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30. Mai 2016

FDP-Ständerat Ruedi Noser zu fehlendem IT-Nachwuchs

Der Informatik fehlts an Nachwuchs, obwohls der Beruf mit den besten Zukunftsaussichten ist. Das sagt Ruedi Noser, Präsident des Informatik- und Telekom-Dachverbands der Schweiz.

Zürcher FDP-Ständerat und ICTswitzerland-Präsident Ruedi Noser.
Zürcher FDP-Ständerat und ICTswitzerland-Präsident Ruedi Noser.

Welches Image hat die Informatik in der Öffentlichkeit?

Sicher haben viele Menschen die Vorstellung, dass Informatiker den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen und mit niemandem sprechen. Aber – und ich bin sicher, dass das auch in der Öffentlichkeit angekommen ist – die Digitalisierung ist eine globale Revolution und wird die Märkte und die Art und Weise, wie wir alle arbeiten, fundamental verändern.

Aber die Informatiker ...

... haben in Zukunft den sichersten Job überhaupt. Was das KV vor 50 Jahren war, ist heute die Informatiklehre.

Das KV ist ein gutes Stichwort: Lehrstellen im kaufmännischen Bereich sind ruck, zuck besetzt, während bei der Informatik die Nachfrage nicht ganz so hoch ist.

Weil Eltern ihren Kindern die falschen Ratschläge erteilen. Lehren der Informatik und Mediamatik sind umfassende Grundausbildungen für Allrounder, die in jeder Branche und in der öffentlichen Verwaltung hoch begehrt sind. Für junge Menschen, die sich noch nicht für die spätere berufliche Tätigkeit festlegen möchten, ist die berufliche Grundbildung der Informatik oder Mediamatik die beste Wahl.

Kann es nicht vielmehr Angst machen, dass sich die IT-Branche so stark im Wandel befindet wie keine andere und sich junge Menschen deshalb aus Unsicherheit nicht auf solche Stellen bewerben?

Wer heute einem 16-Jährigen sagt, es gebe Berufe, die sich nicht im Wandel befänden, lügt ihn an. Jeder Beruf wird sich in den nächsten 10 bis 20 Jahren fundamental verändern, oder sogar ganz verschwinden. Aber gerade Informatiklernende bringen das Rüstzeug mit um diesen Wandel zu meistern und ihn mitzugestalten.

Bild: Andreas Pacek/Westend61/Keystone, Andre Springer

Die Informatiklehre ist eine perfekte Grundlage für Allrounder – wie das KV früher.

Welche Stärken müssen gute Informatiklernende mitbringen?

Es ist ein Irrglaube, dass nur Mathematik das stärkste Schulfach sein muss. Analytische und kommunikative Fähigkeiten sowie die Fähigkeit, mit Menschen zusammenzuarbeiten, sind genauso wichtig. Freude an der Technik hilft zwar, aber niemand muss ein Freak oder Nerd sein.

Hat die Informatik einen genügend hohen Stellenwert im Lehrplan der Primar- und Sekundarschulen in der Schweiz?

Die Politik diskutiert derzeit, ob Schülerinnen und Schüler zwei Sprachen lernen sollen: eine Landessprache und Englisch. Um Kinder optimal aufs spätere Leben vorzubereiten, brauchts schon zwei Sprachen – aber eine davon muss eine Computersprache sein.

Ein revolutionärer Ansatz!

Nein, wegen dem Sprachenstreit die Digitalisierung im Lehrplan komplett zu vernachlässigen, ist an den Kindern vorbeipolitisiert. Jeder und jede 15-Jährige muss ein Computerprogramm erstellen und sich in einer Fremdsprache ausdrücken können.

Mangelt es nicht auch am Interesse? Junge Menschen nutzen die sozialen Medien und ihre Smartphones im Alltag, aber wie die Geräte und Algorithmen funktionieren, wollen sie nicht verstehen.

Darum geht’s nicht! Zum Beispiel lernen Schülerinnen und Schüler eine Computersprache nicht nur, um sie später eins zu eins anzuwenden. Wer programmieren lernt, fördert automatisch das abstrakte und logische Denken. Das hilft später in jedem Lebensbereich – auch mir als Politiker.

Um Kinder optimal aufs Leben vorzubereiten, müssen sie in ihrer Schulzeit eine Computersprache lernen.

Aber wer nicht verstehen will ...

... der versteht auch nicht, das ist so. Tatsache ist jedoch, dass die Digitalisierung für mehr Fairness und mehr Demokratie sorgt. Anders als in der Zeit der Industrialisierung sind nämlich nicht mehr Kapital, Boden oder Rohstoffe entscheidend, sondern einzig und allein das Talent eines Menschen.

Warum?

Wenn jemand eine gute Idee, aber kein Kapital hat, kann er trotzdem erfolgreich sein. Umgekehrt ist das nicht möglich. Wir leben im Jahrhundert der Talente.

Ich möchte ergänzen: «im Jahrhundert der fehlenden Talente». Die hohe Anzahl pensionierter Informatiker kann seit Jahren nicht durch Nachwuchskräfte gedeckt werden.

Es wird besser: In den letzten acht Jahren nahm die Zahl der ICT-Lernenden um fast 40 Prozent zu. Aber das reicht noch lange nicht –Infolge der Digitalisierung benötigen Unternehmen und die öffentliche Verwaltung eine stark wachsende Anzahl an ICT-Spezialisten. So ist auch die Anzahl ICT-Beschäftigten seit über zwanzig Jahren viermal so stark gewachsen wie die Schweizer Erwerbsbevölkerung gewachsen.

Kann die erzielte Zunahme wiederholt werden oder ist der Plafond erreicht?

Ein solcher Effort kann bei einer vier- bis achtjährigen Ausbildung, wenn man die höhere Berufsbildung oder die Fachhochschule dazuzählt, nicht einfach so wiederholt werden. Der Plafond ist zwar nicht erreicht – aber jedes Jahr soviele neue Lehrstellen zu schaffen ist anspruchsvoll. Zuerst müssen die Firmen, die neue Lehrstellen geschaffen haben, ihre Erfahrungen damit sammeln.

Um Informatiker zu werden, muss niemand ein Freak oder ein Nerd sein.

Wo gibt’s denn überhaupt kurz- oder mittelfristiges noch Verbesserungspotential?

Das Angebot bei der beruflichen Weiterbildung muss verbessert werden ...

... also Quereinsteiger fördern?

Lassen wir offen, was das alles bedeutet. Sie haben ein Beispiel genannt. Aber es ist auch so, dass nach der Informatiklehre das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Wir möchten Alternativen zur Fachhochschule für Personen die voll im Berufsleben stehen, anzubieten.

Stichwort höhere Fachschule.

Ich will jetzt nicht anfangen, Module zu erwähnen ... aber Sie sagen es. Jedenfalls sind die Weiterbildungsmöglichkeiten in den Personalabteilungen vieler Unternehmen zu wenig bekannt.

Böte nicht auch eine stärkere Frauenförderung die grosse Chance, mehr IT-Fachkräfte auszubilden?

Doch. Jedes Mädchen, dass Informatikerin wird, hat hervorragende Berufsaussichten.

Das Schweizer Bildungssystem ist darauf ausgelegt, dass ein Elternteil zu Hause bleibt.

Warum erreicht diese Botschaft denn die Zielgruppe nicht?

Weil es Vorurteile gibt. Wem in der Familie drückt man ein neues Smartphone in die Hand, um es einzurichten – dem Vater oder der Mutter? Ich weiss nicht, wie es ist. Machen Sie mal eine Umfrage!

Da braucht es keine Umfrage, das wissen Sie genau.

Ich will kein Klischee pflegen. Meine älteste Tochter meldete sich im Gymnasium für den Robotikunterricht an, kam nach der ersten Stunde nach Hause und sagte «Papi, dort hat es nur Buben.» Sie ging nie wieder dorthin. Wir müssen ehrlich sein ...

... ich bitte darum ...

Das Schweizer Bildungssystem ist darauf ausgelegt, dass ein Elternteil zu Hause bleibt. Solange wir nicht bereit sind, es dahingehend zu ändern, dass die Bildung auch dann gewährleistet bleibt, wenn beide Eltern gleichermassen arbeiten, wird das Rollenbild bleiben wie es ist.

Wie sehen Sie sich selbst in Ihren Rollen als Vater und als Politiker?

Meinen Einfluss als Vater muss ich diesbezüglich etwas reduzieren, weil meine Frau ETH-Informatikerin ist und deshalb mehr von der Materie versteht als ich. Das heisst leider nicht, dass das Rollenbild bei uns zu Hause ein fundamental anderes wäre.

Europa hat die erste Halbzeit gegen die USA 5 zu 0 verloren.

Und in der Politik?

Die Entwicklung der Informatik ist in zwei Phasen zu unterteilen: In der ersten ging es darum, die Realität im Computer abzubilden – Rechnungswesen und solche Sachen. Diese Halbzeit hat Europa gegen Amerika 5 zu 0 verloren. Nach dem Seitenwechsel passiert das Umgekehrte: Das Virtuelle kommt in die Realität zurück! Hotelzimmervermittlungen, Taxidienste, automatisiertes Fahren und vieles mehr.

Und Europa sollte die zweite Halbzeit dringend gewinnen, wenn es seine Arbeitsplätze und sein Knowhow behalten will.

Unbedingt, und dafür braucht es einen speziellen Effort, der von den industriellen Hochburgen Deutschland und Schweiz geleistet werden muss. Dafür setze ich mich ein.

Also sind Sie der Trainer. Es ist Halbzeitpause. Wen wechseln Sie aus, wen ein?

(überlegt lange) Was ich als Trainer sage, bleibt wie im Sport in der Garderobe.

Autor: Reto Vogt