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03. November 2014

Faultiere

Ein Faultier hängt ab
Faultiere machen vor allem eines gerne: abhängen. (Bild Fotolia)

Ich habe ein nettes, kleines Morgenritual: Sobald Ida die Wohnungstür von aussen zumacht, um endlich, endlich Richtung Kindergarten zu trotten, und Eva endlich, endlich an Papis Hand gen Bahnhof läuft, um Richtung Kita zu starten, renne ich kopfvoran von innen gegen die Tür. Dummp-dummp-dummp. Klar, ich könnte auch Stossgebete gen Himmel schicken. Aber die Erfahrung zeigt: Ich bin eher der körperliche Typ. Sobald ich Sternchen sehe, geht es mir besser.

Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede? Lassen Sie mich ein wenig ausholen, dann wird es klarer: Meine Kinder sind morgens meist gut gelaunt und voller Tatendrang. Sobald ich aber erwähne, dass es nun Zeit wäre, die Pyjamas ab- und die normalen Kleider anzuziehen, fallen die beiden in eine unbeschreibliche Lethargie. «Mami, ich habe vergessen, wie man die Arme in den Pulli steckt», rechtfertigte sich Eva neulich. Ida erleidet ausserdem regelmässig Hörstürze, wenn ich mit den Kleidern, dem Kamm und der Zahnbürste anrücke. Vom einen auf den anderen Moment reagiert sie nicht mehr auf Ansprache und guckt nur noch verständnislos in meine Richtung. Um sich wenige Augenblicke später wegzudrehen und eine Bastelarbeit zu beginnen. So, als wäre ich nicht da. Oder nicht mehr. Dabei bin ich noch da. Sehr sogar.

Eine unerfahrene Mutter würde nun laut herumplärren und die Kinder mit der Peitsche in der Hand antreiben. Aber ich weiss aus Erfahrung, dass das null Komma nichts bringt. Been there, done that! Es ist effektiver, über den eigenen Schatten zu springen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Seit ich meinen faulen Kindern morgens beim Waschen, Kämmen, Anziehen helfe, werden wir innert nützlicher Frist fertig. Ohmmmmm! (Anschliessend, wenn mich niemand beobachtet, kommt es dann zu den vorhin beschriebenen Übersprungshandlung. Dummp, dummp, dummp. Aber das bleibt unser Geheimnis, gell?)

Neulich musste ich morgens sehr früh an einen Interviewtermin. Herr Leinenbach hatte ausnahmsweise allein das Heft in der Hand. Selbstverständlich bewegten sich die Girls auch bei ihm wie in Zeitlupe. Der Arme musste sich also nicht nur rasieren, duschen, anziehen, nein, er musste auch noch die kleinen Faultiere parat machen. Sie ahnen schon, wie die Geschichte weitergeht, oder? Richtig. Der Kindsvater erlitt um ein Haar einen Nervenzusammenbruch. Er schimpfte, er zeterte, er war fassungslos. «Wie schaffen wir es nur, dass die Kinder morgens besser hören», wollte er abends von mir wissen. Er sagte «wir», meinte aber «du». Ich zuckte mit den Schultern, drehte mich weg und begann eine Bastelarbeit.

Autor: Bettina Leinenbach