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16. Februar 2015

Sex im Graubereich

Der Roman «Fifty Shades of Grey» verkaufte sich besser als «Harry Potter». Was halten Bücherleser von der Filmfassung der SM-Romanze? Wir waren mit drei Fans im Kino. Am Schluss noch eine Kostprobe des Romans aus dem Hörbuch.

Szenenbild «Fifty Shades of Grey»
Anastasia Steele erfährt gerade, was Christian Grey wirklich mag (alle Bilder: Universal Pictures).

Schlägt er sie so richtig hart? Flüstert sie wieder dauernd lustvoll «Bitte!»? Sind die Sadomasoszenen (SM) detailliert zu sehen? Selten ist eine Romanverfilmung mit so vielen Fragen und so viel Spannung erwartet worden wie «Fifty Shades of Grey». Ganze 70 Millionen Mal ist das Buch bisher über den Ladentisch gegangen. Seit ein paar Tagen strömen seine Leserinnen (und Leser!) in die Kinos, um zu sehen, wie der schwerreiche Unternehmer und SM-Fan Christian Grey und die naive Studentin Anastasia Steele zusammenfinden und ihre pikanten Sexspiele praktizieren. Die jedoch kommen leider zu kurz, finden einige.

Tijana Nikolic
Tijana Nikolic

«Etwas gar romantisch» sei der Film insgesamt, sagt Tijana Nikolic (28) und rümpft die Nase. Die Journalistin und Verkäuferin aus Solothurn kennt sich in der SM-Szene privat gut aus und hat die Story aus Neugier gelesen. Sie fand es spannend, dass sich ein Buch mit dem Thema befasste. Allerdings sagt sie: «Anastasia Steele lässt sich nur aus Verliebtheit auf die Spiele von Christian Grey ein.» Das sei ungesund und nicht die Regel. «In der Realität wollen es beide Partner gleichermassen.» Das deckt sich mit der Ansicht eines versierten «Dom», der Fessel- und SM-Spiele seit über 25 Jahren praktiziert Immerhin, so räumen beide Szenenkenner ein, habe das Buch einen Tabubereich etwas ­salonfähiger gemacht: «Es hat das Thema an die Öffentlichkeit gebracht. Plötzlich konnte man mit Kollegen darüber sprechen.» Sogar ihre Mutter habe das Buch gelesen, sagt Nikolic, und anschliessend mit der Tochter ein bisschen gefachsimpelt.

Diese Art von Gesprächen und diverse Artikel haben auch Marcel Gerber (59) auf die Geschichte aufmerksam gemacht. «Man hat natürlich schon vorher etwas über Fesselspiele und Auspeitschen gehört», sagt er, «aber so explizit wie im Buch hatte ich das noch nie gelesen.» Der Typograf aus Urdorf ZH findet den Aufbau des Films gut, bedauert aber, dass die Sexszenen nicht detailgetreu umgesetzt sind: «Jedes Mal, wenn ein wenig Spannung aufkommen könnte, folgt ein Schnitt.» Anders als Tijana Nikolic hat ihm jedoch gefallen, dass der Film romantischer ist als das Buch.

Marcel Gerber
Marcel Gerber

Nach der Lektüre von zwei der drei Bände hatte Gerber denn auch vorerst genug – vor allem auch genug Gesprächsstoff: «Meine Frau und die beiden erwachsenen Töchter haben die Romane ebenfalls gelesen, und wir haben uns angeregt darüber unterhalten.» Augen verbinden, Eiswürfel auf die Haut geben, Spiegelei auf dem Bauch braten – das kennt er schon. Jetzt könnte er sich vorstellen, das eine oder andere neu gesehene auszuprobieren; allerdings nichts, das mit Peitschen oder Schmerzen zu tun hat. «Die brutale, dominierende Seite von Christian ist nicht so meins», sagt Gerber.

Auch Yvonne Simonet (50) aus Laupen ZH ist seit «Fifty Shades of Grey» offen für Neues: «Im Film war nichts, das ich nicht ausprobieren würde», sagt sie. Die vierfache Mutter war aber schon immer experimentierfreudig und bezeichnet sich als sexuell offen.

So schnell kann sie also nichts schockieren – ausser vielleicht sie selbst: «Mein Interesse für das Buch hat mich schon überrascht», sagt sie lachend. Für sie hat sich mit der Lektüre eine neue Welt erschlossen, doch sie glaubt: «Es gibt schon viele Menschen, die SM in einer zarten Variante ausleben.» In den softeren Filmszenen mit Anastasia kann sich Simonet sogar wiedererkennen. Und ihr gefällt der mal zärtliche, mal dominante Christian im Film ausgesprochen gut.

Es fliessen zwar schon Körpersäfte, aber meist sind das nur Tränen

Tatsächlich ist nicht nur der hartgesottene Unternehmer im Film romantischer und unsicherer als im Buch. Der ganze Streifen ist eine weichgespülte Version des Romans. Die Peitsche streichelt mehr als sie schlägt, es wird viel geküsst und sinniert. Körpersäfte, die fliessen, sind in erster Linie Tränen, dies dafür literweise. Alle drei Bücherleser räumen jedoch ein: Am Romanzenelement der Geschichte liegt es vermutlich, dass das Buch eine so enorme Leserschaft gefunden hat – besonders unter den Frauen. Immerhin: Marcel Gerber kennt auch einige Männer, die es gelesen haben.

Egal, wie der Film bei den Romanfans ankommt, klar ist jetzt schon: Teil zwei und drei werden ebenfalls verfilmt. Allein der Schlusssatz aus dem Mund von Christian Grey schreit nach einer Fortsetzung: «I’m fifty shades of fucked up» – auf Deutsch in etwa: «Ich bin fünfzigfach kaputt.» Diese Aussage ist für Szenekennerin Tijana Nikolic ein einziges Ärgernis, denn darin schwingt mit: Christian Grey liebt Sadomasospiele nur, weil er psychisch krank ist. Die SM-Szene werde damit am Ende eben doch wieder in die Ecke des Abnormalen gestellt, sagt Nikolic.

Yvonne Simonet
Yvonne Simonet

Auch Marcel Gerber findet das schade, nachdem doch in seinem Umfeld plötzlich alle ungeniert darüber zu diskutieren begonnen haben: «Man ist ja richtig ausgeschlossen, wenn man das Buch nicht gelesen hat.» Ob er sich die Filmfortsetzungen anschauen wird, weiss Gerber indes ebenso wenig wie Simonet und Nikolic.

Alle drei werden sich jedoch den ersten Teil noch einmal anschauen: Gerber mit seiner Frau, Nikolic mit ihrer Mutter und Yvonne Simonet mit einem «sehr guten» Freund. «Ich werde ihn beobachten und versuchen heraus­zufinden, wie er zum Thema steht», sagt sie mit einem erwartungsfrohen Lächeln.

Autor:Yvette Hettinger