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09. Mai 2016

Ferien ohne Eltern

Schulferien sind eine prima Sache – aber keine leichte Aufgabe, wenn beide Elternteile arbeiten müssen. Denn Kinder wollen in dieser Zeit betreut, beschäftigt und umsorgt werden. Wie organisieren Sie sich? Verraten Sie es im Kommentar (unten).

Gabriella Steiner und ihre  Kinder Heinrich und Philine
Nach heiteren Ferientagen: Gabriella Steiner und ihre Kinder Heinrich und Philine (vorne) verabschieden sich von ihren Verwandten.

Auf die Ferien freut sich jedes Kind. Und was machen die Eltern? Für die ist es meist ganz schön anstrengend. Denn während Kinder 13 Wochen lang schulfrei haben, müssen die Erwachsenen sich oft mit 4 oder 5 Wochen zufriedengeben. In den meisten Familien sind beide Elternteile erwerbstätig. Wohin also mit dem Nachwuchs während der Schulferien?
«Es ist jedes Mal ein grosser Aufwand», sagt Gabriella Steiner (39), «ich muss viel organisieren.»

Die Germanistin lebt mit ihrem Mann Matthias (44) und ihren drei Kindern Philine (9), Heinrich (7) und Clara (4) im Berner Altenbergquartier. Er arbeitet Vollzeit als Oberarzt, sie hat sich nach dem Studium spezialisiert und ist als Medienbeauftragte tätig. Auch nach der Familiengründung sind beide berufstätig geblieben, Gabriella Steiner hat lediglich ihr Pensum reduziert. Nahen die Schulferien, heisst das immer: organisieren, telefonieren, SMS verschicken, sich absprechen und schauen, wann welches der drei Kinder wo untergebracht werden soll.

Eine stete Herausforderung
Gabriella Steiner schildert, wie sie sich im vergangenen Sommer als fünfköpfige Familie in der unterrichtsfreien Zeit organisiert haben: zwei Wochen gemeinsam wegfahren, in den übrigen drei Wochen weiterschauen, wo ihre Kinder von wem betreut werden.

«Bei unserer Kleinsten sind die Schulferien kein Problem. Die Kita bleibt in dieser Zeit geöffnet», sagt sie. Bei Heinrich und Philine sieht es anders aus: Findet kein Unterricht statt, schliesst auch die Tagesschule – der Ort, wo Philine und Heinrich dreimal pro Woche zu Mittag essen und nach der Schule die Aufgaben erledigen können, wenn Gabriella Steiner und ihr Mann bei der Arbeit sind.
In vielen Schweizer Städten bietet die öffentliche Hand Kinderbetreuung während der Schulferien an. So richtig prekär wird es vielerorts ausserhalb der Stadtgrenzen: Öffentliche Betreuungsstätten während der Schulferien existieren kaum.

In der Stadt Bern gibt es die sogenannte Ferieninsel – Kinder von 4 bis 12 Jahren können während der Frühlings-, Sommer- und Herbstferien eine der vier Ferieninseln der Stadt – Spitalacker, Brunnmatt, Manuel und Tscharnergut – tage- oder wochenweise besuchen. Kosten: 24 Franken pro Tag. Insgesamt gibt es täglich 160 Plätze. Die Inseln sind gut besucht, aber nicht überfüllt: Berner Kinder musste man bisher noch nie abweisen, höchstens auswärtige.

Gabriella hat ihre Kinder bisher noch nie bei der Berner Ferieninsel angemeldet, obwohl auch sie es für ein gutes Angebot hält. Denn das Hin und Her wäre ihr schlicht zu anstrengend: «Es wäre noch etwas Zusätzliches, in das die Kinder sich neu eingewöhnen müssten.» Das will sie ihren Kindern nicht zumuten. «Die Betreuung durch Verwandte und Bekannte ist derzeit für uns die einfachere Lösung, auch wenn es eine organisatorische Herausforderung ist.»

Gabriella Steiner und ihr Mann Matthias machen es wie viele Schweizer Familien auch – sie lösen das Ferienproblem privat: die Betreuung fast lückenlos mit Verwandten und Bekannten abdecken. «Die beiden Grossmütter unterstützen uns mit Hüten, erklärt die Bernerin. «Und mein Schwager, der mit seiner Familie auf dem Land wohnt, hat gleichaltrige Kinder, das ist ideal: Philine und Heinrich dürfen immer wieder für einzelne Tage zu ihnen gehen, wenn wir beide arbeiten.»

Ein gutes Netz zahlt sich aus
An ihrem Wohnort haben die Steiners zudem ein gutes Nachbarschaftsnetz. «Es ist hier wie ein kleines Dorf. Man kennt sich, viele Kinder sind schon von klein auf zusammen in die Kita gegangen, und wir helfen einander
immer wieder aus.»

Ferienbetreuung durch die öffentliche Hand gibt es in allen grossen Städten. Die Tarife sind in der Regel einkommensabhängig. So bewegen sich die Kosten für die Betreuung in Zürich zwischen 10 und 105 Franken pro Tag, in Winterthur zwischen 10 und 92 Franken, in Köniz bei Bern zwischen 7 und 104 Franken pro Tag, in Basel zwischen 72 und 180 Franken pro Woche.

Obwohl diese Angebote bei tieferen Einkommen oft nicht besonders teuer sind, sind sie für Familien, die am Existenzminimum leben, noch immer zu viel. Und bei Doppelverdienern gehen die einkommensabhängigen Tarife schnell ins Geld – gerade wenn man mehrere Kinder hat. Arbeiten beide Elternteile, geht der Zweitlohn schnell mal für die Betreuung drauf. Gabriella Steiner kennt das Problem – nicht bei der Betreuung während der Ferienzeit, sondern bei der externen Kinderbetreuung im Vorschulalter.

«Während gut anderthalb Jahren hatten wir drei Kinder in der Kita; da hat sich meine Arbeit finanziell nicht mehr gelohnt – sie wurde quasi zum Hobby», sagt Gabriella Steiner. Sie trifft immer wieder Frauen, die bei der Arbeit zurückstecken oder nach der Geburt eines Kindes lieber zu Hause bleiben, unter anderem eben auch, weil der Aufwand zu gross und der finanzielle Nutzen zu klein ist, wenn sie weiterhin erwerbstätig sind.

Gold wert: flexible Arbeitgeber
Auch Gabriella Steiners berufliche Situation hat sich geändert: Im April 2016 hat sie gekündigt. Obwohl ihr Arbeitgeber sehr flexibel war und ihr ermöglichte, dass sie sich neben der Arbeit um ihre drei Kinder kümmern konnte. Denn dass die private Betreuung der Kinder während der Schulferienzeit überhaupt möglich war, hat Gabriella Steiner zu einem grossen Teil ihrem Arbeitgeber zu verdanken.

So auch im Juni 2015: Da arbeitete die dreifache Mutter an drei Tagen pro Woche in der Kommunikation der Mütter- und Väterberatung des Kantons Bern. Sie hatte gleitende Arbeitszeit mit Jahresarbeitszeit, konnte auch mal erst um neun mit der Arbeit beginnen, wenn das Grosi oder die Gotte nicht früher da sein konnte, und es war möglich, vor- oder nachzuarbeiten. Zudem liegt das Büro in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Bern – ideal für die Übergabe der Kinder.

«Da mein Arbeitgeber so flexibel ist, war ich es selbstverständlich auch», sagt Gabriella Steiner. «Ich half aus, wenn Not am Mann war, arbeitete am Abend oder an meinem freien Tag auch mal länger. Doch dann hatte ich das Gefühl, dass wir Ruhe in die ganze Situation bringen müssen.»

Gabriella Steiner hat sich deshalb entschlossen, bis nach den Sommerferien eine berufliche Pause einzulegen und sich nach neuen Möglichkeiten umzuschauen. «Was genau, ist noch offen», sagt sie. Sie überlegt
sich auch, sich selbständig zu machen. Eins ist dabei klar: Ihr Berufsleben muss sich noch
besser mit dem Privatleben vereinbaren lassen.

Flexiblere Kitas erwünscht
Obwohl Gabriella Steiner ein Organisationstalent ist und sich nicht so schnell stressen lässt, ist der Grat zwischen Herausforderung und Überforderung nur schmal. Die 13 Wochen Schulferien sind nicht der Hauptgrund für die Neuorientierung, aber bestimmt ein Teil der Problematik. «Es wäre ideal, wenn man die Flexibilität der Kitas ausweiten könnte, sodass sie in den Schulferien auch für Erst- bis Drittklässler offen wären», sagt sie. Die Kinder könnten eine vertraute Umgebung besuchen, die sie von früher kennen.

So oder so, ihre Kinder blicken ihren Ferien immer freudig entgegen: Philine freut sich auf den Tag auf dem Ponyhof mit ihrer Tante, Heinrich auf den Ausflug ins Verkehrshaus mit einem Freund aus dem Quartier. Und bei Clara geht der Alltag fast wie gewohnt weiter – sie besucht auch während der Schulferien die Kita. 

Philine und Heinrich mit Lucien und Marlen
Bei den Verwandten stossen Nachbarskinder dazu: Philine und Heinrich mit Lucien und Marlen (v.r.).

Tipps: Passende Angebote finden

Für die Bereitstellung, Reglementierung und Finanzierung familienergänzender Betreuungsangebote sind in der Schweiz primär die Gemeinden oder Kantone zuständig.

Schweizweit stehen mehr als 50 verschiedene Ferienpässe zur Wahl; viele werden von der Stiftung Pro Juventute unterstützt, die jährlich über 7500 Aktionen und Programme anbietet.

Nebst der Betreuung durch Verwandte, Nachbarn, Eltern von Schulkolleginnen und Schulkollegen besteht die Möglichkeit der schulergänzenden Betreuung; gute Angebote finden sich in städtischen Gebieten.

Lagerangebote: WWF, Cevi, Pfadi, SAC, Stiftung Feriengestaltung für Kinder, Verein Ferien-Camps, Stiftung Zürcher Schülerferien, Fäger, Ferienpässe, J+S-Lager, SAC, Ferienlager Blaues Kreuz, Pro-Juventute-Ferienplausch, Angebote Sportämter

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Monika Flückiger