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25. Juni 2012

Fieberschübe am Palmenstrand

Viele Menschen erkranken gleich am ersten Tag ihrer Ferien. Meist sind es nur Wehwehchen, doch im schlimmsten Fall droht ein Herzinfarkt. Der Grund: zu viel Stress vor und während der Reise.

Wer aus den 
Ferien lieber fröhliche Grüsse als eine Krankmeldung verschickt, sollte die freien Tage ruhig angehen. (Illustration: Cristian Lindemann/Lindedesign)

Sonne, Strand, Palmen — so stellt man sich erholsame Ferien vor. Doch kaum am Ziel der Träume angekommen, die Taschen stehen noch unausgepackt in der Ecke, fühlt man sich plötzlich schlapp, es kratzt im Hals. Und ab ins Bett, gleich am ersten Ferientag! Meist handelt es sich um harmlose Erkrankungen, wie etwa einen grippalen Infekt oder eine Magen-Darm-Unpässlichkeit. Doch für Menschen mit Herzproblemen birgt gerade der Ferienbeginn eine tödliche Gefahr: Herzinsuffizienzen sind der Hauptgrund für Todesfälle während der Ferien, besagt eine Studie der Universität Tilburg in den Niederlanden. Der Grossteil der Infarkte passiert schon am ersten oder zweiten Tag.

Thierry Carrel ist Herzchirurg am Berner Inselspital. (Bild: zVg.)
Thierry Carrel ist Herzchirurg am Berner Inselspital. (Bild: zVg.)

Wie viele Menschen von diesem Phänomen betroffen sind, darüber gibt es kein exaktes Zahlenmaterial. «Der Zusammenhang ist schwierig zu beweisen», sagt Herzchirurg Thierry Carrel vom Berner Inselspital. Das erhöhte Krankheitsrisiko zu Beginn der Ferien sei aber medizinisch erklärbar: «Reisen bedeutet meist Hektik. Vor Ferienbeginn werden die letzten Arbeiten abgeschlossen. Der Stress stimuliert auch das Immunsystem. Lässt diese Anspannung plötzlich nach, klappt unter Umständen das Immunsystem zusammen.»

Herzschwäche ist der Hauptgrund für Todesfälle während der Ferien.

Carrel spricht eine typische gesellschaftliche Entwicklung an. Vor 30 Jahren noch waren Ferien gleichbedeutend mit Faulenzen, am liebsten gemütlich im eigenen oder im Nachbarland. Doch im Zeitalter des Massentourismus fordert sich der Reisende auch bei der Erholung ein hohes Tempo ab. Der Trip in immer weitere Ferne wird zur nervlichen und körperlichen Strapaze. Das fängt schon vor dem Start an: Auf den letzten Drücker Schreibtisch aufräumen, Post abbestellen, Badegarderobe kaufen, nachts schnell noch die Koffer packen. Und nur Stunden später im Ellenbogenkampf mit Hunderten von Passagieren am Flughafen oder eingeklemmt im Stau auf der Autobahn.

Im Auto und im Zelt erleidet man eher einen Herzinfarkt

«Am Ziel sind diese Leute völlig erschossen», weiss Manfred Schedlowski, Professor am Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie des Universitätsklinikums in Essen. Mit seinen Mitarbeitern untersucht er die Wirkung von Stress auf die körpereigene Abwehr. Unter Hochspannung schütte der Organismus Stresshormone aus — Adrenalin, Noradrenalin oder Cortisol. Diese Wachmacher wirken wie ein Turbo, der die Energiereserven mobilisiert, und übernehmen nebenbei auch die Feinsteuerung des Immunsystems. Tritt nun abrupt eine Ruhephase ein, «gerät das komplexe System durcheinander», so Schedlowski. Viren oder Bakterien haben leichtes Spiel. Für eine Erkältung genügt der kalte Luftzug einer Flugzeugklimaanlage.

Kritisch wird es, wenn der Reisende schon vor Antritt der Reise Probleme mit dem Herzen hatte. «Stresshormone bewirken auch eine Verengung der Blutgefässe und erhöhen den Blutdruck», so Carrel. Tückisch für Menschen mit bekannten Risikofaktoren wie Übergewicht, Kreislaufproblemen, Diabetes, Arterienverengung, hohem Blutdruck sowie hohem Nikotin- und Alkoholkonsum oder erblicher Vorbelastung. «Patienten mit bereits bestehenden Gefässverengungen kann die Ferienhetze akut gefährden — durch Infarkte, venöse Thrombosen oder Lungenembolien», sagt Herzspezialist Carrel. Erschwerend komme hinzu, «dass die Menschen während der Anreise und der ersten Ferientage zu wenig trinken — auch in warmen Zonen, wo der Körper viel Schweiss absondert». Flüssigkeitsmangel bewirke «eine gewisse Verdickung der Blutflüssigkeit, die Blutzellen können dann sozusagen anfangen zu kleben».

Auch auf emotionalen Stress reagieren Menschen mit Herzproblemen sensibler. Die niederländische Studie belegt, dass sogar die Art der Anreise und der Unterkunft eine Rolle spielt. So erlitten Autofahrer öfter einen Herzinfarkt als Reisende in einem Transportmittel, in dem sie sich bequem zurücklehnen konnten. Urlauber, die im Zelt nächtigten, waren eher gefährdet als solche, die ein komfortables Hotel gewählt hatten.

Und dabei sind die Ratschläge der Experten unisono so simpel — und so einfach zu befolgen: Weniger ist mehr! «Nicht von 150 Prozent auf null runtergehen. Sich langsam in die Ferien einschleichen», rät Herzspezialist Carrel. Und Psychologe Schedlowski empfiehlt die alte Ferienregel: Erste Woche akklimatisieren, zweite stabilisieren, und in der dritten Woche tritt dann der Erholungseffekt ein.

Autor: Christiane Binder