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12. September 2016

Notfallübung

Weggli- und Mutschli-Auslage
Hier naht Rettung: Weggli- und Mutschli-Auslage der Migros ... (Bild zVg)

«Ich freu mich, freu mich, freu mich so», quietschte meine Sechsjährige und hüpfte wie ein Gummiball auf und ab. Ich gähnte: «Guten Morgen, mein Spatz, warum freust du dich so?» – «Na weil ich doch heute im Chindsgi meinen Geburi nachfeiere ...»

Ich schwöre, ich war noch nie so schnell wach wie in diesem Moment. Normalerweise backen die Mamis ihren Kindern nämlich eigens für diesen Anlass eine mehrstöckige Torte, dekoriert mit Rollfondant, Marzipanblüten und einem Dreizeiler aus Zuckerguss darauf. (Die Übertreibung ist an dieser Stelle ein erlaubtes Stilmittel, um den Kontrast herauszuarbeiten zu dem, was nun kommt.)
Ich hatte diesbezüglich versagt, hatte – jetzt kommts – den Termin vergessen. Nix Superkuchen, nix Supermutterzertifikat. Ich hätte heulen können. Zugegebenermassen dachte ich auch kurz über die Option Nervenzusammenbruch nach. Aber da Herr Leinenbach geschäftlich in den USA weilte, meine Mutter Lichtjahre entfernt wohnt und ich bald 40 werde, verwarf ich den Gedanken.

Willkommen im Survivalmodus. Ich rannte aus dem Schlafzimmer in die Küche, riss alle Türen und Schränke auf. Ida, das gute Kind, erkannte meine Not und machte Vorschläge: «Wir könnten doch Fruchtspiessli machen.» Mein Blick ging zur Früchteschale, wo zwei Birnen vor sich hin schrumpelten ... «Kannst du nicht noch schnell etwas backen?», schlug Eva vor. Beim Eierzählen verwarfen wir auch diesen Plan. Während ich wie ein Huhn durch die Gegend flatterte, packte sich Ida selbständig einen Znüni ein. Eva zog sich an und kämmte aus freien Stücken ihre Haare. Endlich hatte ich eine Eingebung: «Kommt, wir laufen geschwind in die Migros, die macht jetzt gerade auf.» Brötli und Schoggistängeli – das war der Plan. Doch was, wenn es so früh am Morgen nur vier oder fünf Brötli für die 20 Kinder gab? Eva ging die Alternativen durch: Toastbrotscheiben mit Schoggistängeli, Marzipanrüebli mit Schoggistängeli, Tomaten mit Schoggistängeli.

Wenige Augenblicke später standen wir vor dem noch verschlossenen Supermarkt. Lieber Schutzpatron der Mütter, wenn es dich gibt, dann wäre jetzt ein guter Moment, dich zu engagieren! Die Glastür öffnete sich. Wir stürmten an den Blumen und an den Früchten vorbei, schauten nicht links und nicht rechts. Endlich, die Backwarenabteilung. Weggli, wo seid ihr? Eva entdeckte sie zuerst. Sie jauchzte vor Vergnügen: «Guck, Mami, da liegen mindestens tausend!» Mir fiel ein Riesenstein vom Herzen. Heute würde niemand im Kindergarten Schoggitomaten essen müssen. Kennen Sie das? Sobald die Anspannung weicht, ist plötzlich wieder Platz im Hirn. Das war der Moment, in dem ich bemerkte, dass ich ohne BH aus dem Haus gegangen war.

Autor: Bettina Leinenbach