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06. Februar 2012

«Feuer ist ein Symbol für Macht»

Fünf Fragen an Hans-Werner Reinfried (62), Rechtspsychologe mit Praxis in Uster ZH. Er therapierte schon Brandstifter, die Feuerwehrleute waren.

Hans-Werner Reinfried
Hans-Werner Reinfried (62), Rechtspsychologe mit Praxis in Uster ZH. (Bild: zVg.)

1. Hans-Werner Reinfried, Feuerwehrleute gelten als mutige Helfer, aber nicht als Täter. Im Zürcherischen Elgg hat ein Brandstifter mehrere Feuer gelegt, der selbst Feuerwehrmann war. Wie erklären Sie das?

Die meisten Brandstifter sind keine Feuerwehrleute. In seltenen Fällen finden sich bei der Feuerwehr jedoch Männer, mit gestörtem Beziehungs- und Kontaktverhalten. Sie suchen Anschluss, um Kameradschaft und Abenteuer zu erleben. Dabei möchten sie sich bei den Kollegen durch heldenhaftes oder geschicktes Vorgehen bei der Brandlöschung auszeichnen — und sorgen dafür, dass es zu häufigeren Einsätzen kommt.

2. Sind Brandstifter naive kleine Buben mit Freude am Zeuseln geblieben, oder sind es Kriminelle, die sich ihrer kriminellen Handlung durchaus bewusst sind?

Brandstifter unterscheiden sich wesentlich untereinander. Die Minderintelligenten freuen sich am Schrecken der Bevölkerung. Allen Brandstiftern gemeinsam ist, dass sie Gefühle nicht ausdrücken können, kaum Aggressionen zeigen, schüchtern und still sind. Daher fühlen sie sich in einem organisierten Verein geborgen. Ihre Taten sind klar kriminell, aber ihre Motive entspringen einer schweren Persönlichkeitsstörung.

3. Bei den über zwei Dutzend in Elgg gelegten Bränden gab es nur eine verletzte Person. Ist das typisch für Serienbrandstifter?

Die meisten Brandstifter vermeiden die Schädigung von Mensch und Tier. Nicht immer gelingt es ihnen aber, die Gefahren richtig einzuschätzen, und die Brände geraten ausser Kontrolle. Bei einigen Brandstiftern findet sich aber auch eine gefährliche Rücksichtslosigkeit, die den Tod eines Menschen in Kauf nimmt.

4. Weshalb löst das Phänomen Feuer bei Tätern eine so grosse Faszination aus?

Feuer ist besonders eindrücklich und gewaltig. Es imponiert durch seine Gefährlichkeit, und wer über das Feuer verfügt, hat Macht. Das kann für Menschen, die ihre Gefühle nicht ausdrücken können, reizvoll sein.

5. Der Elgger Brandstifter legte innerhalb eines Jahres 26 Brände. Wie ist es möglich, so lange unentdeckt zu bleiben?

Artikel über den Fall Elgg im Tages-Anzeiger
Artikel über den Fall Elgg im Tages-Anzeiger

Brandstifter sind oft Einzelgänger, schüchterne, stille Mitmenschen, die nicht auffallen. Sie gehen vorsichtig ans Werk, beobachten lange vorher die Orte, an denen sie Feuer legen möchten.

Zum Fall in Elgg: Der ganze «Tages-Anzeiger»-Artikel vom 26. Januar 2012.

Autor: Thomas Vogel