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10. August 2015

Ferien auf dem Bauernhof

Schweizer Bauern gehen immer wieder innovative Wege. Etwa indem sie Tür und Stall öffnen für alle, die Landluft schnuppern möchten. Bei Familie Haueter auf der Alp Morgeten zum Beispiel kann man käsen, Pony reiten, baden und übernachten.

Das Abenteuer beginnt schon beim Aufstieg zur Alp. «Ein Murmeltier!», ruft Bea Zeindler (41) und zeigt auf die sattgrüne Wiese unterhalb eines Felsbandes. «Ich sehe es!», freut sich Alina (11). «Ich auch!», sagt Corsin (7). «Wo ist es?», fragt Laurin (9). Auch Christian Zeindler (43) muss eine Weile suchen, bis er das Murmeli entdeckt. Als es über die Wiese springt, sehen es dann alle. Familie Zeindler aus Remetschwil AG ist auf dem Weg zur Alp Morgeten im Simmental BE. Dort wollen sie übernachten und im Hotpot baden.

Zwischen sechs und sieben in der Früh wird gemolken

Unterwegs zur Alp Morgeten
Unterwegs zur Alp Morgeten.

Als sie oben ankommen, stapfen gerade vier Bauernkinder in Gummistiefeln und Arbeitshosen und mit umgebundenen Melkschemeln zum Ziegenstall. «Ich will auch melken», sagt Corsin, noch bevor er den Rucksack ausgezogen hat. Er folgt den Kindern in den Stall. Doch das Melken ist schon vorbei. «Wir melken morgen früh wieder», sagt Johanna (7). «Zwischen sechs und sieben.» Vielleicht etwas gar früh für die Gäste aus dem Unterland? Johanna und ihr Bruder Ferdinand (5) wohnen den ganzen Sommer über auf der Alp. Sie sind die beiden jüngsten der Bauernfamilie Haueter. Die Eltern Jarka und Alex führen den Hof, die Grosseltern Anne und Christian (57) sind die Tätschmeister der Gastwirtschaft. Die Alp bietet 32 Schlafplätze, hat ein Restaurant für bis zu 50 Gäste sowie ein Molke- und Heisswasserbad.

Hobelkäse von der Alp, Trockenfleisch und Wurst von den Alpkühen
Hobelkäse von der Alp, Trockenfleisch und Wurst von den Alpkühen.

Zeindlers geniessen nach ihrer Ankunft ein Apéroplättchen: Käse, Trockenwurst von der Alp mit selbst gebackenem Brot. Vom urchigen Holztisch beim Alprestaurant haben sie nicht nur eine einmalige Sicht auf die Voralpengebirge ringsum, nebenan befindet sich auch der Hotpot, der eingemauerte Bottich mit warm dampfendem Wasser. Je kühler es auf 1865 Meter Höhe wird, desto mehr lockt das Wasser. Die Sonne kommt nun kaum mehr durch die Wolken, die grau und schwer an den felsigen Gebirgszacken rund um die Alp hängen.

Zeindlers müssen sich allerdings etwas gedulden – eine Gruppe von Gästen ist noch drin, die den Bottich vor ihnen reserviert hat. Zeit also für die Kinder, ihre Entdeckungstour fortzusetzen.

Bergkinder zeigen den Gästen, wie man Ponys ohne Sattel reitet
Die Bergkinder zeigen den Gästen, wie man Ponys ohne Sattel reitet.

Diese Alp ist ein kleines Tierparadies: Gustis schauen aus ihrem Freiluftstall, Hühner staksen über den Miststock, Kaninchen fressen sich durch das Grün am Wegrand, ein Kätzchen tollt herum. Und da trotten auch noch zwei Ponys heran. Mit ihnen taucht auch die Bauernkinderschar wieder auf. Johanna, Ferdinand und ihre Freunde Luca (7) und Juri (5), die Wochenende und Ferien oft hier verbringen, reiten abwechslungsweise auf den Ponys. Doch noch bevor sich auch ­Corsin und Laurin aufs Pony ­getrauen, ist der Hotpot frei. Rein also in die Badehosen und ins heisse Wasser – Wellness auf der Alp macht nämlich auch den Kindern Spass.

Schön aufgewärmt geht es eine Stunde später zum Znacht. Es gibt Suppe, Salat, Fleisch von der Alp, Biogemüse und zum Trinken frisches Quellwasser. Natürlich auch Rivella und Wein. Nach dem Essen lassen Zeindlers den Abend mit Uno- und Yazzyspielen im Kerzenschein ausklingen.

Kuh-, Ziegen- und Raclettekäse – alles self made

Am nächsten Morgen, noch vor dem Frühstück, ist Käsen angesagt. Haueters produzieren auf der Alp Morgeten jeden Tag Käse, neben dem Alpkäse auch Hart- oder Halbhartkäse mit Kräutern, Raclette- und Ziegenkäse. Wie das geht, bekommen Zeindlers hautnah mit. Wobei Gastgeber Christian Haueter betont: «Zuschauen kann man nur auf Voranmeldung.» Denn stehen zu viele Leute ums «Chäschessi», klappt das mit dem Käsemachen nicht mehr so gut.

Ferdinand hlift tatkräftig beim Käsen mit
Bauernbub Ferdinand hlift tatkräftig beim Käsen mit. Corsin schaut zu.

Jarka verarbeitet die Kuhmilch, Ferdinand kümmert sich um die Ziegenmilch. Zwei Stunden später liegen frische Käselaibe in den hölzernen Rahmen. Sie werden über Nacht gepresst und danach im Käsekeller in Salzlake gebadet und gelagert. Von der Käseherstellung übrig geblieben ist die Molke, eine wässrige Flüssigkeit. Doch für ein Molkebad in der Freiluftbadewanne reicht es nicht mehr, denn für Zeindlers heisst es nun, bereits wieder Tschüss zu sagen.

Vor dem Abmarsch Richtung Morgetenpass reicht die Zeit noch für einen Ponyritt. Luca erklärt Corsin und Laurin, wie das Reiten ohne Sattel und Zaumzeug geht. «Oft reite ich freihändig», sagt Luca und machts gleich wie ein richtiger Cowboy vor. Bald sitzen auch die beiden Aargauer Buben auf dem Rücken der Tiere.

Grosse Freiheit, aber sehr viel Arbeit

Corsin würde am liebsten auf der Alp bleiben, den ganzen Sommer lang: «Ich möchte gern melken, käsen und die Kühe eintreiben», sagt er. Bloss fürs Misten im Kuhstall kann er sich nicht wirklich begeistern.

Corsin, Laurin und Alina wärmen sich am Feuer
Corsin, Laurin und Alina wärmen sich am Feuer in der Hütte.

Auch für die Eltern war der kurze Aufenthalt einmalig: «Dieser eine Tag war wie kurze Ferien», sagt Anne. «Hier taucht man in eine total andere Welt ein, und man kann super abschalten.» Christian ist begeistert von diesem Ort. «Die Kinder haben so viel Freiheit: Sie können herumtoben, mit den Tieren spielen, und sie haben fast unendlich viel Platz.» Auch das Frühstück mit frischem Brot, Zopf, selbst gemachter Konfitüre, frischer Butter von den Alpkühen, Käse und Fleisch aus der Region werden sie nicht so schnell vergessen.

Etwas haben Zeindlers aber auch gemerkt: Dass hinter dieser ländlichen Idylle sehr viel harte Arbeit steckt..

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Gabi Vogt