Archiv
06. August 2012

«Faul sein ist gut und tut gut»

Faulenzen ist seine Paradedisziplin: Professor Manfred Koch erklärt, warum Faulheit die Arbeitseffizienz steigert und weshalb ein Kinobesuch guter, Fernsehglotzen dagegen schlechter Müssiggang ist.

Der Basler Uni-Professor Manfred Koch
Manfred Koch ist Professor an der Universität Basel und hat Mühe, wirklich faul zu sein.

Dank Faulheit weiterkommen: Die zehn goldenen Tipps zum Erfolgsrezept Faulheit in Beziehung, Job, Haushalt und Freizeit.

Manfred Koch, waren Sie in letzter Zeit eher faul oder fleissig?

Ich wollte faulenzen und leistete es mir, mit meiner Frau vier Tage in ein Hotel ins Oberengadin zu fahren. Wir wollten beide an einem Buch arbeiten. Das Faule, im Sinne von Entspannung, lag darin, dass wir uns morgens aufs Schreiben konzentrierten und den Nachmittag im Wellnessbereich verbringen konnten.

Das klingt nicht nach vier Tage faulenzen.

Nein, das schaffen wir beide nicht. Aber sich entspannt auf ein Projekt konzentrieren können und das Essen geliefert bekommen ist heute schon ein Akt von «Nicht-Stress-Haben».

Ist das Ihre Definition von Faulheit?

Den Begriff Faulheit mit seinem ganzen Drohpotenzial kennt man erst seit dem Aufkommen der modernen Arbeitsgesellschaft. Also etwa seit dem 15., 16. Jahrhundert. In der Antike hingegen wurde vieles gepriesen, was heute als Faulheit gelten würde. Damals nannte man es noch freundlich «Musse».

Wo liegt denn der Unterschied?

So ganz traditionell und ein bisschen bürgerlich würde ich sagen, die ideale Form von Faulheit ist erfüllter Müssiggang. Also zum Beispiel Lesen oder Musik hören. Tätigkeiten, die relativ langsam, aber sinnvoll einen in sich zusammenhängenden Zeitraum ausfüllen. Müssiggang war in der Antike hoch geachtet und das selbstverständliche Ideal für jeden, der eine einigermassen höhere gesellschaftliche Stellung hatte. Wer etwas auf sich hielt, vermied Arbeit. Das war bis ins späte Mittelalter so. Ab dann galt plötzlich alles, was nicht anstrengende Erwerbsarbeit war, als verabscheuungswürdiger Müssiggang.

Wie konnte das passieren?

Die Moral des Protestantismus begann sich durchzusetzen. Gemäss ihr sind die «faulen» Sequenzen eines Tages auf ein Minimum zu reduzieren. Also jene Zeit, in der wir uns mit anderen Menschen unterhalten, Essen, Schlafen und so weiter. Für einen anständigen Christenmenschen gehörte es sich, permanent fleissig zu sein und wo immer möglich Zeit zu sparen.

Arbeiten ist aber nicht automatisch mit Stress haben gleichzusetzen.

Keineswegs. Es wäre uns auch unmöglich, dauerfaul zu sein. Im Gegenteil. Als aktive Wesen finden wir einen wesentlichen Teil unserer Befriedigung in dem, was wir täglich tun. Als Ideal gilt heutzutage, mit einer sinnvollen, erfüllenden Tätigkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. De facto gelingt das natürlich nur einem kleinen Teil.

Auch in der Freizeit wird ständig versucht, mehr Effizienz zu erbringen.

Wir arbeiten alle weniger als vor 50 Jahren, hätten also Zeit, um genüsslich zu faulenzen.

Im Prinzip schon. Bloss führte bisher jede Technik, die erfunden wurde, um Zeit zu sparen, dazu, dass wir noch weniger Zeit hatten. Weil wir die gewonnene Zeit nicht zum Faulenzen nutzen, sondern, um mehr zu arbeiten. Der Zeitdruck nimmt stetig zu – und damit unsere innere Nervosität. Als Folge verlieren wir die Fähigkeit, dem Müssiggang zu fröhnen. Ein typisches Beispiel: Die Leute reden ständig davon, dass es sinnvoll wäre, im Wald spazieren zu gehen. De facto gehen sie joggen. Auch in der Freizeit wird also ständig versucht, mehr Effizienz zu erbringen. Sie versuchen vielleicht, zu Hause hochwertige, entspannende Musik aufzulegen. Aber schon kommt der Druck, dass Sie inzwischen eigentlich noch schnell zwei E-Mails beantworten könnten. Oder ­bügeln. Oder die neusten Nachrichten online checken. Das ist das typische Beschleunigungsphänomen.

Wir haben also weder die Fähigkeit noch die Zeit zum Faulsein?

Meist sind wir bloss noch faul aus Erschöpfung. Im Klischeebild: Man setzt sich Punkt 19 Uhr auf die Couch und schüttet vier Flaschen Bier in sich rein, während die Glotze läuft. Das hat natürlich in keiner Weise den Entspannungscharakter von «gutem Müssiggang».

Warum fällt es so schwer, das Ding einfach auszumachen und etwas anderes zu tun?

Man will nur schnell die Nachrichten gucken, und wenn man das nächste Mal auf die Uhr schaut, ist man zwei Stunden vor dem Fernseher gesessen. Die meisten wissen, dass das nicht sehr bekömmlich ist. Aber die wenigsten können aus dieser Falle raus. Das ist aber nicht ihre persönliche Schuld, sondern ein strukturelles Problem unserer Beschleunigungsgesellschaft. Und darum darf man niemanden dafür verurteilen.

Was wäre denn «guter Müssiggang»?

Nur schon zwischen Kino und Fernsehen gibt es eine bemerkenswerte Diskrepanz. Bei beidem tut man das Gleiche: Man schaut einen Film. Trotzdem entspannt ein Kinobesuch nachhaltig, Fernsehen eher nicht. Das hat mit dem Kontext zu tun. Um ins Kino zu gehen, muss ich die Wohnung verlassen und komme in eine ungewohnte Umgebung. Es riecht anders, ich treffe auf fremde Menschen. Während der Vorstellung kann ich nicht schnell aufs Klo oder zum Kühlschrank. Dadurch bekommt ein Kinobesuch nachhaltige Erholungsqualität. Das ist durch Studien belegt.

Funktioniert das auch bei Actionfilmen?

Ja, denn ins Kino gehen ist ein in sich abgeschlossenes Erlebnis. Dadurch, dass sich ein Kinobesuch aus dem Alltagsleben heraushebt, bekommt er beinahe einen Festcharakter. Das entspannt.

Gibt es eine Formel, wie viel Anteil Arbeit im Vergleich zur Entspannung ideal wäre?

Nein, deswegen habe ich auch grosse Skepsis gegenüber der ausufernden Entspannungs-Ratgeber-Literatur. Grundsätzlich sind zwar all diese Ratschläge richtig. Die Empfehlung etwa, von Fast- zu Slowfood zu wechseln. Wie aber der Einzelne sie sinnvoll umsetzen soll, muss jeder selber herausfinden.

Alle schreien nach Entschleunigung ...

... und rennen in Entschleunigungs-Oasen, in diese Hotels mit grossen Wellnessbereichen. Aber da haben wir schon wieder ein Problem: Diese Oasen gehören zu einer eigentlichen Entschleunigungsindustrie, die so rasant gewachsen ist, dass die Wellnesstempel untereinander konkurrieren müssen und sich mit Angeboten gegenseitig überbieten.

Und ich als Konsument habe schon wieder Stress, weil ich mich entscheiden muss.

Genau. Und Leistung erbringen. Entspannungsleistung.

Ist unter diesen Voraussetzungen Entschleunigung überhaupt möglich?

Man kann natürlich aussteigen. Aber wer kann sich das schon leisten? Gut, es gibt die Sabbaticals, also das begrenzte Aussteigen für ein, zwei Jahre.

Der Basler Uni-Professor Manfred Koch
Der Basler Uni-Professor Manfred Koch

Macht das Sinn?

Nur bedingt. Es birgt das Risiko, sich bei der Rückkehr nicht mehr eingliedern zu können. Natürlich kann ein Sabbatical sinnvoll sein, um Luft zu holen, seinen Horizont zu erweitern, gelassener zu werden. Aber es ist eine Illusion zu glauben, Entschleunigung lasse sich nach einer Auszeit in den Alltag hinüberretten. Das Entschleunigungsmoment ist der Beschleunigung immer unterlegen. Natürlich muss jeder trotzdem seinen individuellen Rhythmus zwischen Anspannung und Entspannung suchen.

Meist sind wir bloss noch faul aus Erschöpfung.

Also bucht einer drei Wochen Strandferien und langweilt sich schon am dritten Tag.

Dann wird Ausspannen zum Stress. Erstens, weil man schon nach zwei Tagen nicht mehr in der Lage ist, faul zu sein. Und zweitens kommt der Druck dazu, dass man das eigentlich können müsste. Zumal sich endlich ein Traum erfüllt. Prompt setzt das Entspannungsleistungsphänomen ein. Man verlangt von sich, auch beim Faulsein zu funktionieren. Als Folge wird man noch unruhiger.

Ist man als junger Mensch fauler als im Alter?

Ich auf jeden Fall. Als Student brachte ich es fertig, eine Woche lang gar nichts Sinnvolles zu tun.

Sie bedienen ein Klischee.

Ich spreche nur für mich! Tatsache ist: Die Welt sucht verzweifelt nach innerer Ausgeglichenheit. Die aktuelle Begeisterung für antike oder fernöstliche Entspannungstechniken ist bezeichnend. Die antike Philosophie war auch eine Lebenskunstlehre, um zu innerer Ausgeglichenheit zu kommen. Die Stoiker etwa predigten eine Haltung der inneren Unbeteiligtheit gegenüber allem. Sie sagten sich: Ich muss mich zwar in die Gesellschaft integrieren, bin aber nicht verpflichtet, mir alles nahekommen zu lassen. Nur mit Distanz kann ich innerlich ruhig und ausgewogen bleiben. Die Thesen von Epiktet oder Seneca haben bis heute eine gewisse Gültigkeit.

Entschleunigung ist der Beschleunigung immer unterlegen.

Seneca musste keine Miete zahlen.

Das ist ein grundsätzliches Problem: Jene Menschen, die in der Antike über Musse nachdenken konnten, hatten auch die Zeit dazu. Heutige Philosophen sind alle noch Universitätslehrer mit Projekten und Gremiensitzungen.

Wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle eine Lösung?

Die Idee klingt gut – nur bin ich kein Fachmann. Ich muss mich auf die Meinung von Experten stützen, die glauben, das Model sei prinzipiell machbar. Es würde immerhin die Demütigung von Arbeitslosen verhindern.

Sie schreiben, es sei ökonomisch profitabler, wenn jene, die Arbeit haben, mehr arbeiten und die Arbeitslosen arbeitslos bleiben.

Ich sage nicht, das sei gut. Ich stelle nur fest, dass es sich für Unternehmen heute finanziell eher rentiert, Überstunden zu bezahlen als neue Leute einzustellen.

Die einen bekommen ein Burn-out und die anderen eine Depression. Für beides muss die Allgemeinheit die Folgekosten tragen.

Das interessiert den Arbeitgeber nicht. So haben die Unternehmen keine grosse Anzahl Mitarbeiter am Hals, die sie über Jahre und auch in schlechten Zeiten durchfüttern müssen.

Waren Sie schon mal arbeitslos?

Ja, am Ende meiner Assistenzzeit während anderthalb Jahren. Ich nutzte die Zeit, um meine Habilitationsschrift fertigzustellen. Ich arbeitete wie besessen. Wohlwissend, dass ich als Literaturwissenschaftler kaum vermittelbar bin. Wer hat schon Interesse an einem Menschen, der über deutsche Literatur schreibt.

Autor: Nathalie Bursać, Ruth Brüderlin

Fotograf: Matthias Willi