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22. August 2016

Ferner fielen...

Kinder am Eisessen
In Isola del Liri gibts das beste Gelato der Welt – ganz sicher!

Der Name verheisst Lieblichkeit: Isola del Liri. Aber man muss dort schon geschäftlich zu tun haben oder eingeladen worden sein; als Tourist würde man kaum hingelangen. Das Städtchen im Hinterland von Rom steht in keinem Reiseführer. Zu klein, zu abgelegen, zu unbedeutend. Vor allem Industriebrachen gibt es zu sehen, stillgelegte Betriebe prägen das Bild: Mit Stickereien und der Herstellung von Wolle und Papier erlebte Isola del Liri seine Blüte im vorletzten Jahrhundert – dank der Wasserkraft des Flusses Liri, der dem Ort den Namen gibt. Längst jedoch ist die Produktion ins Ausland verlegt
worden, längst stehen die Maschinen still.

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51)

Doch für meine neuen Freunde, die ich
am Abend zuvor kennengelernt habe, ist Isola del Liri eine Perle.
Unbedingt wollen sie mir «den grössten Wasserfall Italiens» zeigen, die Sehenswürdigkeit schlechthin. «83 Meter hoch, mindestens!» Und dann muss ich «das beste Gelato der Welt» probieren, unbedingt! Dabei ist mein Magen schon so voll von der «besten Lasagna der Welt» und den weltbesten Biskuits, die man – örtlicher Brauch – vor dem Verzehr im Wein tunkt. Schon Cicero, der aus der Gegend stammte, habe das Gebäck beschrieben. Bösartig wäre es zu behaupten, man müsse die Biskuits deshalb tunken, weil sie sonst nicht sonderlich gut schmecken. Jedenfalls bin ich fast froh, dass ich alles mit dem – Sie ahnen es! – «besten Kräuterlikör der Welt» runterspülen kann.

Und ich hatte gemeint, es sei eine Krankheit meiner Heimatstadt Bern, dass sie sich ständig rühme, die allerschönste Stadt der Welt zu sein, und ihr «Marzili» als die schönste Badeanstalt weltweit preise (was nur ernsthaft behaupten kann, wer noch nie im Strandbad Thun war). Aber nein, offenbar neigt selbst das letzte Kaff zur Überhöhung der eigenen Besonderheit. Was ja fast schon rührend ist. Aber unzutreffend.

Die «Cascata» jedenfalls, der Wasserfall beim Castello Viscogliosi-Boncompagni, ist 27 Meter hoch, erfahre ich anderntags auf Wikipedia, nicht 83 Meter wie schwadroniert. Und wenn ich «Cascate» und «Italia» eingebe, finden sich hundert Wasserfälle ganz anderen Kalibers – da figuriert der Fall des Liri unter «ferner fielen» … Verstehen Sie mich richtig: Es war ganz nett in Isola del Liri. Aber weder der Wasserfall noch das angeblich so einmalige Gelato haben mich umgehauen. Es war einfach ein Gelato, eins wie Hunderte andere. Viel mehr imponiert hat mir die Freundlichkeit der Menschen, die sich stets Zeit für einen Schwatz nahmen.

Was die Stadt betrifft, in der ich lebe: Die finde ich gar nicht besonders schön. Deshalb gefällt es mir hier so sehr.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli