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04. Januar 2016

«Wir wollen sensibilisieren, nicht Polizei spielen»

Felix Weber ist verantwortlich für knapp zwei Millionen Berufsunfallversicherte in der Schweiz. Der neue Suva-Chef über Unfallverhütung, Versicherungsbetrug und sein eigenes Risikoverhalten.

Suva-Chef Felix Weber
Der Mann für alle Suva-Fälle: Dank seiner Branchenkenntnisse hat es Felix Weber ...

Felix Weber, wie hat sich Ihr Risikoverhalten verändert, seit Sie für die Suva arbeiten?
Es ist noch konsequenter geworden. Wissen Sie, wenn ich durch Luzern gehe, erkennen mich mindestens 1500 Suva-Mitarbeiter, da kann ich mir nichts erlauben. (Lacht)
Aber schon als ich noch bei der Zurich arbeitete, trug ich einen Skihelm, weil ich den Sinn dahinter verstand. Und auch als ich noch als Mittelstürmer beim FC Emmenbrücke Fussball spielte, schützte ich mich so gut es ging. Als ich dann 2009 bei der Suva anfing, bekam ich als Eintrittsgeschenk gleich mal eine Leiter aus Leichtmetall für zu Hause – damit ich beim Auswechseln einer Glühbirne nicht auf einen wackligen Stuhl steige.

Gibt es denn noch Risiken, die Sie in der Freizeit auf sich nehmen?
Ja, klar. Wir sind eine Skifahrerfamilie und waren letztes Jahr zwei Wochen auf Skiern auf der Bettmeralp VS und in Samnaun GR – selbstverständlich mit eingestellten Bindungen, Helmen und auf Schweizer Skiern. Trotzdem: Beim Skifahren kann natürlich etwas passieren.

Und ist schon mal etwas passiert?
Glücklicherweise nicht. Es gab jedoch schon Missverständnisse. Als ich mit meinem damals fünfjährigen Sohn auf dem Skilift war und ihm sagte, er solle bei der Ankunft oben nach rechts weggehen, wusste er noch nicht, was links und rechts ist: Wir lagen beide im Schnee, und er bekam den Bügel an den Kopf – zum Glück trug er einen Helm. Ich achte auch bei den Kindern sehr auf die Sicherheit, meine Tochter reitet zum Beispiel mit Helm und Rückenpanzer, alles nach Vorschrift des Vaters!

Nervt diese Vorsicht Ihre Kinder manchmal auch?
Das kommt schon vor. Und ich bin bestimmt auch schon einen Kompromiss eingegangen, etwa beim Kickboard. Aber es gibt Themen, da bin ich konsequent, auch wenn ich nerve: Beim Rollerbladen und beim Velofahren gibt es kein Pardon. Da ist Helmtragen Pflicht.

Ist der Vater beim Rollerbladen auch dabei?
Selbstverständlich. Nur bei der Eleganz könnte er noch etwas zulegen … (lacht)

Die Freizeit ist gefährlicher geworden. Allein beim Skifahren verunglücken jedes Jahr über 29’000 Menschen. Wie können Sie da gegensteuern?
Wir können und wollen nichts verbieten. Aber wir versuchen mit unseren Kampagnen aufzuzeigen, wie man sich sinnvoll schützen kann. Das ist auch durchaus eine Erfolgsstory: Heute sind Sie ein Exot, wenn Sie beim Velo- oder Skifahren keinen Helm tragen. Als ich jung war, fuhr auch ich noch mit der Roger-Staub-Mütze Ski. Heute sind Helme fast schon zum Modegegenstand geworden und nicht mehr wegzudenken. Wir haben unser Ziel erreicht – und doch dürfen wir nicht nachlassen.

Heute sind Sie ein Exot, wenn Sie beim Velo- oder Skifahren keinen Helm tragen.

Und diesen Wandel verdanken wir der Suva?
Ja, auch. Wir haben dazu beigetragen, das Bewusstsein der Freizeitsportler zu verändern. Dabei konzentrieren wir uns in den Kampagnen auf jene Sportarten, die am meisten Unfälle verursachen: Fussball beispielsweise sorgt für 44’000 Verletzte pro Jahr.

Welches sind Ihre wichtigsten Kanäle, um die Leute zu erreichen?
Wir platzieren unsere Botschaften häufig über die Firmen oder Sportorganisationen. So sind wir beispielsweise eine Partnerschaft mit dem Schweizerischen Fussballverband eingegangen, um den Fairnessgedanken zu fördern. Wir zeichnen die fairste Fussballmannschaft aus. Es gibt Kino- und TV-Spots, aber wir haben auch Apps, die etwa den Bremsweg beim Skifahren aufzeigen. Wir wollen sensibilisieren, nicht Polizist spielen.

Offenbar steigt die Wahrscheinlichkeit eines Freizeitunfalls am Geburtstag um 10 Prozent, weil nicht selten Alkohol im Spiel ist. Auch ein Fall für die Suva?
(Lacht) Wir lassen die Öffentlichkeit am statistischen Zahlenmaterial teilhaben, verzichten aber darauf, eine Empfehlung abzugeben, wie man den Geburtstag feiern soll.

Welche generellen Trends gibt es bei den Unfällen?
Die Zahl der Berufsunfälle ist über die Jahre stets zurückgegangen, jene der Freizeitunfälle gestiegen. Berufskrankheiten bleiben stabil. Durch den medizinischen Fortschritt überleben heute mehr Menschen auch schwere Unfälle, entsprechend aufwendiger ist die Rehabilitation. Aber es können auch mehr Patienten danach zurück an den Arbeitsplatz. Die Zahl der Menschen, für die eine Suva-Rente gesprochen wurde, ist innert zehn Jahren von 3300 auf jährlich 1700 gesunken. Weiter zurückgehen dürfte diese Zahl nicht mehr, weil nie ganz ausgeschlossen werden kann, dass zum Beispiel mal jemand vom Gerüst herunterfällt oder Skifahrer kollidieren.

Bis 2020 will die Suva 250 tödliche Berufsunfälle verhindern. Wie?
Einerseits mittels Kampagnen, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber sensibilisieren sollen. Andererseits mit der Definition der lebenswichtigen Regeln in verschiedenen Branchen. Ausserdem haben wir eine Sicherheits-Charta lanciert, die bereits von über 1000 Unternehmen unterschrieben wurde. Es genügt nämlich nicht, die lebenswichtigen Regeln zu kennen – entscheidend ist, sie auch anzuwenden. Mit ihrer Unterschrift unter die Sicherheits-Charta legitimieren Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden bei Gefahr Stopp sagen zu können, wenn beispielsweise ein Geländer am Arbeitsplatz nicht vorschriftgemäss installiert ist. Wir können nicht jede Baustelle und jeden Arbeitsplatz in der Schweiz während 24 Stunden überwachen. Der Mitarbeiter selbst muss darauf vertrauen können, dass sein Arbeitgeber ihn in einer solchen Situation unterstützt – selbst unter dem Druck, einen Auftrag bis zu einem gewissen Zeitpunkt abschliessen zu müssen.

Wir können nicht jede Baustelle (...) in der Schweiz während 24 Stunden überwachen.

1000 Unternehmen: Sind Sie mit dieser Zahl zufrieden?
Es sind rund 120’000 Betriebe bei uns versichert. Da sehen 1000 auf den ersten Blick nicht nach viel aus. Aber wir haben in jenen Branchen angefangen, in denen das Risiko für tödliche Unfälle am höchsten ist, etwa auf dem Bau. Jetzt weiten wir die Aktion aus. Dazu müssen wir die Verbände überzeugen, die wiederum ihre Mitglieder auf das Thema aufmerksam machen.

Noch immer verunfallen jährlich 180’000 Suva-Versicherte bei der Arbeit, beispielsweise auf dem Bau oder als Forstarbeiter – eine enorme Zahl. Wo lauern die grössten Gefahren?
Irgendwo liegt zum Beispiel ein Hindernis im Weg, wie wir das in unserer Kampagne «Stolpern Stürzen» aufzeigen. Über 42’000 Suva-Versicherte erleiden jährlich einen Stolper- oder Sturzunfall bei der Arbeit, 55’000 in der Freizeit. Alle Unfallversicherer zusammen verzeichnen 175’000 Fälle. Früher passierten jedoch noch viel mehr Unfälle – unsere Präventionsmassnahmen wirken also. Ausserdem hat sich die Zahl der Einwohner und der Beschäftigten stets erhöht, da bedeuten jährlich insgesamt 460’000 bei der Suva gemeldete Unfälle eigentlich eine Stabilisierung.

Die Kosten im Gesundheitsbereich steigen Jahr für Jahr. Wie kann die Suva Gegensteuer geben?
Das ist nicht leicht, der medizinische Fortschritt wirkt sich auch bei uns aus. Wir achten aber vermehrt darauf, dass nur das in Rechnung gestellt wird, was berechtigt ist. In diesem Bereich haben wir grosse Fortschritte erzielt.

Dennoch ist die Zahl neuer Verdachtsfälle beim Versicherungsmissbrauch von 261 im Jahr 2010 auf 343 im Jahr 2014 gestiegen.
Vor knapp zehn Jahren hat die Suva damit angefangen, mögliche Betrugsfälle systematisch zu untersuchen. Dafür haben wir heute ein Team von 13 Mitarbeitenden. Das heisst nun nicht, dass hinter jedem Busch Detektive versteckt sind, welche die Versicherten beobachten. Die allermeisten Versicherten verhalten sich vorbildlich, aber es gibt ein paar schwarze Schafe. Und gegen diese ist mit Vehemenz vorzugehen, weil sie sich letztlich auch zu Lasten der übrigen Versicherten bereichern.

Es sind nicht hinter jedem Busch Detektive versteckt, welche die Versicherten beobachten.

Wie viele?
2015 rechne ich mit 350 bis 400 Verdachtsfällen. Grund für den Anstieg sind verstärkte Untersuchungen in der Romandie und im Tessin, wo wir bis anhin nicht so stark aufgestellt waren.

Wie kommen Sie den Betrügern auf die Schliche?
Wir haben verschiedene Quellen: den lieben Nachbarn, Haftpflichtversicherungen, unsere eigenen Mitarbeitenden oder das Internet, beispielsweise eigene Facebook-Einträge von Verunfallten. Unsere Leute haben viel Erfahrung und ein gutes Gespür für mögliche Betrugsfälle. Besteht bei einem schweren Betrug ein dringender Verdacht, ordnen wir sogar eine Videoüberwachung an oder arbeiten mit Detektiven zusammen. Das kommt aber nur sehr selten vor.

Was sind typische Betrugsfälle?
Zum Beispiel das Leiden zu übertreiben. Da behaupten Leute, nichts mehr heben zu können, und die Überwachung zeigt, dass sie problemlos einen schweren Koffer ins Auto wuchten. Oder wir erhalten Rechnungen von einem ausländischen Spital mit offiziellen Stempeln und stellen dann fest: Dieses Krankenhaus existiert gar nicht. Mehr kriminelle Energie steckt hinter aufwendig getürkten Autounfällen mit angeblichen Verletzten, die gar nie im Auto waren. Oder hinter Firmenkonstrukten, die mit falschen Lohnabrechnungen Unfälle melden, um so Taggelder zu kassieren.

Wie gross sind die Schäden?
Jährlich gelingt es uns, 12 bis 14 Millionen Franken einzusparen – insgesamt rund 100 Millionen, seit wir uns verstärkt mit der Betrugsbekämpfung beschäftigen. Jeder aufgedeckte Fall spart enorme Summen, da wir dann ja über Jahrzehnte hinweg nichts mehr zahlen müssen. Hingegen ist es oft sinnlos, zu Unrecht ausgezahlte Beträge zurückzuverlangen; meistens haben die Leute nichts mehr davon.

Letztlich ist die Diagnose, ob jemand krank ist oder nicht auch immer eine Gratwanderung. Es gibt Opfer, die nicht verstehen, dass die Suva sie für gesund hält. Wie können Sie Fehlurteile ausschliessen?
Fehlurteile sind nie unmöglich, auch wenn wir mit unseren Spezialisten die einzelnen Fälle genau prüfen. Sind die Versicherten anderer Meinung, steht ihnen der Rechtsweg offen. Unser Grundsatz ist klar: Jeder soll das erhalten, was ihm zusteht – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wie häufig kommt es vor, dass die Suva auf dem Rechtsweg unterliegt?
In rund 25 Prozent aller Fälle erhält der Patient recht.

2014 erreichte die Suva mit ihren Anlagen bei einem Aktienanteil von 25 Prozent eine Performance von 7 Prozent. Wie ist das möglich?
Wir können 46 Milliarden Franken langfristig und nachhaltig anlegen – und das auch antizyklisch. Mit dieser Strategie haben wir seit 2005 rund zwei Milliarden Franken mehr verdient als bei einer passiven Bewirtschaftung des Anlagevermögens. Gut die Hälfte davon betrifft festverzinsliche Titel wie Obligationen, Darlehen und Kredite. Und zehn Prozent sind Immobilien.

Wie hat sich das Vermögen letztes Jahr entwickelt?
Wir werden kaum wieder 7 Prozent Rendite erreichen. Die Finanzmärkte haben sich nicht gleich gut entwickelt.

Die Suva hat 40 Verwaltungsräte und 21 Standorte. Wieso so viele?
Dazu muss man das Modell Suva verstehen: Es besteht aus Prävention, Versicherung und Rehabilitation und ist sozialpartnerschaftlich geführt. Wir haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Verwaltungsrat, ausserdem Vertreter vom Bund. Diese in der Schweiz einmalige Konstellation ermöglicht breit abgestützte Entscheide.

Sie haben sich Ihr ganzes Berufsleben lang mit Versicherungen beschäftigt, für viele eine wenig aufregende Materie.
Ich habe regelmässig neue Aufgaben übernommen, deshalb blieb die Arbeit interessant. Nach dem Studium war ich zuerst im Aussendienst und beschäftigte mich mit Vertriebsthemen, danach mit Marketingfragen, dann mit einem Krankenversicherer, wo ganz andere Themen wichtig sind. Und seit 2009 bin ich bei der Suva neben dem Schadenmanagement auch für die Suva-Kliniken und die Militärversicherung zuständig. Es ist aber nicht so, dass ich diese Karriere schon im Gymnasium geplant hätte, es hat sich so ergeben.

Wir stehen finanziell gut da, und die Kundenzufriedenheit ist hoch.

Mit welchem Ziel haben Sie Ihren Job als Suva-Chef angetreten?
Die Suva ist gut aufgestellt, ein abrupter Wechsel drängt sich also nicht auf. Wir stehen finanziell gut da, und die Kundenzufriedenheit ist hoch, beides müssen wir halten. Und nachdem wir die Prämien sieben Jahre in Folge senken konnten, versuchen wir nun, diese auf tieferem Niveau zu stabilisieren. Eine grosse Herausforderung ist neben den stark steigenden Heilkosten die Digitalisierung.

Was heisst das?
Wir wollen künftig möglichst viele der dafür geeigneten Geschäftsprozesse auf elektronischem Weg abwickeln. Das kommt auch unseren Kunden zugute und macht uns noch effizienter. Im Heilkostenbereich werden schon heute 97 Prozent der Rechnungen elektronisch verarbeitet.

Sie wurden vom Bundesrat in Ihre neue Position gewählt. Wie läuft das ab?
Die Findungskommission des Suva-Verwaltungsrats besorgt die Kandidatenwahl, und der Verwaltungsrat empfiehlt schliesslich dem Bundesrat einen Kandidaten zur Wahl.

Wieso hiess dieser Kandidat Felix Weber?
Weil er in der Auswahl die Findungskommission am meisten überzeugte – mit dem Wissen aus der privaten Versicherung sowie der Krankenversicherung und der Suva-Erfahrung. Und hoffentlich auch mit seiner Persönlichkeit. (schmunzelt)

Autor: Reto E. Wild, Ralf Kaminski

Fotograf: Daniel Winkler