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24. Mai 2017

Fehlentscheid

Wenn Kinder aus unserem Umfeld verunglücken, sind wir Erwachsene schockiert. Und vergessen dabei mitunter, dass unsere eigenen Kinder noch viel näher an den Geschehnissen sind.

Wieviel sollen Eltern erklären
Wieviel sollen Eltern erklären, wenn in Nachbarschaft oder Schule etwas Schlimmes geschehen ist? (Bild: Pixabay.com)

Vergangene Woche habe ich darüber geschrieben, wie schwer es mir fällt, meine Kinder bereits jetzt grundlegend aufzuklären. Ich finde immer noch, dass das verzeihlich ist. Heute nun ein Beispiel dafür, dass wir Eltern uns nicht immer wegducken dürfen, wenn es brenzlig wird. Damit Sie verstehen, auf was ich hinauswill, möchte ich eine kleine Geschichte vorausschicken. Wobei Geschichte das falsche Wort ist. Es ist mehr ein Tatsachenbericht. Leider.

Letzten Freitag werkelte ich im Garten vor mich hin. Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall, Kategorie «Jet durchfliegt Schallmauer». Ich denke mir nicht viel und wühle weiter im Grund. Dann kommt das erste Tatütataa. Unkraut. Tatütataa. Regenwurm. Bei der vierten Sirene werde ich stutzig. (Ich weiss noch nicht, dass bereits zwei Rettungshubschrauber in der Luft sind.) Jedenfalls verbindet mein Gehirn die Punkte: Irgendwo, ganz in unserer Nähe ist was passiert. Ich überlege schnell (typisch Mami), wo meine Familie steckt. Die Kleine buddelt neben mir, die Grosse ist im Gitarrenunterricht, der Mann auf der Arbeit. Und schon verflüchtigt sich meine Unruhe.

Am frühen Abend pingt mein Handy im Sekundentakt. «Schrecklich, was bei euch passiert ist.» Oder: «Geht es euch gut? Wisst ihr mehr?» Es muss etwas Fürchterliches passiert sein. In unserer Wohngemeinde. Wir beginnen zu googeln. Jetzt ergibt alles einen Sinn. Nur wenige hundert Meter von uns weg. Der Knall, die Sirenen. Ich möchte nicht in die Details gehen. Nur so viel: Vier Jungs, kaum älter als meine Grosse, wurden bei einer Explosion teilweise schwerst verletzt. Da es mittlerweile durch die Medien geht, wage ich noch anzufügen, dass einer der Beteiligten vermutlich eine Hand, ein anderer ein Auge verloren hat. Wenn Sie Kinder haben, dann ahnen sie, wie sehr einen solche Nachrichten durchrütteln. Der Begriff «Mit-Leid» trifft es gut. Obwohl wir die Opfer – wenn überhaupt – nur flüchtig kennen, leiden wir mit ihnen und ihren Familien mit.

Nur ist es mit dem Mitleid(en) noch keineswegs gemacht. In den Tagen direkt nach dem Unfall haben Herr Leinenbach und ich nämlich etwas Grundsätzliches falsch eingeschätzt: So eine Nachricht rast wie Schockwellen durchs Dorf und macht auch vor den Kindern, die darin wohnen, nicht halt. Wir haben mit Ida und Eva nur ganz am Rande über den Vorfall gesprochen, weil keiner von uns die beiden mit Horrorbildern alleine lassen oder irrationale Ängste schüren wollte. Unfall, Explosion, Kinder, Spital – mehr Infos gab es von uns nicht.

Am Montag, dem ersten Schultag nach dem Unglück, kam das Ganze wie ein Bumerang zurück. Beim Mittagessen legte Ida die Gabel zur Seite. In der Pause, so erzählte sie, habe sie echt schräge Sachen gehört. «Mami, die haben erzählt, dass einem Kind bei dem Unglück eine Hand weggerissen wurde und dass alles voller Blut war – so ein Quatsch.» Ihren Blick werde ich nicht mehr vergessen. Sie wollte in dem Moment von mir, dass ich die Welt wieder geraderücke. Aber das konnte ich nicht. «Leider scheint das zu stimmen ...»

Ich kam gar nicht viel weiter, denn nun brach es aus ihr raus. Sie hatte eine Fülle von Gerüchten aufgeschnappt, viele recht nahe an der Wahrheit, manche auch sehr absurd. Mein Kindergartenkind hatte die ganze Zeit kaum etwas gesagt. Doch nun das: «Mami, was passiert, wenn ein Auge platzt?»
Das Mittagessen ging nahtlos in eine Krisenintervention über. Ich versuchte, alle Fragen wahrheitsgemäss zu beantworten, aber gleichzeitig optimistisch zu bleiben: Nein, die Hand wächst nicht wieder nach, aber es gibt immer bessere Prothesen. Nein, die Hand liegt nicht mehr am Unglücksort herum. Die Kinder haben vermutlich im Moment keine grossen Schmerzen mehr, da sie Medikamente bekommen und gut versorgt werden. Nicht alle Verbrennungen verheilen, ohne Narben zu hinterlassen, aber gerade das Kinderspital ist berühmt für sein Zentrum für brandverletzte Kinder. Ja, die Jungs kommen irgendwann wieder in die Schule – sobald ihre Körper und ihre Seelen besser verheilt sind. (Ich brachte es nicht übers Herz, ihnen auch noch zu sagen, dass Heilung in dem Kontext ein eher abstrakter Begriff ist.)

Bevor sich Ida zum Nachmittagsunterricht aufmachte, drückte sie mich ganz fest. «Mami, ich bin so froh, dass Eva und mir nichts passiert ist.» Ich nickte.

Autor: Bettina Leinenbach