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10. April 2017

Federn lassen

der Östliche Kronenkranich
Eltern lassen auch schon mal vor dem Alter erste Federn (hier: der Östliche Kronenkranich / Bild Pixabay.com).

Als ich neulich meine 6-Jährige etwas früher aus dem Kindergarten abholte, stellte sich uns ein Knirps in den Weg. «Wo gahsch mit diim Grosi ane?», wollte er von Eva wissen.
«Mir müend no öppis erledige – und das da, das isch im Fall miis Mami», erwiderte meine Tochter obercool. Ooookay, ich hatte mich also nicht verhört. In den Augen dieses dahergelaufenen 5-Jährigen war ich eine Grossmutter.

Zeit für einen Faktencheck: Ich bin 40 und so gesehen wirklich nicht mehr taufrisch. An diesem Mittag war ich ausserdem leicht derangiert, da ich es echt eilig hatte. Heisst: Meine Haare waren nicht sorgfältig frisiert, sondern zu einem Nackenschwänzchen zusammengeknödelt, in Sachen Make-up hatte es nur für Mascara-Verschmieren gereicht (das war mir aber gut gelungen, Stichwort Waschbär). Und mein Outfit? Mütteruniform halt. Jeans, leicht ausgebeult, Shirt, fast sauber, und bequeme Treter.

Muttertier oder verlottertes Ding? Einverstanden. Aber wie um Himmels willen kam der Zwerg darauf, mich in die Schublade mit der Aufschrift «Grossmutter» zu stecken? Meine grauen Strähnen waren frisch vom Coiffeur weggemogelt, ich trage kein Gebiss (und wenn ich meiner Dentalhygienikerin Glauben schenken darf, wird es nie so weit kommen), mein Gang war aufrecht (Rückenschmerzen habe ich eher abends), meine Stimme klang fest («Eva, jetzt mach endlich!»).

Sie kennen das bestimmt. Manchmal zermartert man sich das Gehirn und stellt dann erleichtert fest, dass man selbst nicht der Geisterfahrer ist. Nein, der andere braust in die falsche Richtung. Der Minimann hatte vielleicht falsche Vorstellungen vom Begriff «Grosi». Hatte ihn seine Mutter mit 16 bekommen? Dann wäre sie nun 21 – und ich im Direktvergleich ein vertrocknetes Guetsli. Hatte sie nicht; ich kenne sie gut. Sie ist zwar ein paar Jährchen jünger als ich, aber wir reden hier nicht von Jahrzehnten. Vielleicht hatte der Knirps eine wilde Oma, die mit 60 noch wie 35 aussah? (An der Stelle muss ich gestehen: Ich kenne seine Grossmutter nur flüchtig. Aber diese Option kann ich definitiv ausschliessen.)

Es musste irgendwie doch an mir liegen. Wie es der Zufall wollte, guckten meine Mädchen an diesem Tag ihre Babyfotos an. Ida zahnlos, Ida mit einem Zahn, Eva mit Rüeblibrei vor sich, Eva Rüeblibrei auf ihrem Kopf. Auf jedem 234. Bild war ich auch drauf. Also so halb, am Rand, verschwommen. Diese Frau sah wie eine neuere, glattere Version von mir aus. Keine grauen Haare, keine Falten und Furchen, keine hängenden Gesichtspartien. Da war er, der Unterschied! Achteinhalb Jahre Mutterschaft hatten offensichtlich doch ihren Tribut gefordert.

Ich wollte mich schon in Selbstmitleid suhlen, da entdeckte ich Herrn Leinenbach auf Foto Nummer 411 und 745. Er hatte eine ganz ähnliche Metamorphose durchlaufen, war von Dunkelbraun zu Grau und von vollhaarig zu nicht mehr ganz so vollhaarig mutiert. Was sich aber nicht verändert hatte, war sein Blick. Der war auch nach achteinhalb Jahren immer noch genauso wach und spitzbübisch, sein Grinsen immer noch so ansteckend wie vor 20 Jahren, als wir uns kennengelernt hatten.

Nun hoffe ich inständig, dass das auch für mich gilt. Also irgendwie älter aber doch nicht. Oder vielleicht reifer, aber immer noch sehr zufrieden? Oder wie im Tierreich. Zwar schon etwas älter, aber immer noch stolz und selbstbewusst? Humorvoll und voller Zuversicht? Ungefähr so.

Autor: Bettina Leinenbach