis Mainstream, von gewalttätigem Horror bis zu japanischen Animationsfilmen für die Kleinen. Ein Herz für Kinder hat sie nur schon, weil sie selbst Mutter einer siebenjährigen Tochter und eines dreijährigen Sohns ist. Die dürfen aber natürlich nur harmlose Streifen schauen. «Und kein Fernsehen!», betont Anaïs Emery. «Bei uns gibt es nur Filme.» Wobei sie durchaus der Ansicht ist, dass Kinder auch härtere Sachen sehen können, solange ihre Eltern dabei sind und mit ihnen das Gesehene besprechen. Etwas, das mit ihr damals allerdings niemand gemacht hat.

Einige Jahre nach den «Gremlins» hat sie die blutigen Filme der US-Regisseure Sam Raimi («Evil Dead») und John Carpenter («Halloween») kennen- und lieben gelernt. «Horrorfilme machen Spass!», findet Emery noch heute. Später entdeckte sie ihre Leidenschaft für das neue asiatische Kino, das damals in Europa noch kaum bekannt war.

Die Filme setzen sich mit Träumen und Ängsten auseinander

«Der fantastische Film steht nicht nur immer an der Spitze von dem, was technisch im Kino möglich ist, er setzt sich auch mit den Träumen, Problemen und Ängsten einer Gesellschaft auseinander, das macht ihn so spannend und wichtig», sagt Emery. Derzeit etwa seien Endzeitfilme extrem en vogue, Geschichten also, in denen eine Handvoll Überlebender nach einer grossen Katastrophe versucht, gegen Zombies, Ausserirdische oder Naturgewalten zu bestehen. «Das sagt eine Menge aus über unsere Zeit. Wir befinden uns in einem grossen Umbruch, es herrscht das Gefühl, dass wir am Ende einer Ära stehen.»

Anaïs Emery bezeichnet sich als eher introvertiert. «Bei meinem ersten Auftritt vor Publikum am Nifff bin ich fast gestorben», sagt sie. Mittlerweile habe sich das jedoch deutlich gebessert. Und als junge Frau hat sie sich nicht nur Learning by Doing erarbeitet, wie man ein Filmfestival erfolgreich managt, sie hat auch an der Universität Film, Kunst und Soziologie studiert. Heute sitzt sie in Gremien wie der Filmkommission der Romandie, berät andere Festivals und unterstützt Catapooolt, eine indische Crowdfunding-Plattform für Filme, Musik und Kunst. Ihre Hauptbeschäftigung ist jedoch das Nifff, das über die öffentliche Hand und private Sponsoren finanziert wird. «Uns ist wichtig, die Ticketpreise tief zu halten, damit sich auch ein junges Publikum die Filme leisten kann. Wir dürfen die jüngere Generation für das Kino nicht verlieren, sie hat heute so viele andere Möglichkeiten, Filme zu schauen.» Beim Nifff sitzen intellektuelle Kulturfreunde und junge Horrorfans mit Tätowierungen und Piercings friedlich nebeneinander.

Frauen in so hoher Position sind bei Filmfestivals übrigens eher selten. «Zu selten», findet Emery. Auch für sie ist es immer wieder ein Balanceakt, ihre Kinder und ihre Arbeit unter einen Hut zu bringen. «Mein Ex-Mann und ich teilen uns das Sorgerecht, aber während des Festivals sind sie ganz bei ihm oder bei unseren Familien.» Diese neun Tage seien einfach zu hektisch. «Wenn man einen solchen Job und Kinder haben will, braucht man starke familiäre Unterstützung, anders geht es nicht», sagt Emery. Natürlich helfe es, sein eigener Chef zu sein. «Ich kann mir die Zeit nehmen, sie zur Schule zu bringen und mit ihnen zu essen. Dafür arbeite ich viel in der Nacht.» Ihr Sohn allerdings beklagt sich gelegentlich. «Er mag Serien wie ‹Scoobie Doo› und findet es äusserst unfair, dass er in den Kindergarten muss, während ich mich scheinbar mit lustigen TV-Serien vergnügen darf.»

Nach dem Festival gönnt sie sich und ihren Kindern jeweils ein paar Wochen Sommerferien. Dort findet sie auch Zeit für ihre anderen Leidenschaften: Lesen, für Freunde Kochen, Essen. Kaum aber sind die Ferien vorbei, beginnen bereits die Vorbereitungen für das nächste Nifff.

Nifff: 5. bis 13. Juli in Neuenburg; www.nifff.ch